Schlagwortarchiv für: Markus Werner

Wir leben ein paar Augen­bli­cke und tun so rasend wich­tig. Der eine braucht den Aus­druck »Schwer­punkt­the­ma«, der and­re spricht von »musi­ka­li­scher Umrah­mung«, der drit­te sagt: »Anfor­de­rungs­pro­fil«, und sol­che Wör­ter tönen so, als wür­den die, die sie ver­wen­den, ewig leben, und ich kann nicht begrei­fen, war­um der Mund kein Scham­teil ist. Wir leben ein paar Augen­bli­cke und ach­ten doch auf Bügel­fal­ten, und ist ein wei­ches Ei zu hart, macht man Thea­ter. Hier fehlt ein Kom­ma! sagen wir. Und wenn der Hür­li­mann nicht end­lich sei­ne Büsche stutzt! Ich steh auf Küm­mel. Nicht mein Typ. Natur­schwamm oder Kunst­stoff­schwamm? Sie wer­den mich noch ken­nen­ler­nen. Ich zie­he Schrit­te in Erwä­gung, da man beim Schwei­zer Radio die vier­te Stro­phe vie­ler Jodel­lie­der meis­tens abklemmt. Du, ist der Mei­er schwul, er trägt ein selbst­ge­strick­tes Rosa-West­chen. Wir leben ein paar Augen­bli­cke und sind so falsch, so schwatz­haft, so him­mel­schrei­end ober­fläch­lich und tun die gan­ze Zeit die Pflicht, die Pflicht und wer­den dabei schlecht und dumm und grö­len in der Frei­zeit blöd her­um und vögeln rup­pig. Wir haben Mut zu nichts und Angst vor allem, wir ste­hen zei­tig auf und tun die Pflicht und schä­men uns, wenn wir mal lie­gen blei­ben, und wären froh um eine Grip­pe. Die Eska­pa­den­freu­dig­keit nimmt ab, man denkt schon vor der Sün­de an den Kat­zen­jam­mer, uns fehlt nicht nur die Lust, uns fehlt sogar die Lust zur Lust, schon sie gilt als obs­zön, nicht aber der Ver­zicht und nicht die Pflicht und nicht die pau­sen­lo­se fei­ge Füg- und Folg­sam­keit und ihre Fol­ge, die Verblödung.
(Mar­kus Wer­ner – Froschnacht)

Die Frau: Super muß ich sein, sonst ver­lier ich sei­ne Lie­be. Der Mann: Ich muß super sein, sonst ver­lier ich ihre Lie­be. Und bei­de waren ziem­lich super und hat­ten Angst, ent­larvt zu wer­den. Und eines Tages sprach die Frau zum Mann: Ich hal­te das nicht län­ger aus, ich bin unsu­per, ich bin nicht, wie du meinst, und das zer­reißt mich. Und Glei­ches sprach dar­auf der Mann. Sie gin­gen aus­ein­an­der, und zwar – laut Ste­no­gramm – »damit ein jedes von uns bei­den wie­der zu sich finde«.
Ein All­tags­mär­chen, haus­ba­cken, wahr und mick­rig. (…) Ver­mischt mit süßer Mut­ter­milch hat man dir ein­ge­flößt den Ur-Ver­dacht: Lie­be ist Lohn. Wer blöd her­um­kräht und trot­zig sei­nen Stink zurück­hält, ver­dient kein war­mes Lächeln. Gra­tis ist nichts. Sei anders, als du bist: Der Schmerz der Dif­fe­renz erstirbt in seli­ger Lieb­ko­sung. (So wird der Wunsch zum Anders­sein ein obli­ga­tes See­len­re­qui­sit. Gelingt dir die Ver­wand­lung, so spürst du manch­mal, daß ein Affe aus dem Spie­gel schaut. Gelingt sie nicht, so fühlst du dich als Ödling. Bedrü­cken tut dich beides.)
(Mar­kus Wer­ner – Froschnacht)

Wer anders sein will, als er ist, der tut mir leid. Sein Wunsch ist ehren­wert, doch abge­dro­schen. Ich for­mu­lie­re tas­tend eine The­se: Die Men­schen­see­le mit allem Drum und Dran ist seri­el­ler Kitsch. Das Inners­te erwirbt sich jeder von der Stan­ge. Nichts von Mys­te­ri­um, nur Schmalz. Mit vio­let­ten Fin­ger­nä­geln kom­men sie zu mir, mit ori­gi­nel­len Kai­ser-Wil­helm-Schnäu­zen, abgren­zungs­wü­tig schwän­zeln sie her­um und füh­len sich weiß Gott wie ein­zig­ar­tig. Dann öff­nen sie den Mund und hus­ten Abzieh­bild­chen aus. Und was sie spü­ren, wün­schen, träu­men, das macht sie grau­sam gleich und hundsgewöhnlich.
Das Unver­wech­sel­ba­re an dir ist dei­ne Nase, die Kaprio­len dei­nes Her­zens aber sind ein Gassenhauer.
(Mar­kus Wer­ner – Froschnacht)

Sinn­kri­se. Ich komm in die Bera­tung, sagt sto­ckend ein Kli­ent, weil ich so komisch trau­rig bin die gan­ze Zeit, weil alles mich so sinn­los dünkt. – (Berich­ti­gung: Dies sagt nicht ein Kli­ent, sehr vie­le sagen es; ich wäh­le stell­ver­tre­tend einen und nenn ihn Zemp und refe­rie­re lückenhaft.)
Wuchs gedrun­gen. Flei­schi­ge Gestalt. Glied­ma­ßen kurz. Gang eher schlep­pend. Gute, blaue Augen. Tre­vi­ra-Hosen, bügel­frei, hand­ge­strick­te Wes­te. Zemp ist ein Volks­schul­leh­rer, Mit­te vier­zig, Fami­lie, im Mili­tär Major.
Weiß Ihre Frau um Ihren Zustand?
Neinnein.
Sie sagen zwei­mal nein, warum?
Ich will es ihr nicht sagen, es wür­de sie belasten.
Spürt sie’s nicht ohnehin?
Ich neh­me mich zusammen.
Sie haben also das Gefühl, es wür­de Ihre Frau belas­ten, wenn Sie ihr anver­trau­ten, wie’s Ihnen wirk­lich geht?
Ja, schon. Ich … ich bin sonst eben nicht so schwach. Ich muß dage­gen kämp­fen, und Sie als Fach­mann, dach­te ich, Sie ken­nen doch die Waffen.
Sie has­sen Ihre düs­te­re Gemütsverfassung?
Sehr.
Und das Gefühl, daß alles sinn­los ist, scheint Ihnen ungehörig?
Es ist ein Virus, wie ein Virus. Ein Überfall.
Ich kür­ze ab: Natür­lich besteht die ers­te Pha­se der »Behand­lung« dar­in, dem Zemp zu zei­gen, daß man auch als Major und Ehe­mann und Vater ein biß­chen schwach sein darf; daß zwei­tens Pro­ble­me sei­ner Art rein waf­fen­tech­nisch nicht zu lösen sind; daß drit­tens ein Sym­ptom so wenig feind­lich wie ein Leucht­turm ist, der auf Gefah­ren­zo­nen hin­weist. – Und in der nächs­ten Pha­se, die ich »poli­tisch« im wei­ten Wort­sinn nen­nen möch­te, geht es dann dar­um, zu erwä­gen, ob Sinn­lo­sig­keits­ge­füh­le und Betrüb­nis nicht allen­falls ver­stan­den wer­den könn­ten als durch­aus ange­mes­se­ne, Intakt­heits­sehn­sucht offen­ba­ren­de Reak­ti­ons­ge­bär­den gegen eine Wirk­lich­keit, die über wei­te Stre­cken so beschaf­fen ist, daß einer, der sich in ihr nicht trau­rig fühlt, sein Trau­er­de­fi­zit betrau­ern müßte.
(Mar­kus Wer­ner – Froschnacht)