Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.
(Sokrates)
In einem Projekt, an dem ich bis vor circa einem Jahr beteiligt war, fiel einer der Mitarbeiter wiederholt durch Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und mangelnde Kommunikationsfähigkeit auf. Nennen wir diese Person hier einfach einmal Peter. Peters Verhalten führte mitunter so weit, dass es den gesamten Fortschritt des Projekts erheblich verzögerte und zeitweise sogar das Projekt als Ganzes gefährdete.
Wenn Peter vom Rest des Teams zur Rede gestellt wurde, gelang es ihm meist, aufgrund seiner charismatischen Ausstrahlung alle anderen Mitglieder mittels Ausreden zu besänftigen und auf die Zukunft zu vertrösten.
Einmal allerdings, nach unzähligen solcher Verzögerungen und Unzuverlässigkeiten, kam es dann schließlich doch zu einer ernsten Aussprache, in der sich das Team recht vernünftig, wie mir schien, mit dem Problem auseinandersetzte und Peter recht freundlich, aber doch deutlich klar machte, weshalb ein solches Verhalten nicht nur das Projekt gefährde, sondern auch zwischenmenschlich im allgemeinen recht enttäuschend sei. Danach besserte sich sein Verhalten vorübergehend ein wenig, doch gelöst wurde das Problem im Endeffekt nur, indem Peter schlicht weniger Aufgaben zugeteilt wurden, die für das Projekt wichtig waren. Gelernt hatte er aus dem Gespräch anscheinend nichts.
Ein halbes Jahr später ungefähr unterhielt ich mich mit zwei anderen Teammitgliedern noch einmal über das Projekt im Allgemeinen sowie über das problematische Verhalten Peters im Speziellen. Einer der beiden besuchte auch in der Zeit nach Projektabschluss noch diverse Kurse, an denen auch Peter teilnahm, und konnte uns somit von ein paar zusätzlichen Eindrücken erzählen. Wir fragten uns, ob Peter langfristig aus seinen Fehlern und unseren Diskussionen irgendetwas gelernt hatte.
Die Antwort, die wir uns gaben, fiel recht ernüchternd aus und wurde von einem der beiden, mit denen ich mich unterhielt, prägnant zusammengefasst, indem er (nennen wir ihn Max) einen Satz zitierte, den Peter in der damaligen Diskussion zu seiner Verteidigung vorgebracht hatte: „Es ist bei mir halt so, dass ich den Kopf in den Sand stecke, wenn es Probleme gibt“.
Das Problematische an diesem einen Satz war nun nicht das Kopf-in-den-Sand-Stecken, sondern das unscheinbare „es ist bei mir halt so“. Max erklärte, es gebe seines Erachtens zwei Typen von Menschen, nämlich zum einen diejenigen, die glauben, Menschen könnten sich nicht ändern, und die anderen. Dieser eine Satz drückte laut Max in wenigen Worten alles über Peter aus, was hinsichtlich dieser zwei Typen von Bedeutung war: Peter gehört(e) zu ersteren.
Peter wird, darin waren wir uns einig, die gleichen Fehler wieder und immer wieder machen, denn er lernt nichts aus diesen Fehlern, will gar nichts daraus lernen, weil er nämlich glaubt, er sei „halt so“ – und nicht anders. Er nahm die Kritik zwar auf, zog daraus aber keine persönlichen Konsequenzen, weil das bedeutet hätte, sich selbst einzugestehen, etwas falsch gemacht zu haben, und weil das zugleich bedeuten würde, Engagement und Gedanken in die eigene Veränderung oder Weiterentwicklung stecken zu müssen, während die andere Lösung, die gewählte Lösung, doch so viel einfacher ist: Ich bin halt so – da kann man nichts machen.
Doch man kann, denn niemand ist „halt so“. „Ich bin halt so“ ist Schwachsinn. Es gibt kein fertiges Sein, keine abgeschlossene Persönlichkeit. „Ich bin halt so“ ist eine Ausrede und gleichzeitig eine selbsterfüllende Prophezeiung. Nur diejenigen, die diesen Glauben teilen, werden genau so bleiben. Wer sich selbst davon überzeugt, er sei „halt so“, wird sich auch immer wieder gleich verhalten, immer wieder die gleichen Fehler machen und diese Fehler als Bestätigung sehen, „halt so“ zu sein, anstatt daraus für die Zukunft irgendetwas zu lernen.
Eine andere Person verband diese mit beharrlicher Konsequenz vertretene Überzeugung, „halt so“ zu sein, mit noch einem anderen Dogma. Als ich sie einmal fragte, welche Entscheidungen sie bereue oder in welchen Fällen sie sich, im Nachhinein betrachtet, einmal falsch entschieden hätte oder sich heute anders entscheiden würde, antwortete sie mir, es gebe in ihrem Leben bisher keine solchen Entscheidungen. Zunächst glaubte ich noch, das sei nur ein Ausweichen, um der Beantwortung der Frage zu entgehen, doch was sie sagte, meinte sie tatsächlich vollkommen ernst, wie sich in der folgenden Zeit noch herausstellte.
Im Endeffekt bedeutet das, was sie damit ausdrückte, dass sie von sich selbst und für sich selbst glaubt, noch nie wirklich einen Fehler gemacht zu haben – nichts anderes sind Entscheidungen, die man bereut. Kann es einen solchen Menschen überhaupt geben? Ist das schlicht positives Denken in einer absurden, seiner auf die Spitze getriebenen Form? Oder Arroganz? Keine Entscheidungen zu bereuen heißt eben auch: Niemals um Verzeihung zu bitten, wenn man anderen auf die Füße tritt.
Um ihre Antwort zu erklären, argumentierte sie, dass sie nur dann wieder genau der selbe Mensch werden würde, der sie jetzt ist, wenn sie alle Entscheidungen, also auch Fehler, die uns prägten, erneut genauso treffen würde, wie sie sie tatsächlich getroffen hat. Würde sie sich an irgendeiner Stelle anders entscheiden, würde sie damit zugleich eine andere Persönlichkeit werden – dies würde sie gerne vermeiden, weil es das Schicksal eben so gewollt hätte und sie damit recht zufrieden sei.
Diese Argumentation ist so richtig wie trivial. Natürlich hatte sie Recht: Sie ist heute, wer sie ist, eben weil sie sich so entschieden hat, wie sie sich entschieden hat, und sie würde nur wieder genau der selbe Mensch werden, der sie jetzt ist, wenn sie alle Entscheidungen erneut genauso träfe. Bloß: Was sagt einem das? Alles und nichts.
Wenn sich ein Mensch tatsächlich die Frage stellen kann: „Würde ich alles, was ich in meinem Leben je getan habe, in der gleichen Situation wieder genauso machen?“, um dies dann mit Ja zu beantworten, halte ich das, egal bei wem, für Selbstbetrug. Etwas beim zweiten Mal anders zu machen, eine Entscheidung im Nachhinein zu revidieren, zeugt meines Erachtens keineswegs davon, eine andere Person sein zu wollen oder mit der eigenen Persönlichkeit unzufrieden zu sein. Es heißt nur, dass man aus Fehlern lernen kann, dass man nicht perfekt ist und sich auch nicht dafür hält. Völlig zu Recht sagte sie: Fehler prägen uns. Doch gerade aus diesem Grund halte ich es für vermessen, im Nachhinein – dieser rückblickenden Argumentation folgend – mit Kenntnis des Fehlers denselben noch einmal begehen zu wollen.
Zufriedensein und Entscheidungen zu bereuen schließt sich nicht aus. Im Gegenteil: Man kann mit sich selbst zufrieden sein und trotzdem Entscheidungen bereuen; man kann sogar mit sich selbst zufrieden sein, gerade weil man Entscheidungen bereut.
Ein zugespitztes Beispiel soll das Ganze verdeutlichen: Wenn ich weiß, dass eine meiner Entscheidungen einen Menschen das Leben kostete, welchen Grund sollte ich haben, diese Entscheidung noch einmal genauso zu treffen? Vielleicht hat sie für mich persönlich im Endeffekt dazu geführt, dass ich in Zukunft vorsichtiger bin, war für mich also alles in allem positiv, aber ermutigt oder entschuldigt das, sie noch einmal genau so zu treffen, um wieder genau der zu werden, der ich jetzt bin? Über metaphorische Leichen zu gehen und Fehler zu wiederholen, bloß um erneut derjenige zu werden, der man jetzt ist, zeugt vielleicht weniger von Selbstzufriedenheit als von Selbstgefälligkeit und einem egozentrischen Weltbild. Da scheint es wieder durch: Ich bin halt so – und nicht anders.
Ein wenig ähnelt diese Argumentation im Grunde Voltaires naiv-optimistischem Candide, der glaubt, alles sei gut und geschehe zu Recht, auch Krieg, Leid und Armut, da er sich in der besten aller möglichen Welten wähnt und folglich den jetzigen Zustand als den besten aller möglichen begreift. Somit ist alles gut, was geschieht und bis hierhin geschah. Pangloss, der Lehrer Candides, der ihm die Lehre der besten aller möglichen Welten ursprünglich nahegebracht hatte, sieht in allem Schlechten, das geschieht, etwas Gutes und rechtfertigt dessen Existenz, sei es Syphilis oder Krieg, aus einem relativierenden, anerkennenden Blickwinkel, anstatt es als Schlechtes wahrzunehmen und daran zu arbeiten, es zu ändern. Selbst als Candide am Ende, lange aus seinem Paradies vertrieben, soviel Leid erfahren und durchlebt hat, versucht Pangloss noch immer, alles Schlechte schönzureden, was selbst Candide mittlerweile nicht mehr ernst nehmen kann:
„Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge. Denn wären Sie nicht Baroneß Kunegundens halber mit derben Fußtritten aus dem schönsten aller Schlösser gejagt, von der Inquisition nicht eingezogen worden, hätten Sie nicht Amerika zu Fuße durchwandert, dem Herrn Baron nicht einen tüchtigen Stoß mit dem Degen versetzt, nicht all’ ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie jetzt nicht hier eingemachten Zedrat und Pistazien essen.“
Wird diese Argumentation konsequent weitergeführt und dramatisiert, lässt sich damit von der Entscheidung zwischen Döner oder Pizza über Mobbing bis hin zu Mord alles schönreden, was zum heutigen Zustand führte. Ihr liegt der Glaube zugrunde, der Zustand, wie er ist, rechtfertige alles, was zu ihm führte, adle jedes Geschehen, gebe allem einen positiven Sinn, mache alles Schlechte gut. Nicht bloß ist das naiv und egozentrisch, sondern auch gefährlich, ob hinsichtlich des Zustands der Welt oder dem der eigenen Person.
Rückblickend betrachtet glaube ich, dass dies lediglich eine Rationalisierungsstrategie ist, sich die langjährig kultivierte „ich bin halt so“-Überzeugung mit einem Zirkelschluss makellos schönzureden: Wenn ich „halt so bin“, wie ich bin, und alles, was hierhin führte, gut ist, dann bin ich so, wie ich „halt bin“, perfekt. Kein Grund, das eigene Verhalten zu reflektieren, in Frage zu stellen oder gar zu ändern. Wenn ich durch meine Unzuverlässigkeit beispielsweise vergesse, anderen Leuten einen Termin abzusagen, für den sie extra 500km fahren müssen, dann ist das gar kein Fehler, denn so kommen die anderen wenigstens mal raus. So einfach kann das Leben sein. Was als flapsiger Spruch noch lustig ist, verkommt zu Selbstbetrug und Respektlosigkeit anderen gegenüber, sobald es jemand wirklich ernst meint.
In Wahrheit allerdings ist niemand von uns perfekt. Fehler, die ein Mensch macht und sich selbst eingesteht, sind normal und verzeihbar. Doch wenn ein Mensch, wie diese Beispielen zeigen, nicht bloß Fehler macht, sondern noch dazu seine Verhaltensweisen, die zu gerade diesen Fehlern führten, als „halt so“ und damit als unveränderlich begreift oder die Fehler als solche nicht einmal in Erwägung zieht, sondern stattdessen sich selbst und seiner Umwelt einredet, keine fehlerhaften Entscheidungen getroffen zu haben, wird solch ein Mensch auf lange Zeit unausstehlich und seine Fehler unverzeihlich. Sie geschehen dann auch tatsächlich immer wieder.
Menschen ändern sich – wenn sie es wollen.
Ich glaube, niemand möchte die soziale Welt so sehen, wie sie ist; es gibt viele Arten, sie zu verleugnen; es gibt die Kunst, natürlich. Aber es gibt auch eine Form von Soziologie, die dieses bemerkenswerte Ergebnis zustandebringt, nämlich von der sozialen Welt zu reden, als redete sie nicht von ihr (…). Die Verneinung im Freudschen Sinne ist eine Form von Eskapismus. Wenn man vor der Welt, wie sie ist, fliehen will, kann man Musiker werden, Philosoph, Mathematiker. Aber wie flieht man vor ihr, wenn man Soziologe ist? Es gibt Leute, die das schaffen. Man braucht nur mathematische Formeln zu schreiben, Spieltheorieübungen oder Computersimulationen durchzuexerzieren. Wenn man wirklich die Welt wenigstens ein bißchen so sehen und so über sie reden will, wie sie ist, dann muß man akzeptieren, daß man sich immer im Komplizierten, Unklaren, Unreinen, Unscharfen usw. und also im Widerspruch zu den gewöhnlichen Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit befindet.
(Pierre Bourdieu – „Inzwischen kenne ich alle Krankheiten der soziologischen Vernunft“, in: Pierre Bourdieu, Jean-Claude Chamboredon und Jean-Claude Passeron – Soziologie als Beruf)
Ein wunderbarer Text von Lars Frers, den ich schon vor einigen Jahren entdeckt habe und nun, um ihn auch hier zu verbreiten, gemäß CC-Lizenz als Vollzitat wiedergeben möchte (das Original findet sich hier):
Es scheint viele Gründe zu geben, die gegen den Müßiggang sprechen. Der beste von ihnen ist vielleicht der Vorwurf, dass das Nichtstun, das nicht auf etwas konkretes hin orientierte Tätigsein unproduktiv sei. Der Sinn unseres Daseins sei ja schließlich nicht das Treiben durch die Welt, sondern das aktive Nutzen des uns gegebenen Handlungspotentials, der uns gegebenen Freiheit. Müßiggänger verschleudern dieses Potential. Im schlimmsten Fall sind sie eh zu gar nichts nutze, im besten Falle ist es bedauerlich, dass sie sich nicht mehr für ihre, die oder irgendeine Sache einsetzen, denn ihre Mitarbeit ist gefragt und die Sache drängt. Wozu also zögern? Mutig, auf zur Tat!
In der Muße liegt eine besondere Kraft. Sie ist ein Rückzug aus dem Drängen und Ziehen des Alltagsgeschäfts, ein Rückzug, der es ermöglicht die Dinge und die Menschen noch einmal aus der Distanz anzuschauen, zu sehen, zu denken und zu fühlen, ob eingeschlagene Richtungen dorthin führen, wo ich eigentlich hin will. Sich mit diesen grundsätzlichen Fragen zu konfrontieren braucht Zeit. Kann ich mich dazu zwingen, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen? Vielleicht, aber ich glaube nicht, dass ich unter Druck zu den Fragen – und möglicherweise auch Antworten – kommen kann, die für mich wichtig sind. Man findet vielleicht auch unter Druck Antworten, aber wahrscheinlich stellt man sich nicht die richtigen Fragen.
Für mich ist der Übergang vom Faulsein zur Muße oder von der Ablenkung zur Muße nicht vollständig klar. Klar ist mir nur, das ich nicht direkt von der Arbeit und vom Alltagsgeschäft in die Muße eintreten kann. Es braucht erst einige Zeit (das heißt in der Regel: einige Tage oder besondere Umstände wie eine anstehende Reise oder einen Urlaub), bis ich keine Lust mehr habe, mich abzulenken, bis ich mich mit der Welt und mir beschäftigen möchte oder bis ich einfach offen bin für Eindrücke und Wahrnehmungen, die ich sonst ausfiltere.
In der Muße allerdings finde ich nicht unbedingt den Frieden. Muße bedeutet nicht Zen-mäßig nach dem Einssein mit der Welt zu streben oder ins Nirvana oder die völlige Ruhe einzutauchen. In der Muße liegt eine Kraft, etwas aktives, auf die Welt bezogenes. Sie ist ein Distanz-zur-Welt-einnehmen, aber sie ist nicht ein sich-von-der-Welt-lösen. Dies scheint mir das Besondere und das Produktive: eine Reorganisation, eine Neueinschätzung und ein weitgehend unbefangenes in Perspektive setzen wird möglich. Von dieser Perspektive aus kann ich dann gestärkt mit Bezug auf meine Welt Tätig werden. Es wird sozusagen ein fester Boden geschaffen, von dem aus ich mich beteiligen kann, der Halt gibt in einer Welt, in der es eine völlig unüberschaubare Anzahl von attraktiven Angeboten und von Verführungen jedweder Art gibt. Ich glaube, dass es kaum möglich ist, ohne solche Pausen – die anfangs Zerstreung sein mögen, die aber später Raum und Zeit zur Konzentration bieten – die Dinge zu tun, die man eigentlich tun möchte und sollte.
Etwas unheimlich finde ich, dass ich bereits seit über sieben Monaten eine einzelne, leere Datei auf dem sonst immer aufgeräumten Desktop meines Computers habe. Die Datei heisst 041105-musse.txt. Das heisst, ich habe mir am 4. November des vergangenen Jahres überlegt, dass ich gerne etwas über die Muße schreiben möchte. In der Datei stand nur der Titel dieses Eintrags Mut zur Muße. Offensichtlich habe ich in den vergangenen Monaten eben nicht die Muße und den Mut gefunden, mich mit diesem Thema schriftlich auseinanderzusetzen. Statt dessen habe ich lieber über gesehene Filme geschrieben, an meiner Arbeit gesessen, Exzerpte angefertigt und allerlei anderes erledigt. Das hat auch alles seinen Sinn, aber ich finde es bedauerlich, dass ich mich nicht vorher dieser Sache gewidmet habe, die mir eigentlich wirklich am Herzen liegt.
Zum Abschluss möchte ich noch einmal auf den Mut eingehen, den es zur Muße benötigt. Mut scheint mir vor allem aus zwei Gründen erforderlich.
- Die Umwelt unterstellt in ihrer spezifischen Form von Normalität und Arbeitsethik, dass Müßiggang unmoralisch und unverantwortlich wäre. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall, aber ich fühle auch den Zwang, mich für dieses illegitime Verhalten zu rechtfertigen (sonst würde ich wohl kaum diesen Text hier schreiben). Das Perfide ist, dass der häufig nur indirekte Vorwurf der Unangemessenheit sowohl von Seiten des entfesselten Kapitalismus als auch von dessen Gegnern kommt. Im einen Fall drängt die Konkurrenz, im anderen die Sache. In beiden Fällen ist Nichtkonformität ausserordentlich irritierend.
- Mut ist gegenüber sich selbst erforderlich. Eigene, bereits getroffene Entscheidungen werden hinterfragt. Es ist vorher unklar, was eigentlich herauskommt und ob es einen wirklich ‚weiterbringen‘ wird man sich der Reflexion stellen möchte. In der Regel ist bei mir ein merkwürdiges Zusammenspiel aus Unzufriedenheit und Zuversicht, aus Verpflichtungsfreiheit und Motiviertheit erforderlich, damit ich den Mut zur Muße aufbringe.
(Lars Frers, Juni 2005)
Damit die am meisten Begünstigten begünstigt und die am meisten Benachteiligten benachteiligt werden, ist es notwendig wie hinreichend, dass die Schule beim vermittelten Unterrichtsstoff, bei den Vermittlungsmethoden und ‑techniken und bei den Beurteilungskriterien die kulturelle Ungleichheit der Kinder (…) ignoriert. Anders gesagt, indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit gegenüber der Kultur. Die formale Gleichheit, die die pädagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichgültigkeit gegenüber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten oder, genauer gesagt, verlangten Kultur. (…) Indem die Schule den Individuen nur deren Position in der sozialen Hierarchie genau entsprechende Erwartungen an die Schule zugesteht und unter ihnen eine Auswahl trifft, die unter dem Anschein der formalen Gleichheit die existierenden Unterschiede sanktioniert und konsekriert, trägt sie ineins zur Perpetuierung wie zur Legitimierung der Ungleichheit bei. Indem sie gesellschaftlich bedingten, von ihr aber auf Begabungsunterschiede zurückgeführten Fähigkeiten eine sich »unparteiisch« gebende und als solche weithin anerkannte Sanktion erteilt, verwandelt sie faktische Gleichheiten in rechtmäßige Ungleichheiten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Unterschiede in eine qualitative Differenz und legitimiert die Übertragung des kulturellen Erbes. (…) Indem [das Bildungssystem] den kulturellen Ungleichheiten eine formell mit den demokratischen Idealen übereinstimmende Sanktion erteilt, liefert es die beste Rechtfertigung für diese Ungleichheiten.
(Pierre Bourdieu – Die konservative Schule, in: Wie die Kultur zum Bauern kommt)
„Was hat sich geändert?“
- „Ihr. Die Studenten, die vor mir sitzen.“
„Weil wir schlauer sind, wissen wie der Hase läuft, weil wir für diese Scheißer einfach nicht ins Gras beißen wollen…“
- „Weil ihr so viel Abstand wie möglich zwischen euch und die wahre Welt bringen wollt und diese Scheißer (…), die bauen auf eure Apathie, die bauen auf eure vorsätzliche Ignoranz. Darauf begründen die ihre Strategien. Ihr gebt die Vorlage und die probieren aus, wie weit sie gehen können.“
„Jetzt bin ich schuld an allem..? Ich bin schuld, weil ich mir ein schönes Leben machen will, weil ich es kann, weil ich clever genug dafür bin? Wollen Sie mich beschuldigen, weil ich keine Lust hab‘, Seite an Seite mit Ihnen auf ’nem alternativen Bauernhof zu schuften? Doc, Sie reden echt schon genau so wie meine Eltern: Dauernd die Leier, dass ich es ja so viel schöner habe als sie früher und dann, dann machen sie mir die Hölle heiß, dass ich die Frechheit habe, es zu genießen.“
- „Todd, was nützt Ihnen der 90.000 Dollar teure Benz, wenn Sie nicht nur einen leeren Tank haben, sondern auch die Straßen und Highways so runtergekommen sind wie in der Dritten Welt? Wenn Ihre ganzen Tiraden über Kongress und Politik wahr wären, wenn es so schlimm steht, so schlimm, wie Sie sagen, wenn tausende Amerikaner gefallen sind und es täglich mehr werden, wie vermutlich im Moment, verraten Sie mir: Wie können Sie Ihr schönes Leben genießen? Rom steht in Flammen, so sieht’s aus! Und das Problem sind nicht die Brandstifter, da ist Hopfen und Malz verloren, das Problem sind wir, wir alle, die untätig sind, die Zeit vertun. Wir alle lavieren nur um das Feuer herum. Ich sag‘ Ihnen was: Es gibt Menschen da draußen, die jeden Tag dafür kämpfen, die Welt ein wenig besser zu machen…“
„Sie meinen, wer wagt gewinnt und wer nicht wagt, kann nicht gewinnen, oder was? (…) Aber worin liegt der Unterschied, wenn man am Ende sowieso verliert?“
- „Du hast etwas unternommen.“


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