Gegen­über der ima­gi­nä­ren Anthro­po­lo­gie der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, die sich noch nie der For­mu­lie­rung uni­ver­sel­ler Geset­ze der »zeit­li­chen Prä­fe­renz« ent­schla­gen konn­te, ist dar­an zu erin­nern, daß die jewei­li­ge Geneigt­heit zur Unter­ord­nung gegen­wär­ti­ger Wün­sche unter zukünf­ti­ge Befrie­di­gun­gen davon abhängt, wie »ver­nünf­tig« die­ses Opfer ist, d.h. von den jewei­li­gen Chan­cen, auf jeden Fall in der Zukunft mehr an Befrie­di­gung zu erhal­ten als was gegen­wär­tig geop­fert wur­de. Unter die öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen der Nei­gung, unter­mit­tel­ba­re Wunsch­er­fül­lung zuguns­ten künf­tig erhoff­ter zurück­zu­stel­len, ist glei­cher­ma­ßen die in der gegen­wär­ti­gen Lage ange­leg­te Wahr­schein­lich­keit der zukünf­ti­gen Befrie­di­gung zu rech­nen. (…) Für die­je­ni­gen, die – wie es so heißt – kei­ne Zukunft haben, die jeden­falls von die­ser wenig zu erwar­ten haben, stellt der Hedo­nis­mus, der Tag für Tag zu den unmit­tel­bar gege­be­nen sel­te­nen Befrie­di­gungs­mög­lich­kei­ten (»die güns­ti­gen Augen­bli­cke«) grei­fen läßt, alle­mal noch die ein­zig denk­ba­re Phi­lo­so­phie dar. Ver­ständ­li­cher wird damit, war­um der vor­nehm­lich im Ver­hält­nis zur Nah­rung sich offen­ba­ren­de prak­ti­sche Mate­ria­lis­mus zu einem der Grund­be­stand­tei­le des Ethos, ja selbst der Ethik der unte­ren Klas­sen gehört: das Gegen­wär­tig­sein im Gegen­wär­ti­gen, das sich bekun­det in der Sor­ge, die güns­ti­gen Augen­bli­cke aus­zu­nut­zen und die Zeit zu neh­men, wie sie kommt, ist von sich aus Mani­fes­ta­ti­on von Soli­da­ri­tät mit den ande­ren (die im übri­gen häu­fig genug die ein­zi­ge vor­han­de­ne Sicher­heit gegen die Unbill der Zukunft bil­den) inso­weit, als in die­sem gleich­sam voll­kom­me­nen zeit­li­chen Imma­nenz­ver­hal­ten sich doch auch die Aner­ken­nung der die spe­zi­fi­sche Lage defi­nie­ren­den Gren­zen offenbart.
(Pierre Bour­dieu – Die fei­nen Unterschiede)

In der Regio­nal­bahn, eine wah­re Bege­ben­heit. Zwei älte­re Her­ren betre­ten den Dop­pel­stock­wa­gen und suchen sich einen Sitz­platz im obe­ren Bereich:

#1: Das sind doch schö­ne Plät­ze. Ich mag es hier oben.

#2: Aber du weißt: Wenn man erst ein­mal oben ist …

#1: … will man nicht wie­der runter?

#2: Das auch. Vor allem aber will man immer höher. Wie Schil­ler schon sag­te: »Stre­ben wir nicht all­zu hoch hin­auf, daß wir zu tief nicht fal­len mögen«.

#1: Nun, das ist eben Risi­ko. Ich glau­be, risi­ko­be­wuss­te Men­schen sit­zen oben, anstatt unten in der Mas­se unterzugehen.

#2: Aber man braucht die da unten, um sich hier oben bes­ser füh­len zu können.

PAU­SE

#1: Ich mag die Aus­sicht hier oben. Man sieht so weit. Unten sieht man nur Büsche.

#2: Man sieht viel­leicht mehr, aber sieht man auch besser?

#1: Ich den­ke schon. Man kann ande­ren bes­ser hel­fen, wenn man oben ist. Man hat mehr Mög­lich­kei­ten und einen bes­se­ren Überblick.

#2: Da habe ich ande­re Erfah­run­gen: Oben sieht man über alles hin­weg. Solan­ge die von unten nicht nach oben kom­men, nimmt man sie nicht wahr.

#1: Da hast du Recht. Aber es scheint, die haben sich mit ihrem Platz da unten abgefunden.

#2: Viel­leicht weil sie noch nie oben waren.

#1: Das kann sein.

Fazit: So ein­fach kann man die Gesell­schaft grob zusam­men­fas­sen. Wäh­rend ges­tern noch vom so genann­ten Fahr­stuhl­ef­fekt gespro­chen wur­de, kommt es nun durch Auf­lö­sung der Mit­tel­schicht zur Doppelstockwagen-Gesellschaft.

You never chan­ge things by fight­ing the exis­ting rea­li­ty. To chan­ge some­thing, build a new model that makes the exis­ting model obsolete.
Buck­mins­ter Fuller

Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen, Tra­di­tio­nen oder Hand­lungs­wei­sen begeg­net, die auf den ers­ten Blick plau­si­bel und ein­leuch­tend erschei­nen, fasst fol­gen­de Aus­sa­ge recht prä­gnant zusammen:

I’m try­ing to break you of the habit of auto­ma­ti­cal­ly say­ing, „Yes, this makes sen­se. I’ll accept it.“ I’m try­ing to train you to pau­se and say, „Yes, this seems to make sen­se. But does it?“
(Dani­el Quinn – If They Give You Lined Paper, Wri­te Sideways)

Wir sind es gewohnt, ein der­art skep­ti­sches Ver­hal­ten an den Tag zu legen, wenn uns etwas ein wenig merk­wür­dig, zwei­fel­haft oder gar falsch vor­kommt. Weit­aus span­nen­der, weil grö­ße­ren Erkennt­nis­ge­winn ver­spre­chend, ist es aller­dings, die­ses Ver­hal­ten auch und gera­de bei den­je­ni­gen Phä­no­me­nen und Mecha­nis­men anzu­wen­den, die uns auf den ers­ten Blick, aus Gewohn­heit oder auf­grund des gesun­den Men­schen­ver­stands als durch­aus ver­nünf­tig erschei­nen – weil sie es näm­lich oft gar nicht sind, son­dern bloß so erschei­nen, da sie nie in Fra­ge gestellt werden.

Die ers­te Hand­lung des For­schers ist, die Fra­gen des gesun­den Men­schen­ver­stands (…) zu destru­ie­ren, sie völ­lig anders neu zu stellen.
(Pierre Bour­dieu – Was anfan­gen mit der Sozio­lo­gie?, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)

Von Zeit zu Zeit wirst du Feh­ler machen. Feh­ler sind unver­meid­lich. Manch­mal wer­den dei­ne Feh­ler sogar rie­sig sein. Haupt­sa­che ist, dass du aus ihnen lernst. Es ist kei­ne Schan­de hin­zu­fal­len, vor­aus­ge­setzt man ist zwei Zen­ti­me­ter grö­ßer gewor­den, wenn man sich wie­der erhebt.
Jah­re wer­den kom­men, an denen du dich weit weg von Zuhau­se befin­dest. Du wirst dir viel­leicht nicht mehr sicher sein, wo du hin­ge­hörst. Ver­giss nicht: das Zuhau­se ist über­all, es ist an kei­nen Ort gebun­den. Du bist da zuhau­se, wo dich dein Gefühl hin­ge­führt hat.
Im Lau­fe dei­nes Lebens wirst du Freun­de ver­lie­ren und neue gewin­nen. Die­ser Pro­zess ist schmerz­haft, aber häu­fig ein­fach not­wen­dig. Der Kreis der Freun­de ändert sich, du änderst dich, das Leben ändert sich. Irgend­wann ist jeder gezwun­gen, einen eige­nen neu­en Weg zu fin­den, und die­ser Weg ist viel­leicht nicht dei­ner. Akzep­tie­re die Freun­de so, wie sie sind, und behal­te sie immer in guter Erin­ne­rung.
Eins noch: Ich glau­be dar­an… Bes­ser: Ich bin fest davon über­zeugt, dass sich die Din­ge frü­her oder spä­ter immer zum Guten wen­den wer­den. Es gibt schlim­me Pha­sen im Leben. Wir lei­den, wir ver­lie­ren das, was wir lie­ben. Der Lebens­weg ist nie­mals leicht. Und das hat auch nie jemand behaup­tet, aber auf lan­ge Sicht, wenn man dem, an das man glaubt, treu bleibt, endet alles gut.
(Baby­lon 5)