Es ist eine eben­so über­ra­schen­de und merk­wür­di­ge wie wert­vol­le Erfah­rung, sich im Wal­de zu irgend­ei­ner Zeit zu ver­ir­ren. Oft kommt man in einem Schnee­sturm selbst bei Tage auf eine wohl­be­kann­te Stra­ße und ist nicht imstan­de zu sagen, in wel­cher Rich­tung das Dorf liegt. Obgleich man tau­send­mal hier gegan­gen ist, kann man nichts Bekann­tes dar­an erken­nen, und die Stra­ße ist einem so fremd, als ob sie in Sibi­ri­en wäre. Bei Nacht ist die Ver­wir­rung natür­lich unend­lich grö­ßer. Auf unsern all­täg­li­chen Gän­gen steu­ern wir bestän­dig, wenn auch unbe­wußt, gleich Lot­sen mit Hil­fe von wohl­be­kann­ten Leucht­feu­ern und Vor­ge­bir­gen. Gehen wir über unsern gewöhn­li­chen Kurs hin­aus, so haben wir immer noch die Lage irgend­ei­nes benach­bar­ten Kaps im Sinn. Erst bis wir uns ganz ver­irrt oder umge­dreht haben – denn der Mensch braucht nur ein­mal in die­ser Welt mit geschlos­se­nen Augen her­um­ge­dreht zu wer­den, um ver­irrt zu sein -, ler­nen wir die Wei­te und Fremd­ar­tig­keit der Natur schät­zen. Jedes­mal wenn der Mensch aus dem Schlaf oder aus der Ver­sun­ken­heit erwacht, muß er die Him­mels­rich­tun­gen von neu­em ken­nen­ler­nen. Nicht eher, als bis wir ver­lo­ren sind – mit andern Wor­ten: bis wir die Welt ver­lo­ren haben -, fan­gen wir an, uns selbst zu fin­den und gewahr zu wer­den, wo wir sind und wie end­los aus­ge­dehnt unse­re Ver­bin­dun­gen sind.
(Hen­ry David Tho­reau – Walden)

Sie glau­ben, es sei pri­mi­tiv und bar­ba­risch, einen Men­schen zu töten? Au con­trai­re! Oh bit­te, den­ken Sie nicht an Schuss­waf­fen, den­ken Sie nicht an Mes­ser oder Gift, den­ken Sie nicht an Blut und all die bra­chia­len Metho­den des Tötens. Wagen Sie etwas mehr Fan­ta­sie. Mei­ne Pro­fes­si­on ist eine ande­re, ich bin spe­zia­li­siert auf Mor­de und Hin­rich­tun­gen einer gra­ziö­se­ren, weit­aus ver­sier­te­ren Art.
Haben Sie sich je über­legt, wie unge­recht die Welt an und für sich ist? Bre­chen Sie jeman­dem die Bei­ne, und Sie kom­men dafür vor Gericht. Bre­chen Sie aber jeman­dem das Herz, wird Sie kein Gericht der Welt dafür ver­ur­tei­len. Und glau­ben Sie mir, der Effekt ist ein grö­ße­rer, wenn Sie es bloß rich­tig anstel­len. Steh­len Sie jeman­dem das Vehi­kel, und man wird Sie wegen Dieb­stahl ver­fol­gen. Neh­men Sie hin­ge­gen jeman­dem die Träu­me, die er für sein Leben hegt, kom­men Sie mit die­sem Coup gänz­lich unbe­hel­ligt davon. Oder zün­den Sie jeman­dem das Haus an, bren­nen Sie es nie­der, und man wird Sie wegen Brand­stif­tung belan­gen. Ver­nich­ten Sie aber das Glück, das einer hat, wird Sie nie­mand dafür zur Ver­ant­wor­tung zie­hen wol­len. Ver­ste­hen Sie, wor­auf ich hin­aus möch­te?
Mein Metier ist eine Kunst. Jeman­den mit einer Waf­fe zu erschie­ßen oder zu erste­chen, ihn zu über­fah­ren oder zu ver­gif­ten ist ein­fach und arm­se­lig, jeder Töl­pel könn­te es, auch wenn zur Umset­zung die­ser Tat ein höchst­kom­ple­xer Plan dahin­ter­ste­cken mag. Die Tat selbst aber ist eine pri­mi­ti­ve und die­se Zunft nicht die mei­ne. Mei­ne Mor­de sind inner­lich, gleich­sam kunst- wie anspruchs­voll und äußerst effek­tiv. Nie­mand bemerkt sie, außer dem Ermor­de­ten, und nie­mand kann sie mir je nach­wei­sen, kei­ne Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de wür­de je des­we­gen gegen mich ermit­teln, denn alles, was ich tue, ist legal, ich ver­sto­ße gegen kei­ner­lei Sta­tu­ten. Dafür erfor­dern mei­ne Taten ein wesent­lich höhe­res Maß an Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, an Fan­ta­sie, an Kunst­fer­tig­keit und an Unbarm­her­zig­keit als ein nor­ma­ler Mord. Man muss an das Opfer her­an­kom­men. Nicht phy­sisch, nicht geo­gra­fisch. Es ist leicht, Per­so­nen­schutz, Mau­ern und Wach­sys­te­me zu über­lis­ten, geht man nur mit genug Ent­schlos­sen­heit an einen Mord her­an, aber die Schutz­sys­te­me, die mei­ne Auf­merk­sam­keit erfor­dern, sind weit­aus schwie­ri­ger zu über­win­den. Ich spre­che von Ver­trau­en, das in einer lang­wie­ri­gen Inter­ak­ti­on erst ein­mal geschmie­det wer­den muss, es geht um eine Bezie­hung, die ich zu mei­nem Opfer auf­bau­en muss, um schließ­lich des­sen inne­re Ver­tei­di­gungs­maß­nah­men ele­gant zu bezwin­gen. Kein Per­so­nen­schutz der Welt kann mei­ne Opfer davor beschüt­zen, kei­ne kugel­si­che­re Wes­te fängt mei­nen töd­li­chen Schuss ab, wenn es so weit ist.
Sie glau­ben ver­mut­lich, ein phy­si­scher Mord sei wirk­sa­mer, aber da täu­schen Sie sich. Men­schen sind solch zer­brech­li­che Wesen. Ich glau­be, die meis­ten von ihnen ver­kraf­ten mehr kör­per­li­chen Scha­den als inner­li­ches Leid, als see­li­schen Schmerz, wenn Sie es so aus­drü­cken möch­ten. Ein fal­sches Wort zur rich­ti­gen Zeit, ein Schwei­gen, wenn Wor­te erwar­tet wer­den, eine noch so klei­ne Hand­lung, die deplat­ziert erscheint, ein sinn­bild­li­cher Dolch­stoß, und der Mensch wird nie wie­der so sein wie je zuvor. Er ver­liert viel­leicht sei­nen Opti­mis­mus, sei­ne Lebens­freu­de, sein Lachen, sein Ver­trau­en oder sei­ne Offen­heit. Ein ech­ter Mord schließt ab, der Mensch ist tot, requies­cat in pace. Einen Men­schen aber, den ich im Inne­ren ermor­de, tötet das nicht wirk­lich, zumin­dest nicht sofort, er muss damit wei­ter­le­ben, für den Rest sei­ner Tage.
Ich habe Ehe­män­ner und Ehe­frau­en umge­bracht, indem ich sie ver­füh­ren ließ, indem ich ihre Fami­li­en, ihr Glück, ihre Bezie­hun­gen zer­stör­te. Ich habe Men­schen getö­tet, indem ich sie über Mona­te hin­weg mit der Ver­hei­ßung der gro­ßen Lie­be lock­te, in ihnen epi­sche Gefüh­le pro­vo­zier­te, um sie dann ein­fach damit sit­zen­zu­las­sen. Ich habe Men­schen in den Abgrund gesto­ßen, indem ich ihr Ver­trau­en in die Zukunft erschüt­ter­te. Ich habe Ehr­gei­zi­ge umge­bracht, indem ich ihre Kar­rie­re zer­stör­te, und Eltern, indem ich ihre Kin­der kor­rum­pier­te.
All die­se Taten sind für mich bloß eher­ne Rou­ti­ne, it’s all in a day‘s work. Nichts davon geschah auf einem ille­ga­len Wege. Wie ste­hen Sie zu einer Welt, die all das unge­rührt zur Kennt­nis nimmt, weil sie in ihrer Ver­ach­tung für Mord, Zer­stö­rung und Gewalt so ober­fläch­lich ist wie ein Groß­teil der Men­schen, die dar­in leben? Ich bin ein Ass­as­si­ne und mei­ne Mor­de blei­ben ungesühnt.

Der ande­re Trick besteht dar­in, dem Part­ner eben­so hef­ti­ge wie nebel­haf­te Vor­wür­fe zu machen. Wenn er dann wis­sen will, was Sie eigent­lich mei­nen, kön­nen Sie die Fal­le mit dem zusätz­li­chen Hin­weis her­me­tisch schlie­ßen: »Wenn du nicht der Mensch wärest, der du bist, müß­test du mich nicht erst noch fra­gen. Der Umstand, daß du nicht ein­mal weißt, wovon ich spre­che, zeigt klar, welch‘ Geis­tes Kind du bist.« Und a pro­pos Geist: Im Umgang mit soge­nann­ten Geis­tes­kran­ken wird die­se Metho­de seit längs­ter Zeit mit gro­ßem Erfolg ange­wen­det. In den sel­te­nen Fäl­len näm­lich, in denen der Betref­fen­de es wagt, klipp und klar dar­über Aus­kunft zu ver­lan­gen, wor­in in der Sicht der ande­ren sei­ne Ver­rückt­heit denn bestehe, läßt sich die­se Fra­ge als wei­te­rer Beweis für sei­ne Geis­tes­ge­stört­heit hin­stel­len: »Wenn du nicht ver­rückt wärest, wüß­test du, was wir mei­nen.« Da staunt der Laie und der Fach­mann wun­dert sich – denn hin­ter einer Ant­wort die­ser Art steht Genia­li­tät: Der Ver­such, Klar­heit zu schaf­fen, wird flugs ins Gegen­teil umge­deu­tet. Der ande­re gilt also für ver­rückt, solan­ge er die Bezie­hungs­de­fi­ni­ti­on »Wir sind nor­mal, du bist ver­rückt« still­schwei­gend hin­nimmt, und für ver­rückt, wenn er sie in Fra­ge stellt. Nach die­sem erfolg­lo­sen Exkurs in die mensch­li­che Umwelt kann er ent­we­der sich in hilf­lo­ser Wut die Haa­re aus­rau­fen, oder in Schwei­gen zurück­fal­len. Aber auch damit beweist er nur zusätz­lich, wie ver­rückt er ist, und wie recht die ande­ren schon immer hat­ten. (…) In den Eta­blis­se­ments, die sich für die Behand­lung sol­cher Zustän­de für kom­pe­tent hal­ten, läßt sich die­se Tak­tik mit Erfolg anwen­den. Man stellt es dem soge­nann­ten Pati­en­ten zum Bei­spiel frei, nach eige­nem Ermes­sen zu ent­schei­den, ob er an den Grup­pen­sit­zun­gen teil­neh­men will oder nicht. Lehnt er dan­kend ab, so wird er hil­f­­reich-erns­t­haft auf­ge­for­dert, sei­ne Grün­de anzu­ge­ben. Was er dann sagt, ist ziem­lich gleich­gül­tig, denn es ist auf jeden Fall eine Mani­fes­ta­ti­on sei­nes Wider­stan­des und daher krank­haft. Die ein­zi­ge ihm offen­ste­hen­de Alter­na­ti­ve ist also die Teil­nah­me an der Grup­pen­the­ra­pie, doch darf er nicht anmer­ken las­sen, daß ihm ja nichts ande­res übrig­bleibt, denn sei­ne eige­ne Lage so zu sehen, bedeu­te­te immer noch Wider­stand und Ein­sichts­lo­sig­keit. Er muß also »spon­tan« teil­neh­men wol­len, gibt aber gleich­zei­tig mit sei­ner Teil­nah­me zu, daß er krank ist und The­ra­pie braucht. In gro­ßen Gesell­schafts­sys­te­men mit Irren­haus­cha­rak­ter ist die­se Metho­de unter dem respek­t­­los-reak­­tio­­nä­­ren Namen Gehirn­wä­sche bekannt.
(Paul Watz­la­wick – Anlei­tung zum Unglücklichsein)

I think that if I ever have kids, and they are upset, I won’t tell them that peo­p­le are star­ving in Chi­na or any­thing like that becau­se it would­n’t chan­ge the fact that they were upset. And even if some­bo­dy else has it much worse, that does­n’t real­ly chan­ge the fact that you have what you have. Good and bad. Just like what my sis­ter said when I had been in the hos­pi­tal for a while. She said that she was real­ly worried about going to col­lege, and con­side­ring what I was going through, she felt real­ly dumb about it. But I don’t know why she would feel dumb. I’d be worried, too. And real­ly, I don’t think I have it any bet­ter or worse than she does. I don’t know. It’s just dif­fe­rent. May­be it’s good to put things in per­spec­ti­ve, but some­ti­mes, I think that the only per­spec­ti­ve is to real­ly be the­re. Becau­se it’s okay to feel things. And be who you are about them.
(Ste­phen Chbos­ky – The Perks of Being a Wall­flower / Viel­leicht lie­ber morgen)

Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Kar­rie­re, sag ja zur Fami­lie. Sag ja zu einem per­vers gro­ßen Fern­se­her. Sag ja zu Wasch­ma­schi­nen, Autos, CD-Play­ern und elek­tri­schen Dosen­öff­nern. Sag ja zur Gesund­heit, nied­ri­gem Cho­le­ste­rin­spie­gel und Zahn­zu­satz­ver­si­che­rung. Sag ja zur Bau­spar­kas­se, sag ja zur ers­ten Eigen­tums­woh­nung, sag ja zu den rich­ti­gen Freun­den. Sag ja zur Frei­zeit­klei­dung mit pas­sen­den Kof­fern, sag ja zum drei­tei­li­gen Anzug auf Raten­zah­lung in hun­der­ten von Scheiß-Stof­­fen. Sag ja zu Do-It-Your­s­elf und dazu, auf dei­ner Couch zu hocken und dir hirn­läh­men­de Game­shows rein­zu­zie­hen und dich dabei mit scheiß Junk­fraß voll­zu­stop­fen. Sag ja dazu, am Schluss vor dich hin­zu­ver­we­sen, dich in einer elen­den Bruch­bu­de voll­zu­pis­sen und den miss­ra­te­nen Ego-Rat­­ten von Kin­dern, die du gezeugt hast, damit sie dich erset­zen, nur noch pein­lich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. (…) Bald bin ich genau wie ihr: Job, Fami­lie, per­vers gro­ßer Fern­se­her, Wasch­ma­schi­ne, Auto, CD und elek­tri­scher Dosen­öff­ner, Gesund­heit, nied­ri­ger Cho­le­ste­rin­spie­gel, Kran­ken­ver­si­che­rung, Eigen­heim-Finan­­zie­rung, Frei­zeit­klei­dung, drei­tei­li­ger Anzug, Heim­wer­ker­tum, Game­show, Junk­fraß, Kin­der, Spa­zie­ren­ge­hen im Park, gere­gel­te Arbeits­zeit, Fit­ness­cen­ter, Auto­wa­schen, ’ne Men­ge Pull­over, trau­te Weih­nacht mit der Fami­lie, infla­ti­ons­si­che­re Ren­te, Steu­er­frei­be­trä­ge, Abfluss sau­ber machen, über die Run­de kom­men, mich auf den Tag freu­en, an dem ich sterbe.
(Train­spot­ting)