Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den.
(Sokra­tes)

In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit auf. Nen­nen wir die­se Per­son hier ein­fach ein­mal Peter. Peters Ver­hal­ten führ­te mit­un­ter so weit, dass es den gesam­ten Fort­schritt des Pro­jekts erheb­lich ver­zö­ger­te und zeit­wei­se sogar das Pro­jekt als Gan­zes gefährdete.

Wenn Peter vom Rest des Teams zur Rede gestellt wur­de, gelang es ihm meist, auf­grund sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Aus­strah­lung alle ande­ren Mit­glie­der mit­tels Aus­re­den zu besänf­ti­gen und auf die Zukunft zu vertrösten.

Ein­mal aller­dings, nach unzäh­li­gen sol­cher Ver­zö­ge­run­gen und Unzu­ver­läs­sig­kei­ten, kam es dann schließ­lich doch zu einer erns­ten Aus­spra­che, in der sich das Team recht ver­nünf­tig, wie mir schien, mit dem Pro­blem aus­ein­an­der­setz­te und Peter recht freund­lich, aber doch deut­lich klar mach­te, wes­halb ein sol­ches Ver­hal­ten nicht nur das Pro­jekt gefähr­de, son­dern auch zwi­schen­mensch­lich im all­ge­mei­nen recht ent­täu­schend sei. Danach bes­ser­te sich sein Ver­hal­ten vor­über­ge­hend ein wenig, doch gelöst wur­de das Pro­blem im End­ef­fekt nur, indem Peter schlicht weni­ger Auf­ga­ben zuge­teilt wur­den, die für das Pro­jekt wich­tig waren. Gelernt hat­te er aus dem Gespräch anschei­nend nichts.

Ein hal­bes Jahr spä­ter unge­fähr unter­hielt ich mich mit zwei ande­ren Team­mit­glie­dern noch ein­mal über das Pro­jekt im All­ge­mei­nen sowie über das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hal­ten Peters im Spe­zi­el­len. Einer der bei­den besuch­te auch in der Zeit nach Pro­jekt­ab­schluss noch diver­se Kur­se, an denen auch Peter teil­nahm, und konn­te uns somit von ein paar zusätz­li­chen Ein­drü­cken erzäh­len. Wir frag­ten uns, ob Peter lang­fris­tig aus sei­nen Feh­lern und unse­ren Dis­kus­sio­nen irgend­et­was gelernt hatte.

Die Ant­wort, die wir uns gaben, fiel recht ernüch­ternd aus und wur­de von einem der bei­den, mit denen ich mich unter­hielt, prä­gnant zusam­men­ge­fasst, indem er (nen­nen wir ihn Max) einen Satz zitier­te, den Peter in der dama­li­gen Dis­kus­si­on zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­ge­bracht hat­te: „Es ist bei mir halt so, dass ich den Kopf in den Sand ste­cke, wenn es Pro­ble­me gibt“.

Das Pro­ble­ma­ti­sche an die­sem einen Satz war nun nicht das Kopf-in-den-Sand-Ste­­cken, son­dern das unschein­ba­re „es ist bei mir halt so“. Max erklär­te, es gebe sei­nes Erach­tens zwei Typen von Men­schen, näm­lich zum einen die­je­ni­gen, die glau­ben, Men­schen könn­ten sich nicht ändern, und die ande­ren. Die­ser eine Satz drück­te laut Max in weni­gen Wor­ten alles über Peter aus, was hin­sicht­lich die­ser zwei Typen von Bedeu­tung war: Peter gehört(e) zu ersteren.

Peter wird, dar­in waren wir uns einig, die glei­chen Feh­ler wie­der und immer wie­der machen, denn er lernt nichts aus die­sen Feh­lern, will gar nichts dar­aus ler­nen, weil er näm­lich glaubt, er sei „halt so“ – und nicht anders. Er nahm die Kri­tik zwar auf, zog dar­aus aber kei­ne per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen, weil das bedeu­tet hät­te, sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, etwas falsch gemacht zu haben, und weil das zugleich bedeu­ten wür­de, Enga­ge­ment und Gedan­ken in die eige­ne Ver­än­de­rung oder Wei­ter­ent­wick­lung ste­cken zu müs­sen, wäh­rend die ande­re Lösung, die gewähl­te Lösung, doch so viel ein­fa­cher ist: Ich bin halt so – da kann man nichts machen.

Doch man kann, denn nie­mand ist „halt so“. „Ich bin halt so“ ist Schwach­sinn. Es gibt kein fer­ti­ges Sein, kei­ne abge­schlos­se­ne Per­sön­lich­keit. „Ich bin halt so“ ist eine Aus­re­de und gleich­zei­tig eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung. Nur die­je­ni­gen, die die­sen Glau­ben tei­len, wer­den genau so blei­ben. Wer sich selbst davon über­zeugt, er sei „halt so“, wird sich auch immer wie­der gleich ver­hal­ten, immer wie­der die glei­chen Feh­ler machen und die­se Feh­ler als Bestä­ti­gung sehen, „halt so“ zu sein, anstatt dar­aus für die Zukunft irgend­et­was zu lernen.

Eine ande­re Per­son ver­band die­se mit beharr­li­cher Kon­se­quenz ver­tre­te­ne Über­zeu­gung, „halt so“ zu sein, mit noch einem ande­ren Dog­ma. Als ich sie ein­mal frag­te, wel­che Ent­schei­dun­gen sie bereue oder in wel­chen Fäl­len sie sich, im Nach­hin­ein betrach­tet, ein­mal falsch ent­schie­den hät­te oder sich heu­te anders ent­schei­den wür­de, ant­wor­te­te sie mir, es gebe in ihrem Leben bis­her kei­ne sol­chen Ent­schei­dun­gen. Zunächst glaub­te ich noch, das sei nur ein Aus­wei­chen, um der Beant­wor­tung der Fra­ge zu ent­ge­hen, doch was sie sag­te, mein­te sie tat­säch­lich voll­kom­men ernst, wie sich in der fol­gen­den Zeit noch herausstellte.

Im End­ef­fekt bedeu­tet das, was sie damit aus­drück­te, dass sie von sich selbst und für sich selbst glaubt, noch nie wirk­lich einen Feh­ler gemacht zu haben – nichts ande­res sind Ent­schei­dun­gen, die man bereut. Kann es einen sol­chen Men­schen über­haupt geben? Ist das schlicht posi­ti­ves Den­ken in einer absur­den, sei­ner auf die Spit­ze getrie­be­nen Form? Oder Arro­ganz? Kei­ne Ent­schei­dun­gen zu bereu­en heißt eben auch: Nie­mals um Ver­zei­hung zu bit­ten, wenn man ande­ren auf die Füße tritt.

Um ihre Ant­wort zu erklä­ren, argu­men­tier­te sie, dass sie nur dann wie­der genau der sel­be Mensch wer­den wür­de, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen, also auch Feh­ler, die uns präg­ten, erneut genau­so tref­fen wür­de, wie sie sie tat­säch­lich getrof­fen hat. Wür­de sie sich an irgend­ei­ner Stel­le anders ent­schei­den, wür­de sie damit zugleich eine ande­re Per­sön­lich­keit wer­den – dies wür­de sie ger­ne ver­mei­den, weil es das Schick­sal eben so gewollt hät­te und sie damit recht zufrie­den sei.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist so rich­tig wie tri­vi­al. Natür­lich hat­te sie Recht: Sie ist heu­te, wer sie ist, eben weil sie sich so ent­schie­den hat, wie sie sich ent­schie­den hat, und sie wür­de nur wie­der genau der sel­be Mensch wer­den, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen erneut genau­so trä­fe. Bloß: Was sagt einem das? Alles und nichts.

Wenn sich ein Mensch tat­säch­lich die Fra­ge stel­len kann: „Wür­de ich alles, was ich in mei­nem Leben je getan habe, in der glei­chen Situa­ti­on wie­der genau­so machen?“, um dies dann mit Ja zu beant­wor­ten, hal­te ich das, egal bei wem, für Selbst­be­trug. Etwas beim zwei­ten Mal anders zu machen, eine Ent­schei­dung im Nach­hin­ein zu revi­die­ren, zeugt mei­nes Erach­tens kei­nes­wegs davon, eine ande­re Per­son sein zu wol­len oder mit der eige­nen Per­sön­lich­keit unzu­frie­den zu sein. Es heißt nur, dass man aus Feh­lern ler­nen kann, dass man nicht per­fekt ist und sich auch nicht dafür hält. Völ­lig zu Recht sag­te sie: Feh­ler prä­gen uns. Doch gera­de aus die­sem Grund hal­te ich es für ver­mes­sen, im Nach­hin­ein – die­ser rück­bli­cken­den Argu­men­ta­ti­on fol­gend – mit Kennt­nis des Feh­lers den­sel­ben noch ein­mal bege­hen zu wollen.

Zufrie­den­s­ein und Ent­schei­dun­gen zu bereu­en schließt sich nicht aus. Im Gegen­teil: Man kann mit sich selbst zufrie­den sein und trotz­dem Ent­schei­dun­gen bereu­en; man kann sogar mit sich selbst zufrie­den sein, gera­de weil man Ent­schei­dun­gen bereut.

Ein zuge­spitz­tes Bei­spiel soll das Gan­ze ver­deut­li­chen: Wenn ich weiß, dass eine mei­ner Ent­schei­dun­gen einen Men­schen das Leben kos­te­te, wel­chen Grund soll­te ich haben, die­se Ent­schei­dung noch ein­mal genau­so zu tref­fen? Viel­leicht hat sie für mich per­sön­lich im End­ef­fekt dazu geführt, dass ich in Zukunft vor­sich­ti­ger bin, war für mich also alles in allem posi­tiv, aber ermu­tigt oder ent­schul­digt das, sie noch ein­mal genau so zu tref­fen, um wie­der genau der zu wer­den, der ich jetzt bin? Über meta­pho­ri­sche Lei­chen zu gehen und Feh­ler zu wie­der­ho­len, bloß um erneut der­je­ni­ge zu wer­den, der man jetzt ist, zeugt viel­leicht weni­ger von Selbst­zu­frie­den­heit als von Selbst­ge­fäl­lig­keit und einem ego­zen­tri­schen Welt­bild. Da scheint es wie­der durch: Ich bin halt so – und nicht anders.

Ein wenig ähnelt die­se Argu­men­ta­ti­on im Grun­de Vol­taires naiv-opti­­mis­­ti­­schem Can­di­de, der glaubt, alles sei gut und gesche­he zu Recht, auch Krieg, Leid und Armut, da er sich in der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten wähnt und folg­lich den jet­zi­gen Zustand als den bes­ten aller mög­li­chen begreift. Somit ist alles gut, was geschieht und bis hier­hin geschah. Pang­loss, der Leh­rer Can­di­des, der ihm die Leh­re der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten ursprüng­lich nahe­ge­bracht hat­te, sieht in allem Schlech­ten, das geschieht, etwas Gutes und recht­fer­tigt des­sen Exis­tenz, sei es Syphi­lis oder Krieg, aus einem rela­ti­vie­ren­den, aner­ken­nen­den Blick­win­kel, anstatt es als Schlech­tes wahr­zu­neh­men und dar­an zu arbei­ten, es zu ändern. Selbst als Can­di­de am Ende, lan­ge aus sei­nem Para­dies ver­trie­ben, soviel Leid erfah­ren und durch­lebt hat, ver­sucht Pang­loss noch immer, alles Schlech­te schön­zu­re­den, was selbst Can­di­de mitt­ler­wei­le nicht mehr ernst neh­men kann:

„Jeg­li­che Bege­ben­heit im mensch­li­chen Leben gehört in die Ket­te der Din­ge. Denn wären Sie nicht Baro­neß Kune­gun­dens hal­ber mit der­ben Fuß­trit­ten aus dem schöns­ten aller Schlös­ser gejagt, von der Inqui­si­ti­on nicht ein­ge­zo­gen wor­den, hät­ten Sie nicht Ame­ri­ka zu Fuße durch­wan­dert, dem Herrn Baron nicht einen tüch­ti­gen Stoß mit dem Degen ver­setzt, nicht all’ ihre Ham­mel aus dem guten Lan­de Eldo­ra­do ein­ge­büßt, so wür­den Sie jetzt nicht hier ein­ge­mach­ten Zedrat und Pis­ta­zi­en essen.“

Wird die­se Argu­men­ta­ti­on kon­se­quent wei­ter­ge­führt und dra­ma­ti­siert, lässt sich damit von der Ent­schei­dung zwi­schen Döner oder Piz­za über Mob­bing bis hin zu Mord alles schön­re­den, was zum heu­ti­gen Zustand führ­te. Ihr liegt der Glau­be zugrun­de, der Zustand, wie er ist, recht­fer­ti­ge alles, was zu ihm führ­te, adle jedes Gesche­hen, gebe allem einen posi­ti­ven Sinn, mache alles Schlech­te gut. Nicht bloß ist das naiv und ego­zen­trisch, son­dern auch gefähr­lich, ob hin­sicht­lich des Zustands der Welt oder dem der eige­nen Person.

Rück­bli­ckend betrach­tet glau­be ich, dass dies ledig­lich eine Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie ist, sich die lang­jäh­rig kul­ti­vier­te „ich bin halt so“-Überzeugung mit einem Zir­kel­schluss makel­los schön­zu­re­den: Wenn ich „halt so bin“, wie ich bin, und alles, was hier­hin führ­te, gut ist, dann bin ich so, wie ich „halt bin“, per­fekt. Kein Grund, das eige­ne Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, in Fra­ge zu stel­len oder gar zu ändern. Wenn ich durch mei­ne Unzu­ver­läs­sig­keit bei­spiels­wei­se ver­ges­se, ande­ren Leu­ten einen Ter­min abzu­sa­gen, für den sie extra 500km fah­ren müs­sen, dann ist das gar kein Feh­ler, denn so kom­men die ande­ren wenigs­tens mal raus. So ein­fach kann das Leben sein. Was als flap­si­ger Spruch noch lus­tig ist, ver­kommt zu Selbst­be­trug und Respekt­lo­sig­keit ande­ren gegen­über, sobald es jemand wirk­lich ernst meint.

In Wahr­heit aller­dings ist nie­mand von uns per­fekt. Feh­ler, die ein Mensch macht und sich selbst ein­ge­steht, sind nor­mal und ver­zeih­bar. Doch wenn ein Mensch, wie die­se Bei­spie­len zei­gen, nicht bloß Feh­ler macht, son­dern noch dazu sei­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die zu gera­de die­sen Feh­lern führ­ten, als „halt so“ und damit als unver­än­der­lich begreift oder die Feh­ler als sol­che nicht ein­mal in Erwä­gung zieht, son­dern statt­des­sen sich selbst und sei­ner Umwelt ein­re­det, kei­ne feh­ler­haf­ten Ent­schei­dun­gen getrof­fen zu haben, wird solch ein Mensch auf lan­ge Zeit unaus­steh­lich und sei­ne Feh­ler unver­zeih­lich. Sie gesche­hen dann auch tat­säch­lich immer wieder. 

Men­schen ändern sich – wenn sie es wollen.

Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich von der sozia­len Welt zu reden, als rede­te sie nicht von ihr (…). Die Ver­nei­nung im Freud­schen Sin­ne ist eine Form von Eska­pis­mus. Wenn man vor der Welt, wie sie ist, flie­hen will, kann man Musi­ker wer­den, Phi­lo­soph, Mathe­ma­ti­ker. Aber wie flieht man vor ihr, wenn man Sozio­lo­ge ist? Es gibt Leu­te, die das schaf­fen. Man braucht nur mathe­ma­ti­sche For­meln zu schrei­ben, Spiel­theo­rie­übun­gen oder Com­pu­ter­si­mu­la­tio­nen durch­zu­ex­er­zie­ren. Wenn man wirk­lich die Welt wenigs­tens ein biß­chen so sehen und so über sie reden will, wie sie ist, dann muß man akzep­tie­ren, daß man sich immer im Kom­pli­zier­ten, Unkla­ren, Unrei­nen, Unschar­fen usw. und also im Wider­spruch zu den gewöhn­li­chen Vor­stel­lun­gen von Wis­sen­schaft­lich­keit befindet.
(Pierre Bour­dieu – „Inzwi­schen ken­ne ich alle Krank­hei­ten der sozio­lo­gi­schen Ver­nunft“, in: Pierre Bour­dieu, Jean-Clau­­de Cham­bo­re­don und Jean-Clau­­de Pas­se­ron – Sozio­lo­gie als Beruf)

Ein wun­der­ba­rer Text von Lars Frers, den ich schon vor eini­gen Jah­ren ent­deckt habe und nun, um ihn auch hier zu ver­brei­ten, gemäß CC-Lizenz als Voll­zi­tat wie­der­ge­ben möch­te (das Ori­gi­nal fin­det sich hier):

Es scheint vie­le Grün­de zu geben, die gegen den Müßig­gang spre­chen. Der bes­te von ihnen ist viel­leicht der Vor­wurf, dass das Nichts­tun, das nicht auf etwas kon­kre­tes hin ori­en­tier­te Tätig­sein unpro­duk­tiv sei. Der Sinn unse­res Daseins sei ja schließ­lich nicht das Trei­ben durch die Welt, son­dern das akti­ve Nut­zen des uns gege­be­nen Hand­lungs­po­ten­ti­als, der uns gege­be­nen Frei­heit. Müßig­gän­ger ver­schleu­dern die­ses Poten­ti­al. Im schlimms­ten Fall sind sie eh zu gar nichts nut­ze, im bes­ten Fal­le ist es bedau­er­lich, dass sie sich nicht mehr für ihre, die oder irgend­ei­ne Sache ein­set­zen, denn ihre Mit­ar­beit ist gefragt und die Sache drängt. Wozu also zögern? Mutig, auf zur Tat!

In der Muße liegt eine beson­de­re Kraft. Sie ist ein Rück­zug aus dem Drän­gen und Zie­hen des All­tags­ge­schäfts, ein Rück­zug, der es ermög­licht die Din­ge und die Men­schen noch ein­mal aus der Distanz anzu­schau­en, zu sehen, zu den­ken und zu füh­len, ob ein­ge­schla­ge­ne Rich­tun­gen dort­hin füh­ren, wo ich eigent­lich hin will. Sich mit die­sen grund­sätz­li­chen Fra­gen zu kon­fron­tie­ren braucht Zeit. Kann ich mich dazu zwin­gen, mich mit die­sen Fra­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen? Viel­leicht, aber ich glau­be nicht, dass ich unter Druck zu den Fra­gen – und mög­li­cher­wei­se auch Ant­wor­ten – kom­men kann, die für mich wich­tig sind. Man fin­det viel­leicht auch unter Druck Ant­wor­ten, aber wahr­schein­lich stellt man sich nicht die rich­ti­gen Fragen.

Für mich ist der Über­gang vom Faul­sein zur Muße oder von der Ablen­kung zur Muße nicht voll­stän­dig klar. Klar ist mir nur, das ich nicht direkt von der Arbeit und vom All­tags­ge­schäft in die Muße ein­tre­ten kann. Es braucht erst eini­ge Zeit (das heißt in der Regel: eini­ge Tage oder beson­de­re Umstän­de wie eine anste­hen­de Rei­se oder einen Urlaub), bis ich kei­ne Lust mehr habe, mich abzu­len­ken, bis ich mich mit der Welt und mir beschäf­ti­gen möch­te oder bis ich ein­fach offen bin für Ein­drü­cke und Wahr­neh­mun­gen, die ich sonst ausfiltere.

In der Muße aller­dings fin­de ich nicht unbe­dingt den Frie­den. Muße bedeu­tet nicht Zen-mäßig nach dem Eins­sein mit der Welt zu stre­ben oder ins Nir­va­na oder die völ­li­ge Ruhe ein­zu­tau­chen. In der Muße liegt eine Kraft, etwas akti­ves, auf die Welt bezo­ge­nes. Sie ist ein Distanz-zur-Welt-ein­­neh­­men, aber sie ist nicht ein sich-von-der-Welt-lösen. Dies scheint mir das Beson­de­re und das Pro­duk­ti­ve: eine Reor­ga­ni­sa­ti­on, eine Neu­ein­schät­zung und ein weit­ge­hend unbe­fan­ge­nes in Per­spek­ti­ve set­zen wird mög­lich. Von die­ser Per­spek­ti­ve aus kann ich dann gestärkt mit Bezug auf mei­ne Welt Tätig wer­den. Es wird sozu­sa­gen ein fes­ter Boden geschaf­fen, von dem aus ich mich betei­li­gen kann, der Halt gibt in einer Welt, in der es eine völ­lig unüber­schau­ba­re Anzahl von attrak­ti­ven Ange­bo­ten und von Ver­füh­run­gen jed­we­der Art gibt. Ich glau­be, dass es kaum mög­lich ist, ohne sol­che Pau­sen – die anfangs Zer­stre­ung sein mögen, die aber spä­ter Raum und Zeit zur Kon­zen­tra­ti­on bie­ten – die Din­ge zu tun, die man eigent­lich tun möch­te und sollte.

Etwas unheim­lich fin­de ich, dass ich bereits seit über sie­ben Mona­ten eine ein­zel­ne, lee­re Datei auf dem sonst immer auf­ge­räum­ten Desk­top mei­nes Com­pu­ters habe. Die Datei heisst 041105-musse.txt. Das heisst, ich habe mir am 4. Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res über­legt, dass ich ger­ne etwas über die Muße schrei­ben möch­te. In der Datei stand nur der Titel die­ses Ein­trags Mut zur Muße. Offen­sicht­lich habe ich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten eben nicht die Muße und den Mut gefun­den, mich mit die­sem The­ma schrift­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen. Statt des­sen habe ich lie­ber über gese­he­ne Fil­me geschrie­ben, an mei­ner Arbeit geses­sen, Exzerp­te ange­fer­tigt und aller­lei ande­res erle­digt. Das hat auch alles sei­nen Sinn, aber ich fin­de es bedau­er­lich, dass ich mich nicht vor­her die­ser Sache gewid­met habe, die mir eigent­lich wirk­lich am Her­zen liegt.

Zum Abschluss möch­te ich noch ein­mal auf den Mut ein­ge­hen, den es zur Muße benö­tigt. Mut scheint mir vor allem aus zwei Grün­den erforderlich.

  • Die Umwelt unter­stellt in ihrer spe­zi­fi­schen Form von Nor­ma­li­tät und Arbeits­ethik, dass Müßig­gang unmo­ra­lisch und unver­ant­wort­lich wäre. Ich glau­be, das Gegen­teil ist der Fall, aber ich füh­le auch den Zwang, mich für die­ses ille­gi­ti­me Ver­hal­ten zu recht­fer­ti­gen (sonst wür­de ich wohl kaum die­sen Text hier schrei­ben). Das Per­fi­de ist, dass der häu­fig nur indi­rek­te Vor­wurf der Unan­ge­mes­sen­heit sowohl von Sei­ten des ent­fes­sel­ten Kapi­ta­lis­mus als auch von des­sen Geg­nern kommt. Im einen Fall drängt die Kon­kur­renz, im ande­ren die Sache. In bei­den Fäl­len ist Nicht­kon­for­mi­tät aus­ser­or­dent­lich irritierend.
  • Mut ist gegen­über sich selbst erfor­der­lich. Eige­ne, bereits getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen wer­den hin­ter­fragt. Es ist vor­her unklar, was eigent­lich her­aus­kommt und ob es einen wirk­lich ‚wei­ter­brin­gen‘ wird man sich der Refle­xi­on stel­len möch­te. In der Regel ist bei mir ein merk­wür­di­ges Zusam­men­spiel aus Unzu­frie­den­heit und Zuver­sicht, aus Ver­pflich­tungs­frei­heit und Moti­viert­heit erfor­der­lich, damit ich den Mut zur Muße aufbringe.

(Lars Frers, Juni 2005)

Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei den Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en die kul­tu­rel­le Ungleich­heit der Kin­der (…) igno­riert. Anders gesagt, indem das Schul­sys­tem alle Schü­ler, wie ungleich sie auch in Wirk­lich­keit sein mögen, in ihren Rech­ten wie Pflich­ten gleich behan­delt, sank­tio­niert es fak­tisch die ursprüng­li­che Ungleich­heit gegen­über der Kul­tur. Die for­ma­le Gleich­heit, die die päd­ago­gi­sche Pra­xis bestimmt, dient in Wirk­lich­keit als Ver­schleie­rung und Recht­fer­ti­gung der Gleich­gül­tig­keit gegen­über der wirk­li­chen Ungleich­heit in Bezug auf den Unter­richt und der im Unter­richt ver­mit­tel­ten oder, genau­er gesagt, ver­lang­ten Kul­tur. (…) Indem die Schu­le den Indi­vi­du­en nur deren Posi­ti­on in der sozia­len Hier­ar­chie genau ent­spre­chen­de Erwar­tun­gen an die Schu­le zuge­steht und unter ihnen eine Aus­wahl trifft, die unter dem Anschein der for­ma­len Gleich­heit die exis­tie­ren­den Unter­schie­de sank­tio­niert und kon­se­kriert, trägt sie ineins zur Per­p­etu­ie­rung wie zur Legi­ti­mie­rung der Ungleich­heit bei. Indem sie gesell­schaft­lich beding­ten, von ihr aber auf Bega­bungs­un­ter­schie­de zurück­ge­führ­ten Fähig­kei­ten eine sich »unpar­tei­isch« geben­de und als sol­che weit­hin aner­kann­te Sank­ti­on erteilt, ver­wan­delt sie fak­ti­sche Gleich­hei­ten in recht­mä­ßi­ge Ungleich­hei­ten, wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Unter­schie­de in eine qua­li­ta­ti­ve Dif­fe­renz und legi­ti­miert die Über­tra­gung des kul­tu­rel­len Erbes. (…) Indem [das Bil­dungs­sys­tem] den kul­tu­rel­len Ungleich­hei­ten eine for­mell mit den demo­kra­ti­schen Idea­len über­ein­stim­men­de Sank­ti­on erteilt, lie­fert es die bes­te Recht­fer­ti­gung für die­se Ungleichheiten.
(Pierre Bour­dieu – Die kon­ser­va­ti­ve Schu­le, in: Wie die Kul­tur zum Bau­ern kommt)

„Was hat sich geändert?“

- „Ihr. Die Stu­den­ten, die vor mir sitzen.“

„Weil wir schlau­er sind, wis­sen wie der Hase läuft, weil wir für die­se Schei­ßer ein­fach nicht ins Gras bei­ßen wollen…“

- „Weil ihr so viel Abstand wie mög­lich zwi­schen euch und die wah­re Welt brin­gen wollt und die­se Schei­ßer (…), die bau­en auf eure Apa­thie, die bau­en auf eure vor­sätz­li­che Igno­ranz. Dar­auf begrün­den die ihre Stra­te­gien. Ihr gebt die Vor­la­ge und die pro­bie­ren aus, wie weit sie gehen können.“

„Jetzt bin ich schuld an allem..? Ich bin schuld, weil ich mir ein schö­nes Leben machen will, weil ich es kann, weil ich cle­ver genug dafür bin? Wol­len Sie mich beschul­di­gen, weil ich kei­ne Lust hab‘, Sei­te an Sei­te mit Ihnen auf ’nem alter­na­ti­ven Bau­ern­hof zu schuf­ten? Doc, Sie reden echt schon genau so wie mei­ne Eltern: Dau­ernd die Lei­er, dass ich es ja so viel schö­ner habe als sie frü­her und dann, dann machen sie mir die Höl­le heiß, dass ich die Frech­heit habe, es zu genießen.“

- „Todd, was nützt Ihnen der 90.000 Dol­lar teu­re Benz, wenn Sie nicht nur einen lee­ren Tank haben, son­dern auch die Stra­ßen und High­ways so run­ter­ge­kom­men sind wie in der Drit­ten Welt? Wenn Ihre gan­zen Tira­den über Kon­gress und Poli­tik wahr wären, wenn es so schlimm steht, so schlimm, wie Sie sagen, wenn tau­sen­de Ame­ri­ka­ner gefal­len sind und es täg­lich mehr wer­den, wie ver­mut­lich im Moment, ver­ra­ten Sie mir: Wie kön­nen Sie Ihr schö­nes Leben genie­ßen? Rom steht in Flam­men, so sieht’s aus! Und das Pro­blem sind nicht die Brand­stif­ter, da ist Hop­fen und Malz ver­lo­ren, das Pro­blem sind wir, wir alle, die untä­tig sind, die Zeit ver­tun. Wir alle lavie­ren nur um das Feu­er her­um. Ich sag‘ Ihnen was: Es gibt Men­schen da drau­ßen, die jeden Tag dafür kämp­fen, die Welt ein wenig bes­ser zu machen…“

„Sie mei­nen, wer wagt gewinnt und wer nicht wagt, kann nicht gewin­nen, oder was? (…) Aber wor­in liegt der Unter­schied, wenn man am Ende sowie­so verliert?“

- „Du hast etwas unternommen.“ 

(Von Löwen und Läm­mern)