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Was schon könn­te man an Loh­nens­wer­tem oder Nütz­li­chem beken­nen? Was uns wider­fah­ren ist, ist ent­we­der allen wider­fah­ren oder uns allein; in dem einen Fall ist es nichts Neu­es, im ande­ren unbe­greif­lich. Wenn ich schrei­be, was ich emp­fin­de, dann weil ich auf die­se Wei­se das Fie­ber mei­nes Emp­fin­dens sen­ke. Was ich beken­ne, ist nicht von Bedeu­tung, denn nichts ist von Bedeu­tung. Ich mache Land­schaf­ten aus dem, was ich emp­fin­de. Mache Feri­en von mei­nen Gefüh­len. Ich begrei­fe ohne wei­te­res, daß Frau­en aus Kum­mer sti­cken und Strümp­fe stri­cken, weil es Leben gibt. Mei­ne alte Tan­te leg­te end­lo­se Aben­de lang Pati­en­cen. Mei­ne Pati­en­cen sind mei­ne Gefühlsbekenntnisse.
Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe

Selbst wenn wir wis­sen, daß ein nie zustan­de kom­men­des Werk schlecht sein wird, ein nie begon­ne­nes ist noch schlech­ter! Ein zustan­de gekom­me­nes Werk ist zumin­dest ent­stan­den. Kein Meis­ter­werk viel­leicht, aber es exis­tiert, wenn auch küm­mer­lich wie die Pflan­ze im ein­zi­gen Blu­men­topf mei­ner gebrech­li­chen Nach­ba­rin. Die­se Pflan­ze ist ihre Freu­de, und hin und wie­der auch die mei­ne. Was ich schrei­be und als schlecht erken­ne, kann den­noch die eine oder ande­re ver­wun­de­te, trau­ri­ge See­le für Augen­bli­cke noch Schlech­te­res ver­ges­sen las­sen. Ob es mir nun genügt oder nicht, es nützt auf irgend­ei­ne Art, und so ist das gan­ze Leben.
(Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe)

Seit Jah­ren schon möch­te ich ein Buch über etwas schrei­ben, das mir sehr am Her­zen liegt. Oder wenigs­tens ein PDF mit vie­len Sei­ten. Der Ursprung die­ses Wun­sches liegt in mitt­ler­wei­le schon nicht mehr fass­ba­rer Ver­gan­gen­heit, doch einen ernst­haf­ten Anfang mach­te die­ser Gedan­ke dann erst zum Ende mei­ner Schul­zei­ten, aber bis heu­te habe ich mit die­sem Vor­ha­ben kei­ne gro­ßen Fort­schrit­te erzielt. Ideen kom­men und gehen und das Kon­zept wächst unauf­hör­lich, trotz­dem schaf­fen es nur die sel­tens­ten die­ser Ideen als aus­for­mu­lier­te Sät­ze, Abschnit­te oder gar Sei­ten aufs elek­tro­ni­sche Papier. Warum?

Vie­le Din­ge spie­len eine Rol­le. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen natür­lich: man­geln­de Zeit, Faul­heit, nagen­der Per­fek­tio­nis­mus und die Angst vor dem ers­ten Ent­wurf, der nie über­zeugt. Eini­ge davon – wahr­schein­lich die meis­ten – mögen Aus­re­den sein, das ist sicher, doch sind all das gene­rell Grün­de, mit denen umge­gan­gen, denen begeg­net wer­den kann. Es sind Stei­ne auf dem Weg, die weg­zu­räu­men nicht das Pro­blem ist, wenn man weiß, dass man den Weg unbe­dingt gehen möchte.

Der Haupt­grund aller­dings, der mich dar­an hin­dert, irgend­wie sinn­voll mit mei­nem Text vor­an­zu­kom­men, liegt in der Zukunft. Es sind all die Din­ge, die in mei­nem Kopf als gro­ßes Muss auf mich zukom­men: Ich muss Haus­ar­bei­ten machen, ich muss Refe­ra­te vor­be­rei­ten, ich muss für Prü­fun­gen ler­nen (obwohl ich noch nie für Prü­fun­gen gelernt habe). Es ist dabei nicht der Zeit­auf­wand an sich, der für die­se Din­ge jeweils auf­ge­bracht wer­den muss, denn er lässt mir genug Spiel­raum für Frei­zeit, son­dern es sind die Din­ge als sol­che, in denen ich kei­nen per­sön­li­chen Sinn sehe, die das Pro­blem darstellen.

Frei­zeit bedeu­tet nicht gleich­zei­tig freie Zeit. Wenn in den Semes­ter­fe­ri­en alle Haus­ar­bei­ten hin­ter mir lie­gen, kei­ne Klau­su­ren anste­hen und auch das kom­men­de Semes­ter im Ide­al­fall noch eini­ge Wochen ent­fernt liegt, ist das nur Frei­zeit, aber kei­ne freie Zeit. Im Hin­ter­kopf ist mir stets das stö­ren­de Wis­sen all­ge­gen­wär­tig, dass ich bald, wenn die­se kur­ze Pha­se der Frei­zeit ver­gan­gen sein wird, wie­der neue Refe­ra­te wer­de vor­be­rei­ten müs­sen. Wenn die Refe­ra­te vor­be­rei­tet und gehal­ten wur­den, fol­gen die dazu­ge­hö­ri­gen Haus­ar­bei­ten, nach den Haus­ar­bei­ten fol­gen neue Refe­ra­te. Wenn irgend­wann Refe­ra­te und Haus­ar­bei­ten ein­mal vor­bei sind, ste­hen Diplom­ar­beit und Diplom­prü­fung bereits vor der Tür. Danach Bewer­bun­gen, Vor­stel­lungs­ge­sprä­che, Ein­ar­bei­tung, Arbeits­all­tag. Jede die­ser neu­en Stu­fen ist von lächer­li­chen Bestä­ti­gun­gen irgend­wel­cher Instan­zen bezeich­net: eine bestan­de­ne Klau­sur oder Prü­fung, eine Note, eine gut­ge­hei­ße­ne Arbeit, der Abschluss eines Pro­jekts, die Ver­set­zung in ein ande­res Be(s)tätigungsfeld.

All die­ses Müs­sen hängt in mei­nem Kopf stän­dig unbe­wusst über allem ande­ren, wie ein Rau­schen im Radio, das einem die Musik ver­dirbt. Wenn ich Frei­zeit habe, ver­geu­de ich sie mit irgend­wel­chen Seri­en oder Spie­len, räu­me auf oder um, wid­me mich ganz gene­rell dem so genann­ten Amü­se­ment und Enter­tain­ment, um mich von einem Muss zum nächs­ten zu han­geln und die Zeit dazwi­schen tot­zu­schla­gen, in der Hoff­nung auf ein Ende die­ses Muss-Kreis­laufs. Doch immer wie­der erscheint irgend­wo eine neue Stu­fe. Para­ly­se. Nie bekom­me ich es hin, mich end­lich mit dem zu beschäf­ti­gen, womit ich mich schon so lan­ge beschäf­ti­gen möch­te und was mir zudem so sehr am Her­zen liegt. Hin­zu kommt die Eigen­schaft all die­ser Neben­schau­plät­ze – Haus­ar­bei­ten, Refe­ra­te, Bewer­bun­gen und so wei­ter -, eine der­art gro­ße Men­ge an Auf­merk­sam­keit für sich zu bean­spru­chen, dass ein effek­ti­ves und unge­stör­tes Kon­zen­trie­ren auf das, was mir eigent­lich wirk­lich wich­tig ist, gar nicht mög­lich ist.

Mei­ne letz­te freie Zeit, die nicht nur als Frei­zeit bezeich­net wer­den kann, genoss ich direkt nach dem Abitur, als noch völ­lig offen war, ob ich Zivil­dienst wür­de leis­ten müs­sen oder nicht und wie es danach wei­ter­ge­hen wür­de. Die­se Zeit, in der nicht klar war, wel­ches Muss als nächs­tes und wann auf­tre­ten wür­de, in der es kei­nen fest gere­gel­ten Ablauf für die Zukunft gab, kei­ne struk­tu­rier­ten Plä­ne, kei­ne star­ren Schie­nen, auf denen alles ziel­ge­rich­tet dahin­rollt, war gleich­zei­tig die produktivste.

Was wir brau­chen, ist freie Zeit, die nicht bloß Frei­zeit ist.

Kann man schrei­ben, ohne eine Rol­le zu spie­len? Man will sich selbst ein Frem­der sein. Nicht in der Rol­le, wohl aber in der unbe­wuß­ten Ent­schei­dung, wel­che Art von Rol­le ich mir zuschrei­be, liegt mei­ne Wirk­lich­keit. Zuwei­len habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschrie­be­nen her­vor wie eine Schlan­ge aus ihrer Haut. Das ist es; man kann sich nicht nie­der­schrei­ben, man kann sich nur häu­ten. Aber wen soll die­se tote Haut noch inter­es­sie­ren! Die immer wie­der ein­mal auf­tau­chen­de Fra­ge, ob denn der Leser jemals etwas ande­res zu lesen ver­mö­ge als sich selbst, erüb­rigt sich: Schrei­ben ist nicht Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Lesern, auch nicht Kom­mu­ni­ka­ti­on mit sich selbst, son­dern Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Unaus­sprech­li­chen. Je genau­er man sich aus­zu­spre­chen ver­möch­te, um so rei­ner erschie­ne das Unaus­sprech­li­che, das heißt die Wirk­lich­keit, die den Schrei­ber bedrängt und bewegt. Wir haben die Spra­che, um stumm zu wer­den. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht ein­mal eine Ahnung, wer er nicht ist.
(Max Frisch – Stiller)