Der Mensch will nur,
dass man ver­steht,
was in ihm drin
so vor sich geht.
Er will das frei­lich
ohne Mühe,
mag nicht reden,
sich erklä­ren,
will nicht
aus dem Häus­chen kom­men,
zu viel Welt
macht ihn beklom­men;
öff­net kei­nem
sei­ne Pfor­te,
zäunt sich ein,
ver­liert kaum Wor­te;
und klopft doch mal einer an,
ver­schließt er sich,
so gut er kann,
dann brüllt er:
Kei­ner soll es wagen,
durch ein Fens­ter rein­zu­spähn! -
und jam­mert stets
tag­ein, tag­aus:
Ach, wenn es da nur jemand‘ gäbe,
der ver­sucht‘,
mich zu verstehn.

(2010)

Selbst wenn wir wis­sen, daß ein nie zustan­de kom­men­des Werk schlecht sein wird, ein nie begon­ne­nes ist noch schlech­ter! Ein zustan­de gekom­me­nes Werk ist zumin­dest ent­stan­den. Kein Meis­ter­werk viel­leicht, aber es exis­tiert, wenn auch küm­mer­lich wie die Pflan­ze im ein­zi­gen Blu­men­topf mei­ner gebrech­li­chen Nach­ba­rin. Die­se Pflan­ze ist ihre Freu­de, und hin und wie­der auch die mei­ne. Was ich schrei­be und als schlecht erken­ne, kann den­noch die eine oder ande­re ver­wun­de­te, trau­ri­ge See­le für Augen­bli­cke noch Schlech­te­res ver­ges­sen las­sen. Ob es mir nun genügt oder nicht, es nützt auf irgend­ei­ne Art, und so ist das gan­ze Leben.
(Fer­nan­do Pes­soa – Das Buch der Unruhe)

Man stirbt nicht
irgend­wann ein­mal,
man lebt so vie­le Tode
und über­steht all deren Qual,
der Akt des Ster­bens wird banal,
man geht halt mit der Mode.
Mein Herz zu Füßen
trug ich dir,
der Grund zu leben
warst du mir,
doch dir war’s recht
und recht egal -
heut‘ ster­be ich
ein wei­t­res Mal;
die Ago­nie
lässt grüßen.

(2010)

Wenn vom Klas­sen­kampf die Rede ist, denkt man nie­mals an sei­ne ganz all­täg­li­chen For­men, an die rück­sichts­lo­se gegen­sei­ti­ge Ver­ächt­lich­ma­chung, an die Arro­ganz, an die erdrü­cken­den Prah­le­rei­en mit dem »Erfolg« der Kin­der, mit den Feri­en, mit den Autos oder ande­ren Pres­ti­ge­ob­jek­ten, an ver­let­zen­de Gleich­gül­tig­keit, an Belei­di­gun­gen usw.: Sozia­le Ver­ar­mung und Vor­ur­tei­le – letz­te­re sind die trau­rigs­ten aller sozia­len Lei­den­schaf­ten – wer­den in die­sen all­täg­li­chen Kämp­fen gebo­ren, in denen stets die Wür­de und die Selbst­ach­tung der betei­lig­ten Men­schen auf dem Spiel ste­hen. Das Leben ändern, das müß­te auch hei­ßen, die vie­len klei­nen Nich­tig­kei­ten zu ändern, die das Leben der Leu­te aus­ma­chen und die heu­te gänz­lich als Pri­vat­an­ge­le­gen­heit ange­se­hen und dem Geschwätz der Mora­lis­ten über­las­sen werden.
Pierre Bour­dieu – Poli­tik, Bil­dung und Spra­che, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht

Die Wahr­schein­lich­keit einer Hand­lung oder eines Phä­no­mens zu ken­nen, kann auch hei­ßen, die Chan­cen jener Aktio­nen zu ver­grö­ßern, die dar­auf abzie­len, die Rea­li­sie­rung eben die­ses Phä­no­mens zu ver­hin­dern. Aber das ist nicht alles. Vie­le sozia­le Mecha­nis­men sind nur des­halb so wirk­sam, weil sie ver­kannt und unter­schätzt wer­den. Das ist zum Bei­spiel bei den »Mecha­nis­men« der Fall, die die Kin­der aus den­je­ni­gen Fami­li­en, die öko­no­misch und kul­tu­rell am stärks­ten benach­tei­ligt sind, aus der Schu­le her­aus­drän­gen: Man beob­ach­tet, wie gera­de die Fami­li­en, die kul­tu­rell benach­tei­ligt und Opfer der sozia­len Ungleich­heit sind, am stärks­ten dar­an glau­ben, daß Bega­bung und Tüch­tig­keit die ein­zig aus­schlag­ge­ben­den Fak­to­ren für den Schul­erfolg sind. Man sieht also, daß fei­ne Wis­sen­schaft, die ent­hüllt und demas­kiert – »es gibt nur eine Wis­sen­schaft, und das ist die Wis­sen­schaft vom Ver­bor­ge­nen«, sagt Bachel­ard – aus sich her­aus wich­ti­ge Ver­än­de­run­gen bewir­ken kann. Dies gilt natür­lich nur unter der Bedin­gung, daß die Betrof­fe­nen, deren Inter­es­se am stärks­ten auf die­se Ver­än­de­run­gen drän­gen, auch an die­sen wis­sen­schaft­li­chen Ein­sich­ten teilhaben.
(Pierre Bour­dieu – Poli­tik, Bil­dung und Spra­che, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)