Schlagwortarchiv für: Eifersucht

Though ordi­na­ry ter­ro­rists may occa­sio­nal­ly force con­ces­si­ons from govern­ments by blo­wing up buil­dings or school­child­ren, roman­tic ter­ro­rists are doo­med to dis­ap­point­ment becau­se of a fun­da­men­tal incon­sis­ten­cy in their approach. You must love me, says the roman­tic ter­ro­rist; I will force you to love me by sul­king at you or making you feel jea­lous. But then comes the para­dox, for if love is retur­ned, it is at once con­side­red tain­ted, and the roman­tic ter­ro­rist must com­plain, If I have only forced you to love me, then I can­not accept this love, for it was not spon­ta­neous­ly given. Roman­tic ter­ro­rism is a demand that nega­tes its­elf in the pro­cess of its resolution.
(Alain de Bot­ton – On Love)

„Ich ver­ste­he das alles nicht. Was ist bloß mit mir los?“

„Bit­te?“

„Was stimmt nicht mit mir? Ich habe letz­te Nacht kein Auge zuge­tan. Für mehr als sechs Stun­den lag ich wach, sechs vol­le Stun­den, und die gan­ze Zeit habe ich fast aus­schließ­lich an sie gedacht und die gesam­te Situa­ti­on, in der ich mich befin­de. Nichts ergibt irgend­ei­nen Sinn.“

„Ich ver­ste­he nicht so recht, wor­um es geht.“

„Das Ers­te, wor­an ich den­ke, wenn ich mor­gens auf­wa­che, ist ihr Gesicht, ihr Lächeln. Ohne zu zögern möch­te ich sie anru­fen, ihr einen Brief schrei­ben oder mich ein­fach irgend­wie mit ihr tref­fen. Als ich das letz­te Mal mit ihr zusam­men­saß, ertapp­te ich mich dabei, auf ihre Hän­de, auf ihre Hand­ge­len­ke zu star­ren und bloß den einen Gedan­ken im Kopf zu haben, wie wun­der­schön sie sind und wie ger­ne ich sie berüh­ren wür­de, nicht mit sexu­el­lem Hin­ter­ge­dan­ken oder so, ein­fach nur… eine Berüh­rung, um ihre Hän­de zu hal­ten, um ihre Haut zu spüren.“

„Ich fan­ge an zu verstehen.“

„Ein­mal erwähn­te sie mir gegen­über irgend­ei­nen unbe­deu­ten­den Typen, den sie getrof­fen hat­te, ein namen­lo­ser Kerl, und ich fürch­te, ich wur­de eifersüchtig…“

„War­um?“

„Genau! War­um? Ich habe kei­ne Ahnung, war­um. Es gibt gar kei­nen Grund für mich, eifer­süch­tig zu sein.“

„Das heißt?“

„Es ist völ­lig hirnrissig.“

„Was?“

„Ich lie­be sie nicht. Gott, ich habe nicht mal irgend­wel­che Gefüh­le für sie. Den­noch… ver­wirrt mich das alles sehr.“

„Alles? Was alles?“

„Ich sehe Gespenster.“

„Gespens­ter?“

„Ja. Stän­dig sehe ich Men­schen, die so aus­se­hen wie sie, die mich an sie erin­nern, die sie in mei­nem Kopf leben­dig wer­den las­sen. In den Stra­ßen der Stadt, im Zug, in irgend­wel­chen Bars, eigent­lich über­all. Selbst wenn ich ganz genau weiß, sie kann es nicht sein, die in die­sem Moment genau da ist, wo ich auch bin, weil sie bei­spiels­wei­se auf der Arbeit ist, spü­re ich doch jedes Mal so ein Gefühl, so eine Hoff­nung, dass es ja doch tat­säch­lich sie sein könn­te, die ich da vor mir sehe. Ich füh­le den Drang, ein­fach hin­zu­ge­hen und sie anzu­spre­chen, die­se Gespens­ter anzu­spre­chen, die ich sehe, obwohl ich doch genau weiß, wie sinn­los das wäre. Wenn jemand nur vage Ähn­lich­keit mit ihr hat, geht das schon los und ich ver­hal­te mich so fremd, füh­le die­sen Drang. Klin­ge ich wie ein Idi­ot? Bin ich verrückt?“

„Ich den­ke, wir ken­nen alle die­se spe­zi­el­le Form von Verrücktheit.“

„Sobald mein Tele­fon klin­gelt oder ich bloß eine Email bekom­me, erwacht in mir sofort die Hoff­nung und der Wunsch, es könn­te viel­leicht sie sein, und jedes Mal bin ich dann regel­recht ent­täuscht, wenn sie es nicht ist. Am Anfang habe ich über all das gar nicht nach­ge­dacht, ja ich habe es nicht ein­mal wirk­lich bemerkt, wie selt­sam ich mich ver­hal­te, aber in letz­ter Zeit kann ich es nicht mehr über­se­hen, nicht mehr igno­rie­ren, und… es treibt mich in den Wahn­sinn. Es ist, als blick­te ich in einen Spie­gel und sähe dort mein Spie­gel­bild irgend­wel­che Din­ge tun, die ich selbst nie tun wür­de, doch zur glei­chen Zeit weiß ich ganz genau, dass es nie­mand ande­res ist als ich höchst­per­sön­lich, den ich da im Spie­gel sehe. Heu­te Mor­gen woll­te ich einem mei­ner Kol­le­gen eine Email schrei­ben, und als ich sei­ne Email­adres­se ins Emp­fän­ger­feld hät­te ein­tra­gen müs­sen, stell­te ich fest, dass ich schon ihre ein­ge­ge­ben hat­te, ohne dar­über nach­zu­den­ken. Es ist ver­rückt, oder? Das bin nicht mehr ich.“

„Du bist ein Ent­de­cker in einem Wun­der­land. Gewöhn dich bes­ser daran.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möch­te. Aber war­te, da ist noch mehr. Als ich heu­te im Lau­fe des Tages an ihrer Woh­nung vor­bei­fuhr, muss­te ich kurz an einer roten Ampel anhal­ten, und als ich da so war­te­te, das habe ich mir zunächst nicht ein­ge­stan­den, hoff­te ich, sie käme aus ihrer Tür her­aus und gera­de­wegs auf mich zu. Ich wuss­te, sie war nicht zuhau­se, den­noch habe ich genau das gehofft. Aber weißt du was?“

„Was?“

„Wenn sie tat­säch­lich aus ihrer Tür her­aus­spa­ziert wäre, hät­te ich nicht die gerings­te Idee gehabt, wie ich mit die­ser Situa­ti­on umge­hen oder was ich zu ihr hät­te sagen sol­len. Es ist jedes Mal so, wenn ich sie sehe, ich füh­le mich berauscht und unbe­hag­lich zugleich, und ich ver­ste­he nicht, wie­so das so ist.“

„Aber du bist den­noch glück­lich dabei?“

„Letz­te Woche bin ich durch das hal­be Land gereist, nur um einen ein­zi­gen Abend mit ihr zu verbringen…“

„Nur ein Abend?“

„Nur ein Abend. Ich habe eine Ewig­keit gebraucht, um zu ihr zu kom­men, und es kos­te­te mich ein Ver­mö­gen, aber es hät­te mir nicht gleich­gül­ti­ger sein kön­nen, denn alles, was mir in die­sem Augen­blick etwas bedeu­te­te, war der Umstand, sie zu sehen, ihr nahe zu sein, Zeit mit ihr ver­brin­gen zu kön­nen. Oh Mann, ich kann immer noch nicht rich­tig glau­ben, dass ich das wirk­lich getan habe. Das ent­wi­ckelt sich alles in die fal­sche Richtung.“

„Um ehr­lich zu sein, klingst du sehr danach, als wür­dest du dir etwas vor­ma­chen, die Wahr­heit ver­leug­nen, und glaub mir, damit ken­ne ich mich aus, ich weiß, wovon ich rede.“

„Lang­sam bezweif­le ich, dass es eine gute Idee war, das mit dir zu diskutieren…“

„Es zu igno­rie­ren ist sicher kei­ne bessere.“

„Hör zu, es gibt nichts zu ver­leug­nen, aber selbst wenn dem so wäre, rein hypo­the­tisch gedacht, wäre ich sicher der Ein­zi­ge, der in die­ser Sache emo­tio­nal invol­viert ist, also muss ich dar­über gar nicht erst nachdenken.“

„Und den­noch tust du es. Es spielt außer­dem über­haupt kei­ne Rol­le, weißt du.“

„Was spielt kei­ne Rolle?“

„Es spielt kei­ne Rol­le, ob sie eben­falls emo­tio­nal invol­viert ist, wie du es so hoch­tra­bend aus­ge­drückt hast. Was immer sie für dich fühlt oder angeb­lich nicht fühlt, ändert rein gar nichts an dem, was du für sie emp­fin­dest. Du hast also Unrecht. Es hat durch­aus Sinn, über all das nach­zu­den­ken. Du denkst über all das nach, du denkst über sie nach, du denkst an sie.“

„Aber ich emp­fin­de doch gar nichts für sie!“

„Jaja, ist klar, wie auch immer. Lass mich kurz zusam­men­fas­sen, was du mir bis hier­hin erzählt hast: Jeden Mor­gen ist sie das Aller­ers­te, wor­an du denkst, wenn du auf­wachst, und du setzt Him­mel und Höl­le in Bewe­gung, nur um sie für eine kur­ze Zeit zu sehen, nur um ihr vor­über­ge­hend nah zu sein. Du bist ner­vös, wenn sie in dei­ner Nähe ist und du ver­misst sie, wenn sie das nicht ist, dar­um siehst du dei­ne so genann­ten Gespens­ter. Offen­sicht­lich geht sie dir nicht mehr aus dem Kopf, und anschei­nend geht sie dir auch nicht mehr aus dem Her­zen. Du bist mit ziem­lich gro­ßer Wahr­schein­lich­keit gera­de der dümms­te Mensch auf die­sem Planeten.“

„War­um soll­te ich das sein und wer denkst du, dass du bist, um das zu beurteilen?“

„Oh, ich exis­tie­re nur in dei­nem Kopf, mein Freund. Das ist dir aber klar, oder? Des­sen unge­ach­tet unter­hältst du dich bereits seit einer knap­pen hal­ben Stun­de mit mir – nun, mit dir selbst eigent­lich – dar­über, wie du ja so gar kei­ne Gefüh­le für sie hast, wäh­rend sie gleich­zei­tig ganz offen­sicht­lich das ist, was dich am meis­ten beschäf­tigt und dir am aller­wich­tigs­ten ist. Willst du mich ver­ar­schen? Soll das ein beschis­se­ner Scherz sein?“

„Bit­te was?“

„Pass auf, ich wer­de dir kei­ne defi­ni­ti­ve Ant­wort auf dei­ne ursprüng­li­che Fra­ge geben, aber wenn wir uns ein­mal anse­hen, wel­che Hin­wei­se und Anhalts­punk­te du dir selbst gege­ben hast, bin ich mir ver­dammt sicher, du wirst das Rät­sel lösen. Ich hof­fe für dich, du wirst es tun, andern­falls bist du ein rie­si­ger Idi­ot. Ich habe erle­digt, wofür ich kam. Viel Glück!“