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Dei­ne Schwä­chen gehö­ren mir. Ich habe Dich uner­müd­lich beob­ach­tet und sie nach und nach ent­deckt. Ich lei­de dar­un­ter, daß Du sie hast, aber ich wür­de nicht wol­len, daß Du Dich änderst. Ich erwäh­ne sie Dir gegen­über manch­mal mit einem Lächeln. Ich möch­te Dich nicht krän­ken, Dir auch kei­ne Rat­schlä­ge geben. Ich möch­te, daß Du weißt, was ich weiß; und ich wünsch­te, statt zu ver­su­chen, Dich anders zu geben, als Du bist, wür­dest Du mir all Dei­ne klei­nen Häß­lich­kei­ten zei­gen. Ich wür­de sie lie­ben, denn sie wären ganz mein. Die ande­ren wür­den sie nicht ken­nen, und dadurch wären wir außer­halb der Welt ver­bun­den. Nichts ist lie­bens­wer­ter als die Schwä­chen und Feh­ler: Durch sie dringt man zur See­le des gelieb­ten Men­schen vor, der See­le, die sich in dem Wunsch, wie alle ande­ren zu erschei­nen, stän­dig ver­birgt. Es ist wie bei einem Gesicht. Die ande­ren sehen nur ein Gesicht; doch man selbst weiß, an wel­cher Stel­le genau die Kur­ve der Nase, statt ihre idea­le Linie fort­zu­set­zen, unmerk­lich bricht, um eine gewöhn­li­che Nase zu bil­den; man weiß, daß die Poren der Haut aus der Nähe grob und schwarz sind; man hat den Fleck in den Augen gefun­den, der mit­un­ter den Blick erlö­schen läßt, und den Mil­li­me­ter zuviel, den die Lip­pe auf­weist, um noch vor­nehm zu sein. Die­se klei­nen Makel möch­te man lie­ber küs­sen als das Voll­kom­me­ne, weil sie so arm sind und gera­de sie es aus­ma­chen, daß die­ses Gesicht nicht das eines ande­ren ist.
Mar­cel­le Sau­va­geot – Fast ganz die Deine

Als ich die Wor­te zum ers­ten Mal aus sei­nem Mund ver­nahm, fand ich sie furcht­bar flach: »Wir alle brau­chen manch­mal einen Lotsen«.

Die­ser nichts­sa­gen­de Satz, die­se inhalts­lee­re Belang­lo­sig­keit war einer sei­ner Lieb­lings­sprü­che, sein Man­tra, sei­ne Lösung für alles und sei­ne Lösung für jeden. Nun, für fast jeden, muss ich ergän­zen. Er selbst, der gro­ße Kapi­tän, schien kei­nen Lot­sen nötig zu haben, auf kei­ner Rei­se sei­nes Lebens, nein, im Gegen­teil, stets bot er sich ande­ren als Bei­stand an, weil er wohl glaub­te, er sei der ein­zi­ge, der ver­stan­den habe, wo im Leben die Untie­fen lie­gen und wel­che unsi­che­ren Gewäs­ser es zu mei­den gilt.

Es war ein Satz wie einer die­ser uner­träg­lich opti­mis­ti­schen Kalen­der­sprü­che, die Unzu­frie­de­nen das Leben etwas freund­li­cher gestal­ten sol­len und in ihrer Bot­schaft so belang­los, so stu­pi­de sind, dass nie­mand je etwas Ver­nünf­ti­ges dage­gen ein­zu­wen­den ver­mag. Was hät­te jemand auch gegen die­sen Satz ein­wen­den sol­len? Er war ja rich­tig. Das war es, was mich dar­an zur Weiß­glut brach­te. Aus­ge­rech­net er muss­te es sein, der mir die­sen bedeu­tungs­lo­sen Satz mit einer Ernst­haf­tig­keit vor­pre­dig­te, so als wüss­te er genau, wor­um es im Leben gehe und wie man es sich ein­zu­rich­ten habe. Er wähn­te sich nicht nur als stol­zer Kapi­tän sei­nes eige­nen, wind­schnit­ti­gen Lebens und Lot­se der Leben aller ande­ren, son­dern gleich als Kar­to­graf für Leben über­haupt. In mei­nen Augen war er ein arro­gan­ter, chau­vi­nis­ti­scher Idiot.

Mit der Zeit fing ich an, die­sen Satz zu has­sen, und dadurch letzt­lich auch des­sen Urhe­ber. Er mach­te mich rasend, zumin­dest inner­lich, und ich muss­te mich schier beherr­schen, ihm nicht offen ins Gesicht zu fau­chen. Mit einer gelas­se­nen Regel­mä­ßig­keit wag­te er es hin und wie­der, die­se Plat­ti­tü­de in Dis­kus­sio­nen ein­zu­streu­en, die er mit mir führ­te, oder den Satz zu vari­ie­ren, ihm ein Tro­ja­ni­sches Pferd als Vehi­kel zu kon­stru­ie­ren und ihn einer Meta­pher unter­zu­schie­ben, damit die Wor­te nachts her­vor­kom­men und in mei­nem Kopf ihre Wir­kung ent­fal­ten konn­ten. Wenn er sich mit ande­ren unter­hielt oder wenn wir in einer Grup­pe unter­wegs waren und er jeman­dem die­sen Tipp, die­se Nich­tig­keit zuteil­wer­den ließ, blick­te er mit einem süf­fi­san­ten Lächeln in mei­ne Rich­tung, so als woll­te er ganz sicher­stel­len, dass ich den Satz auch zwei­fel­los ver­nom­men hätte.

War­um war es ihm so wich­tig, mir die­sen Satz immer und immer wie­der unter die Nase zu rei­ben? Es kotz­te mich ehr­lich gesagt an. Ich war doch Kapi­tän mei­nes eige­nen Lebens und ich brauch­te kei­nen Lot­sen. Schon gar nicht ihn!

Was also woll­te er mir mit die­sem dümm­li­chen Satz sagen, was pass­te ihm nicht an mir? Ich ver­stand es nicht und ich wuss­te nicht, ob ich es über­haupt ver­ste­hen wollte.

In den fol­gen­den Mona­ten hat­ten wir sel­ten mit­ein­an­der zu tun, wir tra­fen uns nur dann und wann rein zufäl­lig, so auch an Sil­ves­ter. Wir plau­der­ten ganz ober­fläch­lich über die­ses und jenes, denn auch ihm muss­te auf­ge­fal­len sein, dass unser Kon­takt sich ver­rin­gert hat­te. Bei einem Bier erzähl­te ich ihm kurz von jenen Din­gen, die mich zu die­ser Zeit beweg­ten, belas­te­ten, ganz nor­ma­ler All­tags­kram, und er sprach bloß leicht ange­trun­ken von einem Schiff, das auf Grund lau­fen wür­de, wenn ihm ein Lot­se fehl­te, denn schließ­lich bräuch­te selbst der bes­te Kapi­tän manch­mal einen Lot­sen und so wei­ter. Er spul­te sein Pro­gramm ab.

Mir war klar, dass er mich mein­te. Ich wür­de mit mei­nen Pro­ble­men auf Grund lau­fen, wenn nicht er, der gro­ße, all­wis­sen­de Lot­se mich ret­ten wür­de. Arsch­loch! Er kam sich in die­sem Moment sicher unglaub­lich lus­tig und über­le­gen vor, und es war wie­der ein­mal typisch für ihn, der glaub­te, ich hät­te nur auf sei­ne, gera­de sei­ne ret­ten­de Hil­fe gewar­tet. Sah ich so aus, als hät­te ich das nötig? Nein! Er konn­te mich mal.

Als er mir von sei­ner neu­en Woh­nung vor­zu­schwär­men begann, hör­te ich ihm schon nicht mehr rich­tig zu. Völ­lig unver­bind­lich ließ ich mir das Ver­spre­chen abrin­gen, ihn irgend­wann ein­mal besu­chen zu kom­men, und ver­schwand sofort dar­auf im anony­men Tru­bel der Sil­ves­ter­fei­ern­den. Ich sah noch, wie er mir nach­wink­te. Er schien mit die­ser Ant­wort glück­lich zu sein, aber ich hat­te nicht vor, ihn tat­säch­lich zu besuchen.

Ein Jahr ver­ging, in dem ich ihn kaum sah. Jedes Mal, wenn es doch geschah, leb­te in mir die Erin­ne­rung an jenen Satz auf. Ich ver­mied es schließ­lich voll­ends, ihm zu begeg­nen, und ging ihm aus dem Weg. Es war kei­ne bewuss­te Ent­schei­dung, die mich dazu gebracht hat­te, son­dern die­ses auf eine vage Art ver­un­si­chern­de Gefühl, das mich über­kam, wenn ich durch ihn an sei­nen Satz erin­nert wur­de. Ich ertapp­te mich dabei und fand es albern, konn­te mich aller­dings nie über­win­den, ihn ein­fach anzu­ru­fen oder ein Tref­fen mit ihm zu ver­ein­ba­ren. Mir fiel wie­der ein, dass er in der Stadt eine neue Woh­nung gefun­den hat­te und ich nun weder sei­ne neue Anschrift noch sei­ne Tele­fon­num­mer besaß. Das beru­hig­te mich, denn selbst wenn ich ihn hät­te errei­chen wol­len, so hät­te ich es nicht gekonnt. Es lag nicht in mei­ner Macht.

Er wie­der­um mach­te eben­so weni­ge Anstal­ten, sich bei mir zu mel­den, und so ver­gaß ich ihn fast, bis ich eines Tages im Super­markt auf jeman­den traf, den er mir einst als einen Freund vor­ge­stellt hat­te. Unschlüs­sig, ob ich die­sen Freund ein­fach anspre­chen soll­te, blieb ich zwi­schen den Rega­len ste­hen und dach­te nach, bis mir die Ent­schei­dung abge­nom­men wur­de und er sei­ner­seits auf mich zukam. Von der Situa­ti­on über­rum­pelt, ent­fuhr mir ein »Hal­lo!«, er aber griff bloß nach einer Packung Corn­flakes. Ich stand genau davor. Das war alles. Wort­los mus­ter­te er mich, bis ich ihn schließ­lich unbe­hol­fen frag­te, ob er sich an mich erin­ne­re, wir hät­ten einen gemein­sa­men Freund, und wo die­ser gemein­sa­me Freund denn hin­ge­zo­gen sei. Sein Gesicht ver­riet mir, dass er mich erkann­te. Zunächst erstaunt, dann bedrückt sah er mich an, bejah­te, sah sich um, als sei­en sei­ne Wor­te für die­sen Ort unge­eig­net, und sprach in gedämpf­tem Ton:

„Du weißt es noch gar nicht, hm? Man fand ihn vor, ja, knapp andert­halb Mona­ten in sei­ner Woh­nung. Tablet­ten oder so. Er hat­te sogar einen Abschieds­brief geschrie­ben, na ja, mehr eine Abschieds­no­tiz: »Ohne dich lau­fe ich auf Grund«. Selt­sam, was? Nie­mand weiß, wen oder was er damit gemeint hat.“

Und da ver­stand ich sei­nen Satz.

Als die ers­ten Signa­le aus dem All emp­fan­gen wur­den, konn­te noch nie­mand wis­sen, was auf uns zukom­men wür­de. Die Streit­kräf­te der größ­ten Natio­nen berei­te­ten erwar­tungs­ge­mäß recht grim­mi­ge Ver­tei­di­gungs­maß­nah­men vor und waren über­aus besorgt, wie sie das immer sind, wenn etwas Unvor­her­ge­se­he­nes geschieht, weil es Auf­ga­be des Mili­tärs ist, besorgt und mög­lichst grim­mig zu sein. Die Mas­sen­me­di­en über­schlu­gen sich mit ihrer Bericht­erstat­tung, sie wett­ei­fer­ten gera­de­zu um die wil­des­ten Gerüch­te und schür­ten glo­ba­le Panik, wie sie es immer tun, weil sie das für ihre gött­li­che Beru­fung hal­ten. Sek­ten und Welt­un­ter­gangs­spin­ner sahen mit einem nicht zu ver­heh­len­den Stolz das end­gül­ti­ge Ende her­auf­zie­hen, das sie dem Rest der Bevöl­ke­rung schon seit Ewig­kei­ten gepre­digt hat­ten, ohne jemals von irgend­je­man­dem wirk­lich ernst genom­men wor­den zu sein. Poli­ti­ker aller Län­der began­nen damit, trotz ihrer bis­he­ri­gen Kon­flikt­li­ni­en auf ein­mal offen mit­ein­an­der zu reden, weil sie nun einen neu­en, gemein­sa­men Feind iden­ti­fi­zie­ren konn­ten, der ihnen womög­lich die Macht über ihr Revier strei­tig zu machen droh­te. Zusam­men­fas­send muss man sagen, dass sich die Erde in ein kopf­lo­ses Toll­haus ver­wan­del­te, doch genau genom­men kann die­se Bezeich­nung dem gan­zen Vor­gang nicht völ­lig gerecht wer­den, weil man der Wahr­heit zulie­be ergän­zen müss­te, dass sie ein noch viel grö­ße­res Toll­haus wur­de, als sie es nor­ma­ler­wei­se sowie­so schon war.
Unse­re Ver­su­che, noch wäh­rend ihres Anflugs auf die Erde irgend­ei­ne Art von Kon­takt mit ihnen her­zu­stel­len, schlu­gen alle­samt fehl, also blieb uns nichts wei­ter übrig, als ner­vös ihre Ankunft abzu­war­ten und das Bes­te zu hof­fen. Je nach Men­schen­we­sen, das man dazu befragt hät­te, wäre die Vor­stel­lung dar­über, was die­ses Bes­te denn über­haupt sei, sicher­lich sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len. Die einen erhoff­ten sich von den Besu­chern aus dem All einen gewal­ti­gen kul­tu­rel­len und tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt, ande­re sahen es als Gele­gen­heit, ja als Her­aus­for­de­rung an, end­lich ein paar Wesen abseits der gewohn­ten Fau­na abzu­knal­len, was nach so vie­len Jah­ren voll umfang­rei­cher Pra­xis­er­fah­rung lang­sam lang­wei­lig zu wer­den droh­te, und wie­der ande­re mal­ten sich neue sexu­el­le Erfah­run­gen aus. Ob sie wohl auch auf die Erde gekom­men wären, wenn sie die­se Gedan­ken alle­samt gekannt hätten?
Ande­rer­seits gibt es Idio­ten wirk­lich über­all, also sicher auch unter extra­ter­res­tri­schen Lebens­for­men, wes­we­gen mensch­li­che Idio­tie für unse­re Besu­cher kei­ne all­zu gro­ße Über­ra­schung gewe­sen sein dürf­te. Ob einer ein Idi­ot ist, hat dabei jedoch nichts damit zu tun, wie intel­li­gent er ist oder eben nicht, denn oft genug stel­len sich gera­de die Intel­li­gen­tes­ten als die größ­ten Idio­ten her­aus, weil sie es eigent­lich bes­ser wis­sen müss­ten. Wenn es eines gibt, das jede Kul­tur im Uni­ver­sum ver­bin­det, dann ist es mit Sicher­heit die Exis­tenz von Idio­ten, und man müss­te die Evo­lu­ti­on wirk­lich ein­mal fra­gen, was sie sich dabei eigent­lich gedacht hat. Wahr­schein­lich gar nichts. Die Evo­lu­ti­on ist auch ein Idi­ot. Gott habe den Men­schen nach sei­nem eige­nen Bil­de erschaf­fen, heißt es dage­gen in man­cher Reli­gi­on, doch wenn es unter den Men­schen so vie­le Idio­ten gibt, was hie­ße das dann im Umkehr­schluss für Gott? Er kann sich glück­lich schät­zen, dass es ihn nicht gibt.
Sie lan­de­ten jeden­falls in der Nähe von She­n­yang, einer Stadt im Nord­os­ten Chi­nas, ohne dass unse­rer­seits beson­de­re Begrü­ßungs­maß­nah­men hät­ten vor­be­rei­tet wer­den kön­nen, weil uns voll­kom­men unbe­kannt war, wo sie Fuß auf die­sen Pla­ne­ten set­zen wür­den. Bis heu­te wis­sen wir nicht, wes­halb sie aus­ge­rech­net dort gelan­det sind. Ver­mut­lich war die­ser Platz so gut wie jeder ande­re, aber all die ver­schmäh­ten Staa­ten waren sich nicht zu fein, sofort die böses­te Gerüch­te kur­sie­ren zu las­sen, Chi­na habe schon Kon­takt zu unse­ren Besu­chern gehabt und ste­cke mit ihnen unter einer Decke, um die gesam­te Mensch­heit end­lich zu ver­skla­ven. Gewähl­te Staats­chefs zeig­ten sich belei­digt wie ein klei­nes Kind, das empört fest­stel­len muss, dass es von der Kin­der­gärt­ne­rin nicht aus­rei­chend beach­tet wird, wobei aus­rei­chend mit exklu­siv zu über­set­zen ist. Wer hat­te sie eigent­lich gewählt? Mit Sicher­heit Idioten.
Als sie lan­de­ten, geschah alles so, wie es immer geschieht, und war dar­um irgend­wie rich­tig lang­wei­lig. Das Mili­tär fuhr schwe­res Geschütz auf, um den uner­war­te­ten Besu­chern ohne jede Ver­zö­ge­rung unmiss­ver­ständ­lich die Stär­ke der Erd­be­völ­ke­rung zu demons­trie­ren, wäh­rend sich die Staats­män­ner gegen­sei­tig bei dem Ver­such über­trumpf­ten, das eige­ne Land als kul­tu­rell und tech­no­lo­gisch füh­rend her­aus­zu­stel­len, was beson­ders pein­lich aus­sah für jene, deren größ­te kul­tu­rel­le Leis­tung es bis dahin gewe­sen war, im Inter­net bestimm­te eri­gier­te Kör­per­tei­le zu prä­sen­tie­ren. Die Außer­ir­di­schen beein­druck­te weder das eine noch das ande­re. Mir schien es, als sei­en sie den Wir­bel um ihre Ankunft gewohnt, als sähen sie über all die­sen Tru­bel gleich­gül­tig, viel­leicht auch amü­siert hinweg.
Ihr Raum­schiff erschien uns auf den ers­ten Blick ziem­lich unspek­ta­ku­lär und war weder beson­ders impo­sant noch auf irgend­ei­ne Art mys­te­ri­ös, im Ver­gleich mit den Fan­ta­sie­ge­bil­den unzäh­li­ger Sci­ence-Fic­tion-Autoren kam es mir ganz und gar öde vor.
Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit uns war für unse­re neu­ge­won­ne­nen Gäs­te kein Pro­blem, auch wenn sie uns nie ver­ra­ten haben, wie sie die­se Kennt­nis­se eigent­lich erlangt hat­ten. Viel­leicht hat­ten sie unse­re Radio- und Fern­seh­über­tra­gun­gen emp­fan­gen, bevor sie auf unse­ren Pla­ne­ten kamen. Eine intel­li­gen­te Lebens­form, die mensch­li­che Radio- und Fern­seh­über­tra­gun­gen emp­fängt und dann unse­rem Pla­ne­ten trotz­dem noch einen Besuch abstat­ten möch­te, ist ent­we­der extrem tole­rant und offen­her­zig oder ziem­lich idio­tisch. Die Mensch­heit mach­te sich, wohl zu ihrer eige­nen Ent­las­tung, dar­über aller­dings gar kei­ne Gedan­ken oder wenn doch, dann nahm sie zumin­dest ers­te­res an.
Die Außer­ir­di­schen inter­es­sier­ten sich sehr für die Geschich­te der domi­nan­ten Spe­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten und wie es der Zufall ergab, waren wir das. Wir waren sogar so domi­nant, dass vie­le ande­re Lebens­for­men in einem mehr als devo­ten Ges­tus das Fort­set­zen der eige­nen Spe­zi­es mehr oder weni­ger frei­wil­lig auf­ga­ben, um uns noch domi­nan­ter wer­den zu las­sen. Rück­bli­ckend muss man sagen, dass wir ihnen dafür wenigs­tens mal eine Gruß­kar­te hät­ten schrei­ben kön­nen, doch wir Men­schen sind schon seit Beginn unse­rer gro­ßen Erfolgs­ge­schich­te sehr gut dar­in gewe­sen, mora­li­sche Grund­la­gen dafür zu erfin­den, wenn die­je­ni­gen Lebe­we­sen, die wir gut fin­den, jene Lebe­we­sen töten, die wir nicht so gut fin­den. Uns selbst fan­den wir schon immer ver­dammt gut. Unse­re Besu­cher jeden­falls baten uns um den Zugriff auf unse­re Archi­ve, auf Tech­no­lo­gie und auf das Know-how, das die Mensch­heit im Lau­fe ihrer Ent­wick­lung ange­sam­melt hat­te. Sie sag­ten uns, dass sie für genau ein Jahr unse­rer Zeit­rech­nung auf der Erde blei­ben wür­den, um ihre Expe­di­ti­on, wie sie es nann­ten, durch­zu­füh­ren und uns danach wie­der zu verlassen.
Das Mili­tär zeig­te sich zunächst skep­tisch, weil Mili­tär grund­sätz­lich jedem fried­li­chen Han­deln skep­tisch gegen­über­steht, aber nach­dem auch den aggres­sivs­ten Köp­fen klar­ge­wor­den war, dass wir tech­no­lo­gisch hoff­nungs­los zurück­la­gen und eine mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung nie wür­den gewin­nen kön­nen, wur­de der voll­um­fäng­li­chen Koope­ra­ti­on schließ­lich zugestimmt.
Im Gegen­zug for­der­ten die Staa­ten der Erde von den Außer­ir­di­schen umfang­rei­che Ent­wick­lungs­hil­fe, die unse­rer Intel­li­genz und Stel­lung wür­dig sei. Sie haben es nicht so aus­ge­drückt, aber es wur­de klar, dass sie es genau so mein­ten. Die mäch­ti­gen Staats­män­ner sag­ten, sie wür­den es als Zei­chen der Koope­ra­ti­on und der gegen­sei­ti­gen Fried­fer­tig­keit betrach­ten, wenn uns die Außer­ir­di­schen mit ihrem gewal­ti­gen Wis­sens­vor­sprung unter die Arme grei­fen wür­den, doch unter all dem diplo­ma­ti­schen Gefa­sel lag die Dro­hung der nuklea­ren Zer­stö­rung, zur Not eben inklu­si­ve des Risi­kos der eige­nen Ver­nich­tung, soll­ten die Außer­ir­di­schen ihr Wis­sen nicht frei­wil­lig mit uns tei­len wollen.
Zwölf Mona­te lang weil­ten die Außer­ir­di­schen anschlie­ßend auf der Erde, betrie­ben For­schung, stell­ten Fra­gen, leb­ten unter uns und unter­such­ten unse­re Lebens­wei­se. Sie lasen unse­re Geschichts­bü­cher, erhiel­ten Zugriff auf staat­li­che Archi­ve, stu­dier­ten unse­ren All­tag und die Art, wie wir uns gesell­schaft­lich zu orga­ni­sie­ren gewohnt waren. Sie durch­wühl­ten unse­ren Müll, was uns ein wenig beun­ru­hig­te, weil wir sehr viel davon her­stell­ten und oft genug gera­de sol­che Din­ge in den Müll schmis­sen, von denen wir nicht ein­mal woll­ten, dass unser Nach­bar dar­über Bescheid wüss­te. Man­che unse­rer Medi­en mach­ten sich über sie lus­tig und bezeich­ne­ten sie als inter­ga­lak­ti­sche Pen­ner, weil sie so weit gereist waren, nur um dann unse­ren Müll zu durch­su­chen. In dem zu wüh­len, was ande­re müh­sam gekauft und dann weg­ge­schmis­sen hat­ten, das fan­den wir nicht in Ord­nung, weder im Fall ter­res­tri­scher noch im Fall außer­ter­res­tri­scher Müll­die­be, aber bei letz­te­ren mach­ten wir eine Aus­nah­me, weil sie uns im Gegen­satz zum Obdach­lo­sen von der Stra­ße nun ein­mal lei­der über­le­gen waren.
Sie durch­wühl­ten jedoch nicht nur unse­ren Müll und im meta­pho­ri­schen Sinn unse­re Geschich­te, son­dern beob­ach­te­ten auch sehr genau, wie wir Men­schen mit­ein­an­der umgin­gen und wie wir mit allem ande­ren haus­hiel­ten, was die­ser Pla­net uns zur Ver­fü­gung stell­te. Es gab vie­le ver­schie­de­ne Arten, die mensch­li­che Geschich­te zu betrach­ten, doch unterm Strich lief alles dar­auf hin­aus, dass ein­fach lau­ter Men­schen lau­ter ande­re Men­schen umge­bracht hat­ten oder, wenn gera­de kei­ne ande­ren Men­schen zur Ver­fü­gung stan­den, dann eben die nächst­bes­ten Lebe­we­sen. Wir haben das schon immer für ein Zei­chen von Intel­li­genz und Zivi­li­sa­ti­on gehal­ten, also gab es nichts, wofür wir uns hät­ten schä­men müssen.
Nach­dem sie die­se zwölf Mona­te mit For­schung und Beob­ach­tung ver­bracht hat­ten, erklär­ten sie uns, sie wür­den die Erde nun wie­der ver­las­sen, genau wie sie es uns ange­kün­digt hat­ten. Die Staats­män­ner aller Natio­nen zeig­ten sich ange­sichts die­ser Nach­richt sehr trau­rig, waren inner­lich aber froh, die­se über­le­ge­nen Kon­kur­ren­ten end­lich wie­der los­zu­wer­den und ver­säum­ten es auch nicht, mit Nach­druck auf die ver­spro­che­ne Unter­stüt­zung der Außer­ir­di­schen hin­zu­wei­sen. Wenn Staa­ten auf etwas hin­wei­sen, dann machen sie das oft sehr sub­til, bei­spiels­wei­se mit Pan­zern, Bom­ben und gro­ßen Kriegs­schif­fen. Auf die­sen Punkt also ähn­lich sub­til ange­spro­chen, ver­si­cher­ten uns die Besu­cher ohne auch nur einen Moment des Zögerns, sie wür­den selbst­ver­ständ­lich zu ihrem Ver­spre­chen ste­hen. Sie baten uns ledig­lich um etwas mehr Geduld und um die Mög­lich­keit, zum Abschied vor der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen spre­chen zu dürfen.
Es ließ sich kaum ver­heh­len, dass man ihnen alles Mög­li­che zuge­stan­den hät­te, wenn sie nur end­lich wie­der abge­flo­gen und unse­re eta­blier­ten Macht­struk­tu­ren in Ruhe gelas­sen hät­ten, also wur­de ihnen ihre Rede gewährt. Eine Rede vor der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen hat­te in der Regel auf die Welt­po­li­tik unge­fähr so viel Ein­fluss wie das betrun­ken von sich gege­be­ne Stamm­tisch­ge­schwätz in einer belie­bi­gen Knei­pe, nur war die Wahr­schein­lich­keit um eini­ges grö­ßer, an einem Knei­pen­tisch einen Ehren­mann vor­zu­fin­den. Mit gro­ßem Getö­se fei­er­te man den Tag des Abschieds, der wie ein Tag der Befrei­ung behan­delt wur­de, obwohl sie uns gegen­über nie als Besat­zer auf­ge­tre­ten waren. Reih­um hiel­ten die Regie­rungs­chefs der größ­ten Län­der ihre Anspra­chen, in denen sie sich vor Lob und auf­ge­setz­ter Dank­bar­keit gera­de­zu über­schlu­gen. Als letz­tes trat ein Ver­tre­ter der Besu­cher nach vor­ne ans Rednerpult.
Die Mensch­heit wur­de wegen zahl­rei­cher Ver­bre­chen gegen das Leben zum Aus­ster­ben ver­ur­teilt. Wäre das empör­te Gere­de im Saal nicht so laut gewe­sen, man hät­te das glo­ba­le Unter­kie­fer­her­un­ter­klap­pen tat­säch­lich hören kön­ne. Die Schwe­re des Ver­bre­chens und das dar­aus her­vor­ge­hen­de schar­fe Urteil, so erklär­ten sie uns, wur­den deut­lich bei Betrach­tung der geschicht­li­chen Ent­wick­lung unse­rer Spe­zi­es. Anstatt aus Ver­feh­lun­gen zu ler­nen, und an Ver­feh­lun­gen zeig­te sich die mensch­li­che Geschich­te reich, waren über Gene­ra­tio­nen hin­weg die Mög­lich­kei­ten ver­fei­nert wor­den, den eige­nen Erobe­rungs­feld­zug gegen den Pla­ne­ten und letzt­lich das gesam­te Uni­ver­sum zu opti­mie­ren, offen­sicht­lich ohne jedes Gefühl der Reue, ohne Skru­pel und ohne Rück­sicht auf mensch­li­ches oder nicht­mensch­li­ches Leben. Um eine Gefahr für ande­re Pla­ne­ten und deren Lebens­for­men abzu­wen­den, habe man sich dar­auf geei­nigt, prä­ven­tiv ein­zu­grei­fen. Wie um die­sen Ankla­ge­punkt sofort zu bestä­ti­gen, droh­ten eini­ge Staa­ten mit der ato­ma­ren Ant­wort auf die­ses in ihren Augen lächer­li­che Urteil, und es hät­te bloß eines durch­schnitt­li­chen mensch­li­chen Idio­ten bedurft, um die­se Dro­hung ernst­haft umzu­set­zen, doch war der zum Glück ent­we­der gera­de in der Knei­pe oder ein­fach zu unfä­hig für die gestell­te Aufgabe.
Wie unse­re Besu­cher uns erklär­ten, hat­ten sie der Erd­at­mo­sphä­re eine spe­zi­ell für die­sen Zweck ent­wi­ckel­te Art von Mikro­or­ga­nis­men bei­gefügt, die das Urteil bio­tech­no­lo­gisch umset­zen soll­ten, indem sie aus­schließ­lich die mensch­li­che Spe­zi­es befal­len und mit makel­lo­ser Effek­ti­vi­tät deren Unfrucht­bar­keit bewir­ken wür­den. Dann ver­lie­ßen sie unse­ren Pla­ne­ten wieder.
Natür­lich haben wir ver­sucht, uns mit ver­zwei­fel­ter Anstren­gung gegen die Fol­gen der extra­ter­res­tri­schen Inter­ven­ti­on zu weh­ren, wir tun es noch immer. Unse­re Wis­sen­schaft­ler waren sich bereits nach kur­zer Zeit sehr sicher, die ver­ant­wort­li­chen Mikro­or­ga­nis­men schnell ana­ly­sie­ren und unschäd­lich machen zu kön­nen, wie sie sich bereits bei allen ande­ren drän­gen­den Pro­ble­men der Mensch­heit zuvor stets schnell sicher gewe­sen waren, die­se unter Kon­trol­le brin­gen zu kön­nen. Die Stra­fe der außer­ir­di­schen Besu­cher hat ermög­licht, was zuvor nur blo­ße Uto­pie war. Zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Mensch­heit ist zu beob­ach­ten, dass alle Staa­ten, alle Kon­ti­nen­te, alle Grup­pen und alle Frak­tio­nen fried­lich zusam­men­ar­bei­ten, denn es geht um nicht weni­ger als das ver­bin­den­de Pro­jekt, eine ret­ten­de Lösung zu fin­den, die der Mensch­heit das Über­le­ben ermög­li­chen soll. Je län­ger wir dar­an arbei­ten, des­to deut­li­cher wird jedoch auch, dass wir gegen den tech­no­lo­gi­schen Vor­sprung unse­rer Rich­ter ver­mut­lich kei­ne ernst­zu­neh­men­de Chan­ce haben wer­den. Die Zeit läuft uns davon. Seit sieb­zehn Jah­ren wur­de auf dem gesam­ten Pla­ne­ten kei­ne ein­zi­ge Schwan­ger­schaft mehr verzeichnet.
Wir for­der­ten von ihnen eine Form der Unter­stüt­zung, die unse­rer wür­dig sei, und ich fürch­te, genau das haben wir bekommen.

„Ich mag dich sehr“, sag­te sie zu ihm, als sich die U‑Bahn-Türen zwi­schen ihnen lang­sam schlos­sen und er allei­ne auf dem Bahn­steig zurück­blieb, ohne jede Mög­lich­keit, dar­auf irgend­wie zu antworten.

Nun war sie zuhau­se, lag auf ihrem Bett und zer­brach sich den Kopf. Sie kam sich so dumm vor. Da wur­de sie ein­mal für einen absurd kur­zen Augen­blick von ihren Gefüh­len über­mannt und brach­te in die­sem Zustand dann gleich einen der­ar­ti­gen Satz her­vor, eine ent­lar­ven­de Aus­sa­ge, ein Geständ­nis. Sie wuss­te, er wür­de nie das glei­che für sie emp­fin­den, das sie für ihn emp­fand. Dar­an gab es für sie kei­nen Zwei­fel. Wie­so also muss­te sie sich unbe­dingt mit einem sol­chen Satz bla­mie­ren, der das Ver­hält­nis zwi­schen ihnen unbarm­her­zig ver­än­dern wür­de. Alles wür­de kom­pli­zier­ter wer­den. Er wür­de auf Distanz gehen, er wür­de Abstand zwi­schen sie bei­de brin­gen, ob sie das woll­te oder nicht, dabei war das doch genau das, was sie am wenigs­ten ver­kraf­ten wür­de. Sie schlug mit der Faust auf ihr Bett. So ein klei­ner, unwich­ti­ger, abso­lut lächer­li­cher Satz soll­te alles ruinieren.

Aber nein. Was genau habe ich denn wirk­lich gesagt, dach­te sie. Es war doch bloß: „Ich mag dich sehr“. Das war kein Geständ­nis. Das war nicht ein­mal eine Andeu­tung, wenn man es genau nimmt. „Ich mag dich sehr“ lässt Raum für Inter­pre­ta­tio­nen. Inter­pre­ta­tio­nen erlau­ben Frei­heit, Inter­pre­ta­tio­nen erlau­ben Hin­ter­tü­ren. Zwar war sie gewöhn­lich sehr dar­auf bedacht, eine prä­zi­se Aus­drucks­wei­se an den Tag zu legen, doch in Situa­tio­nen wie die­sen hat­te sie sich ange­wöhnt, sich mög­lichst vage aus­zu­drü­cken. Vage Aus­sa­gen eröff­nen Hand­lungs­spiel­raum; man tän­zelt und laviert um das Feu­er her­um. Bloß nicht fest­le­gen. Bloß nicht fest­le­gen las­sen. Prä­zi­si­on der Spra­che war ihr uner­wünscht, zumin­dest in Sach­la­gen die­ser Art, sobald Emo­tio­nen ins Spiel kamen. Man kann etwas sagen und völ­lig offen las­sen, was damit gemeint ist. Es bleibt die Inter­pre­ta­ti­on; ein Schild, ein Schutz­wall, ein Not­aus­gang. Der ande­re soll sagen, was er dar­un­ter ver­steht, was er in das Gesag­te hin­ein­in­ter­pre­tiert. Ist es das Fal­sche, kann man sich bequem hin­ter das Schutz­schild sprach­li­cher Unschär­fe zurück­zie­hen und behaup­ten, man habe nie gemeint, was man gemeint hat.

Was also hat­te sie wirk­lich zu ihm gesagt? „Ich mag dich sehr“ – das konn­te alles hei­ßen! Von „Du bist ein guter Freund“ über „Dei­ne Art gefällt mir“ oder „Ich lie­be dich“ bis hin zu „Ich möch­te mit dir schla­fen“ war doch alles und nichts, waren gan­ze Bedeu­tungs­uni­ver­sen in die­sem Satz ent­hal­ten, der so vage war, dass es sie freu­te. Er konn­te sie nicht damit fest­na­geln. Was er in die­sem Satz las, ent­schied ein­zig und allein sei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Ver­mut­lich dach­te er, sie sei in ihn ver­liebt. Das war die Wahr­heit, aber es war eben eine Wahr­heit, die sie ihn nicht wis­sen las­sen woll­te, denn er, er war doch nicht in sie ver­liebt, das war ihr klar.

Seit Mona­ten bereits heg­te sie Gefüh­le für ihn. Sie freu­te sich, wenn er ihre Bücher las, wenn er die Musik hör­te, die sie ihm emp­fahl, wenn er Zeit mit ihr ver­brach­te, wenn er ihr Brie­fe schrieb oder sie ein­fach bloß anschau­te, mit sei­nen bezau­bern­den blau­en Augen. Sie hat­te ver­sucht, sein Ver­hal­ten zu deu­ten, hat­te her­aus­be­kom­men wol­len, ob er sei­ner­seits Gefüh­le für sie heg­te, doch ein­deu­tig sagen ließ sich das nicht. Es blieb die Inter­pre­ta­ti­on. Nach eini­gen Wochen war sie zu dem Schluss gelangt, dass er offen­bar nichts für sie emp­fand. Das war scha­de, doch sie fand sich damit ab und sei­ne Gesell­schaft war ihr wei­ter­hin das Paradies.

Den Kon­takt zu ihm jetzt zu ver­lie­ren, nur weil ihr in einem unkon­trol­lier­ten Moment eine Rei­he lächer­li­cher Wör­ter über die Lip­pen gekom­men war, wäre für sie uner­träg­lich gewe­sen. Wie also wür­de er nun reagie­ren auf die­sen törich­ten Satz, frag­te sie sich, den sie so unbe­hol­fen in die Welt hin­aus geflüs­tert hat­te. Sie wuss­te es. Er wür­de sagen: „Ich mag dich auch, aber…“ und dabei ver­su­chen, sie nicht zu ver­let­zen, wäh­rend er in Gedan­ken bereits das Ende ihrer Freund­schaft kon­stru­ier­te. Sie jedoch wür­de sich erho­be­nen Haup­tes hin­ter ihr sprach­li­ches Schutz­schild zurück­zie­hen, hin­ter den Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum ihrer vagen Wor­te. Sie wür­de lachen und sagen: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“. Sie wür­de klar­stel­len, dass sie die­sen Satz rein freund­schaft­lich begrif­fen hat­te. Dann wür­den sie gemein­sam lachen, bei­de wären erleich­tert, und alles blie­be so wie immer. Das war ihr Plan. Sie war stolz auf sich, auf die­ses sprach­li­che Hin­ter­tür­chen, das alles letzt­lich ret­ten und damit ihr Gesicht wah­ren würde.

Plötz­lich brumm­te es lei­se. Sie stand vom Bett auf, sah nach und erschrak. Er hat­te ihr geschrie­ben; eine SMS war­te­te dar­auf, von ihr gele­sen zu wer­den. Doch was wür­de er schon schrei­ben, dach­te sie. „Ich mag dich auch, aber…“ wür­de dort ste­hen, wie sie es erwar­te­te, und sie wür­de sich ent­täuscht durch ihr Hin­ter­tür­chen davon­ma­chen, wür­de sich nichts anmer­ken las­sen, wür­de ihm ant­wor­ten, es sei nur ein Miss­ver­ständ­nis und dass er den Satz bloß ungüns­tig inter­pre­tie­re. Es bleibt die Interpretation.

Sie muss­te sich regel­recht dazu über­win­den, das Han­dy nicht ein­fach bei­sei­te­zu­le­gen, und so sah sie schließ­lich nach, was er ihr geschrie­ben hat­te. „Ich mag dich auch sehr“, stand dort, „das woll­te ich dir schon lan­ge sagen, aber ich hab mich nicht getraut. Ich hof­fe, wir sehen uns bald wieder.“

Das über­rasch­te sie. Es war eine Reak­ti­on, die sie in ihrem Plan nicht bedacht hat­te, denn sie war so unwahr­schein­lich, so unmög­lich. Damit hat­te sie nicht gerech­net, dar­auf war sie nicht vor­be­rei­tet. Sie hat­te sich so sehr mit der bevor­ste­hen­den Ent­täu­schung abge­fun­den, ja sogar ange­freun­det, dass sei­ne Ant­wort sie nun bei­na­he wütend mach­te, denn jetzt ent­täusch­te er sie mit dem Aus­blei­ben die­ser nur all­zu vor­her­seh­ba­ren, all­zu erwar­te­ten Enttäuschung.

Panik stieg in ihr auf. Und wenn sie nun ein­fach zugab, dass sie es genau­so gemeint, wie er es auch ver­stan­den hat­te? Mit einer der­ar­ti­gen Situa­ti­on hat­te sie kei­ner­lei Erfah­rung. Ent­täu­schun­gen war sie gewohnt, mit Ent­täu­schun­gen konn­te sie umge­hen, muss­te sie umge­hen, denn sie war zu oft ent­täuscht wor­den, doch das hier über­for­der­te sie. Was war das?

„Du … inter­pre­tier da nicht zu viel hin­ein. Du bist ein sehr guter Freund“, ant­wor­te­te sie ihm und warf sich wei­nend auf ihr Bett, über­wäl­tigt von dem trau­ri­gen Gefühl, ein­mal mehr ent­täuscht wor­den zu sein.

Lie­be soll bekannt­lich Ber­ge ver­set­zen kön­nen, doch manch­mal schei­tert sie bereits an einem Kie­sel­stein. Seit knapp sechs Mona­ten waren sie ein Paar. Sie hat­ten sich in einem Bis­tro ken­nen­ge­lernt, die Num­mern getauscht und bald dar­auf eini­ge Dates gehabt. Es war ihr Lachen, in das er sich zuerst ver­liebt hat, und ihr gefiel, wie er sich gab. An einem küh­len Diens­tag im Dezem­ber, kurz vor ihrem halb­jäh­ri­gen Jubi­lä­um, sag­te er zu ihr: „Du bist die, nach der ich gesucht habe“. Dann ging er zur Arbeit. Auf dem Nach­hau­se­weg wür­de er ihr Blu­men mit­brin­gen, ein­fach so, weil er wuss­te, wie sehr sie sich doch jedes Mal dar­über freu­te. Sie war die Frau, mit der er alt wer­den, eine Fami­lie grün­den woll­te, und er lieb­te sie von gan­zem Herzen.

Sie hin­ge­gen saß noch eine Wei­le am Küchen­tisch sei­ner Woh­nung, in der sie über­nach­tet hat­te, und dach­te über sei­ne Wor­te nach. Was woll­te er ihr damit sagen? Er hat­te sie gesucht. Woher woll­te er das wis­sen? Wenn sie bei­de in einem Jahr nicht mehr zusam­men wären, so wäre sie für ihn wohl nicht mehr die Gesuch­te. Nie gewe­sen. Dann wäre es eine neue. Such­te er also immer, was er gera­de gefun­den hat­te? Was für eine beque­me Lebens­phi­lo­so­phie! Sucht man nach Gold und fin­det bloß Eisen, so dekla­riert man die­se Suche ein­fach um. Schon immer habe man nach Eisen gesucht, sagt man dann. Etwas ande­res als Eisen wol­le man gar nicht haben, behaup­tet man mit erns­ter Mie­ne. Das Eisen wür­de sich geschmei­chelt füh­len, wäre es zu Emo­tio­nen in der Lage, und es wür­de nie infra­ge stel­len, ob die Suche wirk­lich ihm galt. Eine ange­neh­me Illu­si­on mit einer har­ten Wahr­heit auf die Pro­be stel­len? Nein!

War sie etwa sein Eisen? Er hat­te sie gefun­den, das stand außer Fra­ge, aber hat­te er sie auch gesucht? Sie? Wirk­lich sie? Sie begann zu zwei­feln. Er hat­te ihr nie erzählt, wie sei­ne Freun­din­nen vor ihr gewe­sen sind. Pass­te sie in ein Mus­ter, frag­te sie sich. Dann hat­te er viel­leicht wirk­lich nach ihr gesucht und alle Frau­en vor ihr waren fehl­ge­schla­ge­ne Ver­su­che in einer Art von Annä­he­rungs­ver­fah­ren. Bloß woher soll­te sie dann wis­sen, wirk­lich am Ende die­ser Suche zu ste­hen. War es nicht viel wahr­schein­li­cher, dass auch sie nur eine Annä­he­rung an die Frau war, die er wirk­lich such­te? Sie hat­te Eigen­schaf­ten, die er nicht moch­te. Was soll­te ihr das bedeu­ten? War sie von die­ser Frau, die er such­te, so weit ent­fernt? Er nahm sie hin, die­se Eigen­schaf­ten, sehr gedul­dig sogar, aber tat er das viel­leicht nicht nur, weil es bes­ser ist, anstel­le gar kei­ner wenigs­tens eine hal­be Ver­si­on der Frau zu haben, die man sucht? War sie eine Kom­pro­miss­lö­sung, ein Zwi­schen­schritt in der Evo­lu­ti­on sei­ner Beziehungen?

Was wäre wie­der­um, wenn sie und die Frau­en sei­ner frü­he­ren Bezie­hun­gen nicht in ein sol­ches Mus­ter pass­ten? Dann wäre sei­ne Aus­wahl doch recht belie­big. Sie wäre nicht ein­mal ein evo­lu­tio­nä­rer Zwi­schen­schritt auf dem Weg zu der von ihm gesuch­ten Frau, son­dern aus­tausch­bar. Völ­lig aus­tausch­bar. Wenn er wirk­lich sie gesucht hät­te, war­um wäre er dann mit Frau­en zusam­men gewe­sen, die ihr so unähn­lich waren? Da gab es kei­ne Linie, kei­ne Annä­he­rung, nur aus­tausch­ba­re Part­ner. Jede hat­te er gefun­den. Hat­te er auch jede gesucht? Hat­te er über­haupt eine von ihnen gesucht?

Was soll­te das über­haupt hei­ßen, sie sei die, nach der er gesucht habe? Er sprach in der Ver­gan­gen­heit. Wenn es also stim­men soll­te, hie­ße es dann, er such­te sie gar nicht mehr? Glaub­te er, er hat­te sie gefun­den? Ein­mal, und dann für immer und ewig? Wenn man etwas fin­det, hört man auf, danach zu suchen, dach­te sie. Wenn man weiß, wo etwas liegt, beach­tet man es kaum, es liegt dort schließ­lich immer. Nahm er sie also für selbst­ver­ständ­lich? Er hat­te sie gefun­den und nun war die Suche vor­bei. Sie war für ihn nichts mehr, das er erkun­den woll­te. Konn­te das sein? War das nicht gera­de das Gegen­teil von Lie­be, jeman­den ein­mal zu fin­den und dann auf­zu­hö­ren, in ihm zu suchen – nach ihm selbst. „Ich habe dich gefun­den“ redu­zier­te doch die Lie­be auf „Ich möch­te, dass du für immer so bleibst“. Das war kei­ne Lie­be. Jeman­den zu fin­den, ein für alle Mal, das ist unmög­lich, so wie es doch unmög­lich ist, sich jemals selbst zu fin­den, ohne sich dabei zu ver­lie­ren. In der Suche steckt die Lie­be und in der Suche steckt die Selbst­er­kennt­nis. Wer fin­det, der hat nichts mehr zu ent­de­cken, mit dem Fin­den stirbt das Leben, das Stre­ben und die Lie­be. Wie also konn­te er allen Erns­tes behaup­ten, er habe sie gefun­den? Sie kann­ten sich doch gera­de erst ein hal­bes Jahr! Wie ver­mes­sen es war, bereits nach die­ser kur­zen Zeit nichts mehr an ihr ent­de­cken zu wol­len. Er war fer­tig mit ihr, dach­te sie. Schade.

Sie pack­te alles ein, was ihr gehör­te, und ver­ließ sei­ne Woh­nung. Dies­mal wür­de er sie suchen, ja, aber fin­den wür­de er sie nicht mehr.

Von Zeit zu Zeit wirst du Feh­ler machen. Feh­ler sind unver­meid­lich. Manch­mal wer­den dei­ne Feh­ler sogar rie­sig sein. Haupt­sa­che ist, dass du aus ihnen lernst. Es ist kei­ne Schan­de hin­zu­fal­len, vor­aus­ge­setzt man ist zwei Zen­ti­me­ter grö­ßer gewor­den, wenn man sich wie­der erhebt.
Jah­re wer­den kom­men, an denen du dich weit weg von Zuhau­se befin­dest. Du wirst dir viel­leicht nicht mehr sicher sein, wo du hin­ge­hörst. Ver­giss nicht: das Zuhau­se ist über­all, es ist an kei­nen Ort gebun­den. Du bist da zuhau­se, wo dich dein Gefühl hin­ge­führt hat.
Im Lau­fe dei­nes Lebens wirst du Freun­de ver­lie­ren und neue gewin­nen. Die­ser Pro­zess ist schmerz­haft, aber häu­fig ein­fach not­wen­dig. Der Kreis der Freun­de ändert sich, du änderst dich, das Leben ändert sich. Irgend­wann ist jeder gezwun­gen, einen eige­nen neu­en Weg zu fin­den, und die­ser Weg ist viel­leicht nicht dei­ner. Akzep­tie­re die Freun­de so, wie sie sind, und behal­te sie immer in guter Erinnerung.
Eins noch: Ich glau­be dar­an… Bes­ser: Ich bin fest davon über­zeugt, dass sich die Din­ge frü­her oder spä­ter immer zum Guten wen­den wer­den. Es gibt schlim­me Pha­sen im Leben. Wir lei­den, wir ver­lie­ren das, was wir lie­ben. Der Lebens­weg ist nie­mals leicht. Und das hat auch nie jemand behaup­tet, aber auf lan­ge Sicht, wenn man dem, an das man glaubt, treu bleibt, endet alles gut.
(Baby­lon 5)

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu werden.
(Sokra­tes)

In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit auf. Nen­nen wir die­se Per­son hier ein­fach ein­mal Peter. Peters Ver­hal­ten führ­te mit­un­ter so weit, dass es den gesam­ten Fort­schritt des Pro­jekts erheb­lich ver­zö­ger­te und zeit­wei­se sogar das Pro­jekt als Gan­zes gefährdete.

Wenn Peter vom Rest des Teams zur Rede gestellt wur­de, gelang es ihm meist, auf­grund sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Aus­strah­lung alle ande­ren Mit­glie­der mit­tels Aus­re­den zu besänf­ti­gen und auf die Zukunft zu vertrösten.

Ein­mal aller­dings, nach unzäh­li­gen sol­cher Ver­zö­ge­run­gen und Unzu­ver­läs­sig­kei­ten, kam es dann schließ­lich doch zu einer erns­ten Aus­spra­che, in der sich das Team recht ver­nünf­tig, wie mir schien, mit dem Pro­blem aus­ein­an­der­setz­te und Peter recht freund­lich, aber doch deut­lich klar mach­te, wes­halb ein sol­ches Ver­hal­ten nicht nur das Pro­jekt gefähr­de, son­dern auch zwi­schen­mensch­lich im all­ge­mei­nen recht ent­täu­schend sei. Danach bes­ser­te sich sein Ver­hal­ten vor­über­ge­hend ein wenig, doch gelöst wur­de das Pro­blem im End­ef­fekt nur, indem Peter schlicht weni­ger Auf­ga­ben zuge­teilt wur­den, die für das Pro­jekt wich­tig waren. Gelernt hat­te er aus dem Gespräch anschei­nend nichts.

Ein hal­bes Jahr spä­ter unge­fähr unter­hielt ich mich mit zwei ande­ren Team­mit­glie­dern noch ein­mal über das Pro­jekt im All­ge­mei­nen sowie über das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hal­ten Peters im Spe­zi­el­len. Einer der bei­den besuch­te auch in der Zeit nach Pro­jekt­ab­schluss noch diver­se Kur­se, an denen auch Peter teil­nahm, und konn­te uns somit von ein paar zusätz­li­chen Ein­drü­cken erzäh­len. Wir frag­ten uns, ob Peter lang­fris­tig aus sei­nen Feh­lern und unse­ren Dis­kus­sio­nen irgend­et­was gelernt hatte.

Die Ant­wort, die wir uns gaben, fiel recht ernüch­ternd aus und wur­de von einem der bei­den, mit denen ich mich unter­hielt, prä­gnant zusam­men­ge­fasst, indem er (nen­nen wir ihn Max) einen Satz zitier­te, den Peter in der dama­li­gen Dis­kus­si­on zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­ge­bracht hat­te: „Es ist bei mir halt so, dass ich den Kopf in den Sand ste­cke, wenn es Pro­ble­me gibt“.

Das Pro­ble­ma­ti­sche an die­sem einen Satz war nun nicht das Kopf-in-den-Sand-Ste­cken, son­dern das unschein­ba­re „es ist bei mir halt so“. Max erklär­te, es gebe sei­nes Erach­tens zwei Typen von Men­schen, näm­lich zum einen die­je­ni­gen, die glau­ben, Men­schen könn­ten sich nicht ändern, und die ande­ren. Die­ser eine Satz drück­te laut Max in weni­gen Wor­ten alles über Peter aus, was hin­sicht­lich die­ser zwei Typen von Bedeu­tung war: Peter gehört(e) zu ersteren.

Peter wird, dar­in waren wir uns einig, die glei­chen Feh­ler wie­der und immer wie­der machen, denn er lernt nichts aus die­sen Feh­lern, will gar nichts dar­aus ler­nen, weil er näm­lich glaubt, er sei „halt so“ – und nicht anders. Er nahm die Kri­tik zwar auf, zog dar­aus aber kei­ne per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen, weil das bedeu­tet hät­te, sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, etwas falsch gemacht zu haben, und weil das zugleich bedeu­ten wür­de, Enga­ge­ment und Gedan­ken in die eige­ne Ver­än­de­rung oder Wei­ter­ent­wick­lung ste­cken zu müs­sen, wäh­rend die ande­re Lösung, die gewähl­te Lösung, doch so viel ein­fa­cher ist: Ich bin halt so – da kann man nichts machen.

Doch man kann, denn nie­mand ist „halt so“. „Ich bin halt so“ ist Schwach­sinn. Es gibt kein fer­ti­ges Sein, kei­ne abge­schlos­se­ne Per­sön­lich­keit. „Ich bin halt so“ ist eine Aus­re­de und gleich­zei­tig eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung. Nur die­je­ni­gen, die die­sen Glau­ben tei­len, wer­den genau so blei­ben. Wer sich selbst davon über­zeugt, er sei „halt so“, wird sich auch immer wie­der gleich ver­hal­ten, immer wie­der die glei­chen Feh­ler machen und die­se Feh­ler als Bestä­ti­gung sehen, „halt so“ zu sein, anstatt dar­aus für die Zukunft irgend­et­was zu lernen.

Eine ande­re Per­son ver­band die­se mit beharr­li­cher Kon­se­quenz ver­tre­te­ne Über­zeu­gung, „halt so“ zu sein, mit noch einem ande­ren Dog­ma. Als ich sie ein­mal frag­te, wel­che Ent­schei­dun­gen sie bereue oder in wel­chen Fäl­len sie sich, im Nach­hin­ein betrach­tet, ein­mal falsch ent­schie­den hät­te oder sich heu­te anders ent­schei­den wür­de, ant­wor­te­te sie mir, es gebe in ihrem Leben bis­her kei­ne sol­chen Ent­schei­dun­gen. Zunächst glaub­te ich noch, das sei nur ein Aus­wei­chen, um der Beant­wor­tung der Fra­ge zu ent­ge­hen, doch was sie sag­te, mein­te sie tat­säch­lich voll­kom­men ernst, wie sich in der fol­gen­den Zeit noch herausstellte.

Im End­ef­fekt bedeu­tet das, was sie damit aus­drück­te, dass sie von sich selbst und für sich selbst glaubt, noch nie wirk­lich einen Feh­ler gemacht zu haben – nichts ande­res sind Ent­schei­dun­gen, die man bereut. Kann es einen sol­chen Men­schen über­haupt geben? Ist das schlicht posi­ti­ves Den­ken in einer absur­den, sei­ner auf die Spit­ze getrie­be­nen Form? Oder Arro­ganz? Kei­ne Ent­schei­dun­gen zu bereu­en heißt eben auch: Nie­mals um Ver­zei­hung zu bit­ten, wenn man ande­ren auf die Füße tritt.

Um ihre Ant­wort zu erklä­ren, argu­men­tier­te sie, dass sie nur dann wie­der genau der sel­be Mensch wer­den wür­de, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen, also auch Feh­ler, die uns präg­ten, erneut genau­so tref­fen wür­de, wie sie sie tat­säch­lich getrof­fen hat. Wür­de sie sich an irgend­ei­ner Stel­le anders ent­schei­den, wür­de sie damit zugleich eine ande­re Per­sön­lich­keit wer­den – dies wür­de sie ger­ne ver­mei­den, weil es das Schick­sal eben so gewollt hät­te und sie damit recht zufrie­den sei.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist so rich­tig wie tri­vi­al. Natür­lich hat­te sie Recht: Sie ist heu­te, wer sie ist, eben weil sie sich so ent­schie­den hat, wie sie sich ent­schie­den hat, und sie wür­de nur wie­der genau der sel­be Mensch wer­den, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen erneut genau­so trä­fe. Bloß: Was sagt einem das? Alles und nichts.

Wenn sich ein Mensch tat­säch­lich die Fra­ge stel­len kann: „Wür­de ich alles, was ich in mei­nem Leben je getan habe, in der glei­chen Situa­ti­on wie­der genau­so machen?“, um dies dann mit Ja zu beant­wor­ten, hal­te ich das, egal bei wem, für Selbst­be­trug. Etwas beim zwei­ten Mal anders zu machen, eine Ent­schei­dung im Nach­hin­ein zu revi­die­ren, zeugt mei­nes Erach­tens kei­nes­wegs davon, eine ande­re Per­son sein zu wol­len oder mit der eige­nen Per­sön­lich­keit unzu­frie­den zu sein. Es heißt nur, dass man aus Feh­lern ler­nen kann, dass man nicht per­fekt ist und sich auch nicht dafür hält. Völ­lig zu Recht sag­te sie: Feh­ler prä­gen uns. Doch gera­de aus die­sem Grund hal­te ich es für ver­mes­sen, im Nach­hin­ein – die­ser rück­bli­cken­den Argu­men­ta­ti­on fol­gend – mit Kennt­nis des Feh­lers den­sel­ben noch ein­mal bege­hen zu wollen.

Zufrie­den­s­ein und Ent­schei­dun­gen zu bereu­en schließt sich nicht aus. Im Gegen­teil: Man kann mit sich selbst zufrie­den sein und trotz­dem Ent­schei­dun­gen bereu­en; man kann sogar mit sich selbst zufrie­den sein, gera­de weil man Ent­schei­dun­gen bereut.

Ein zuge­spitz­tes Bei­spiel soll das Gan­ze ver­deut­li­chen: Wenn ich weiß, dass eine mei­ner Ent­schei­dun­gen einen Men­schen das Leben kos­te­te, wel­chen Grund soll­te ich haben, die­se Ent­schei­dung noch ein­mal genau­so zu tref­fen? Viel­leicht hat sie für mich per­sön­lich im End­ef­fekt dazu geführt, dass ich in Zukunft vor­sich­ti­ger bin, war für mich also alles in allem posi­tiv, aber ermu­tigt oder ent­schul­digt das, sie noch ein­mal genau so zu tref­fen, um wie­der genau der zu wer­den, der ich jetzt bin? Über meta­pho­ri­sche Lei­chen zu gehen und Feh­ler zu wie­der­ho­len, bloß um erneut der­je­ni­ge zu wer­den, der man jetzt ist, zeugt viel­leicht weni­ger von Selbst­zu­frie­den­heit als von Selbst­ge­fäl­lig­keit und einem ego­zen­tri­schen Welt­bild. Da scheint es wie­der durch: Ich bin halt so – und nicht anders.

Ein wenig ähnelt die­se Argu­men­ta­ti­on im Grun­de Vol­taires naiv-opti­mis­ti­schem Can­di­de, der glaubt, alles sei gut und gesche­he zu Recht, auch Krieg, Leid und Armut, da er sich in der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten wähnt und folg­lich den jet­zi­gen Zustand als den bes­ten aller mög­li­chen begreift. Somit ist alles gut, was geschieht und bis hier­hin geschah. Pang­loss, der Leh­rer Can­di­des, der ihm die Leh­re der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten ursprüng­lich nahe­ge­bracht hat­te, sieht in allem Schlech­ten, das geschieht, etwas Gutes und recht­fer­tigt des­sen Exis­tenz, sei es Syphi­lis oder Krieg, aus einem rela­ti­vie­ren­den, aner­ken­nen­den Blick­win­kel, anstatt es als Schlech­tes wahr­zu­neh­men und dar­an zu arbei­ten, es zu ändern. Selbst als Can­di­de am Ende, lan­ge aus sei­nem Para­dies ver­trie­ben, soviel Leid erfah­ren und durch­lebt hat, ver­sucht Pang­loss noch immer, alles Schlech­te schön­zu­re­den, was selbst Can­di­de mitt­ler­wei­le nicht mehr ernst neh­men kann:

„Jeg­li­che Bege­ben­heit im mensch­li­chen Leben gehört in die Ket­te der Din­ge. Denn wären Sie nicht Baro­neß Kune­gun­dens hal­ber mit der­ben Fuß­trit­ten aus dem schöns­ten aller Schlös­ser gejagt, von der Inqui­si­ti­on nicht ein­ge­zo­gen wor­den, hät­ten Sie nicht Ame­ri­ka zu Fuße durch­wan­dert, dem Herrn Baron nicht einen tüch­ti­gen Stoß mit dem Degen ver­setzt, nicht all’ ihre Ham­mel aus dem guten Lan­de Eldo­ra­do ein­ge­büßt, so wür­den Sie jetzt nicht hier ein­ge­mach­ten Zedrat und Pis­ta­zi­en essen.“

Wird die­se Argu­men­ta­ti­on kon­se­quent wei­ter­ge­führt und dra­ma­ti­siert, lässt sich damit von der Ent­schei­dung zwi­schen Döner oder Piz­za über Mob­bing bis hin zu Mord alles schön­re­den, was zum heu­ti­gen Zustand führ­te. Ihr liegt der Glau­be zugrun­de, der Zustand, wie er ist, recht­fer­ti­ge alles, was zu ihm führ­te, adle jedes Gesche­hen, gebe allem einen posi­ti­ven Sinn, mache alles Schlech­te gut. Nicht bloß ist das naiv und ego­zen­trisch, son­dern auch gefähr­lich, ob hin­sicht­lich des Zustands der Welt oder dem der eige­nen Person.

Rück­bli­ckend betrach­tet glau­be ich, dass dies ledig­lich eine Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie ist, sich die lang­jäh­rig kul­ti­vier­te „ich bin halt so“-Überzeugung mit einem Zir­kel­schluss makel­los schön­zu­re­den: Wenn ich „halt so bin“, wie ich bin, und alles, was hier­hin führ­te, gut ist, dann bin ich so, wie ich „halt bin“, per­fekt. Kein Grund, das eige­ne Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, in Fra­ge zu stel­len oder gar zu ändern. Wenn ich durch mei­ne Unzu­ver­läs­sig­keit bei­spiels­wei­se ver­ges­se, ande­ren Leu­ten einen Ter­min abzu­sa­gen, für den sie extra 500km fah­ren müs­sen, dann ist das gar kein Feh­ler, denn so kom­men die ande­ren wenigs­tens mal raus. So ein­fach kann das Leben sein. Was als flap­si­ger Spruch noch lus­tig ist, ver­kommt zu Selbst­be­trug und Respekt­lo­sig­keit ande­ren gegen­über, sobald es jemand wirk­lich ernst meint.

In Wahr­heit aller­dings ist nie­mand von uns per­fekt. Feh­ler, die ein Mensch macht und sich selbst ein­ge­steht, sind nor­mal und ver­zeih­bar. Doch wenn ein Mensch, wie die­se Bei­spie­len zei­gen, nicht bloß Feh­ler macht, son­dern noch dazu sei­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die zu gera­de die­sen Feh­lern führ­ten, als „halt so“ und damit als unver­än­der­lich begreift oder die Feh­ler als sol­che nicht ein­mal in Erwä­gung zieht, son­dern statt­des­sen sich selbst und sei­ner Umwelt ein­re­det, kei­ne feh­ler­haf­ten Ent­schei­dun­gen getrof­fen zu haben, wird solch ein Mensch auf lan­ge Zeit unaus­steh­lich und sei­ne Feh­ler unver­zeih­lich. Sie gesche­hen dann auch tat­säch­lich immer wieder. 

Men­schen ändern sich – wenn sie es wollen.

If you do the right thing for the wrong reasons, the work beco­mes cor­rupt­ed, impu­re, and ulti­m­ate­ly self-destructive.
(Baby­lon 5)