Jul 13 2011

Schule als Ideologie

Betrachtet man die Entwicklungsdynamik von Bildungssystemen, dann drĂ€ngt sich die Vermutung auf, dass die Schule selbst sozial selektiv auf die Sozialisationspraktiken einwirkt und systematisch die Praktiken bestimmter Bevölkerungsgruppen abwertet. Sie entwickelt formale Leistungskriterien, die sich als unfĂ€hig erweisen, die Differenz milieuspezifischer Erfahrungen und BefĂ€higungen zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil einer unflexiblen und notwendig diskriminierenden Defizitlogik verhaftet bleiben. Gemessen wird daher nicht das Können, sondern die Abweichung des Könnens von den politisch gesetzten Leistungsstandards. Eine solche Bewertungslogik dient nicht der Bildung des einzelnen, sondern allein der Selektion Heranwachsender. Diese Bewertungslogik entfaltet ihre verheerende Wirkung auf die Betroffenen nicht nur dadurch, dass sie den Heranwachsenden bestimmte Optionen der Entwicklung bzw. der Entfaltung ihrer Persönlichkeit vorenthĂ€lt. Mehr noch: Die SchĂŒler werden im Hinblick auf ihre je eigene LeistungsfĂ€higkeit und in der WertschĂ€tzung ihrer Person systematisch abgewertet, degradiert und damit zu quasi-pathologischen FĂ€llen einer Gesellschaft, die am Wohlergehen ihrer Kinder oftmals nur dann ein Interesse zu haben scheint, wenn diese aus „gutem“ Hause kommen.
(Matthias Grundmann – HandlungsbefĂ€higung und Milieu)


Jul 11 2011

Der Wahnsinn der NormalitÀt

Was Psychiatrie und Psychologie als Geisteskrankheit vorfĂŒhren, ist an die Vorstellung gebunden, daß es sich dabei um zunehmenden RealitĂ€tsverlust handelt. Mehr oder weniger RealitĂ€tsbezug – danach wird alles menschliche Verhalten klassifiziert. »RealitĂ€t« wird dabei ausschließlich als Ă€ußere RealitĂ€t verstanden.
In der Tat ist der RealitĂ€tsbezug – sein Fehlen oder der Grad der Ergebenheit an die Ă€ußere RealitĂ€t – ein Raster, in das man Menschen einordnen kann und das uns ermöglicht, eine Klassifizierung vorzunehmen vom psychotischen Verhalten ĂŒber die Neurose zur NormalitĂ€t. Doch ein solches Schema verdeckt, daß es auch noch eine andere Art von Krankheit gibt, die viel gefĂ€hrlicher ist als die, die vom Verlust des RealitĂ€tsbezugs gekennzeichnet ist.
Diese andere Art von Krankheit zu sehen erfordert einen Wechsel der Blickrichtung und eine Abkehr von den herkömmlichen Kategorien. Dann wird man sehen, daß sich hinter der Orientierung an der »RealitĂ€t«, die gemeinhin das Kriterium fĂŒr Gesundheit ist, eine tiefere und weniger augenfĂ€llige Pathologie verbirgt: die des »normalen« Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der NormalitĂ€t)


Mai 17 2011

Ehrlichkeit der Sprache

Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragwĂŒrdigen Menschen ĂŒberhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trĂ€gt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c’est l’homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hĂŒllenlos offen.
(Victor Klemperer – LTI)


Apr 25 2011

Symbolische Gewalt

Das symbolische Kapital besteht aus einem beliebigen Merkmal, Körperkraft, Reichtum, Kampferprobtheit, das wie eine echte magische Kraft symbolische Wirkung entfaltet, sobald es von sozialen Akteuren wahrgenommen wird, die ĂŒber die zum Wahrnehmen, Erkennen und Anerkennen dieser Eigenschaft nötigen Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien verfĂŒgen: Ein Merkmal, das, weil es auf sozial geschaffene »kollektive Erwartungen« trifft, auf Glauben, eine Art Fernwirkung ausĂŒbt, die keines Körperkontakts bedarf. Man gibt einen Befehl, und es wird ihm gehorcht: Dies ist ein zutiefst magischer Akt. (…) Damit der symbolische Akt eine derartige, ohne sichtbare Verausgabung von Energie erzielte magische Wirkung ausĂŒben kann, muß ihm eine oft unsichtbare und jedenfalls vergessene, verdrĂ€ngte Arbeit vorangegangen sein und bei den Adressaten dieses Erzwingungs- und Befehlsaktes diejenigen Dispositionen erzeugt haben, deren es bedarf, damit sie, ohne daß sich ihnen die Frage des Gehorsams ĂŒberhaupt stellte, das GefĂŒhl haben, gehorchen zu mĂŒssen. Die symbolische Gewalt ist jene Gewalt, die, indem sie sich auf die »kollektiven Erwartungen« stĂŒtzt, auf einen sozial begrĂŒndeten und verinnerlichten Glauben, Unterwerfungen erpreßt, die als solche gar nicht wahrgenommen werden.
(Pierre Bourdieu – Die Ökonomie der symbolischen GĂŒter, in: Praktische Vernunft)


Mrz 6 2011

Ferien von den GefĂŒhlen

Was schon könnte man an Lohnenswertem oder NĂŒtzlichem bekennen? Was uns widerfahren ist, ist entweder allen widerfahren oder uns allein; in dem einen Fall ist es nichts Neues, im anderen unbegreiflich. Wenn ich schreibe, was ich empfinde, dann weil ich auf diese Weise das Fieber meines Empfindens senke. Was ich bekenne, ist nicht von Bedeutung, denn nichts ist von Bedeutung. Ich mache Landschaften aus dem, was ich empfinde. Mache Ferien von meinen GefĂŒhlen. Ich begreife ohne weiteres, daß Frauen aus Kummer sticken und StrĂŒmpfe stricken, weil es Leben gibt. Meine alte Tante legte endlose Abende lang Patiencen. Meine Patiencen sind meine GefĂŒhlsbekenntnisse.
(Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe)


Feb 11 2011

Versteckte DestruktivitÀt

An dieser Stelle ist es nötig, etwas zur soziologischen Sicht des menschlichen Seins zu sagen. KriminalitĂ€t wird zum Beispiel als eine Folge der Armut gesehen. Doch dies erklĂ€rt nicht, warum die Mehrheit nicht kriminell wird. Daraus wiederum kann man aber nicht schlußfolgern, Armut hĂ€tte keinen Zusammenhang mit KriminalitĂ€t. Man kommt nicht umhin, einiges zu differenzieren. Wenn ein Hungriger stiehlt, handelt er nicht aus Habgier; und wenn er dabei, ohne es zu wollen, jemanden umbringt, ist es kein vorsĂ€tzlicher Mord. Andererseits gehören die Reichen und MĂ€chtigen zu jenen in unserer Gesellschaft, die Kriege anzetteln, die Lebensgrundlage anderer Menschen zerstören, Natur und Menschen vergiften. Sie aber sitzen nicht in den GefĂ€ngnissen. Kriminalstatistiken verzeichnen nur deshalb mehr Arme als Reiche, weil solche Statistiken der Ideologie der Reichen und MĂ€chtigen unterliegen und weil sie nicht alle Formen von DestruktivitĂ€t auffĂŒhren.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der NormalitĂ€t)