If you do the right thing for the wrong reasons, the work beco­mes cor­rupt­ed, impu­re, and ulti­m­ate­ly self-destructive.
(Baby­lon 5)

Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesel­l­­schafts-Tal­k­­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on sich dabei um poli­ti­sche, um gesell­schaft­li­che oder um per­sön­li­che The­men dreht und ob ich mich mit einer Sei­te der Dis­kus­si­on iden­ti­fi­zie­ren kann oder nicht. Was mich auf­regt, ist der jewei­li­ge Drang, alle ande­ren mit mis­sio­na­ri­schem Eifer von der eige­nen Posi­ti­on und der eige­nen Art zu leben über­zeu­gen zu wol­len. Vege­ta­ri­er wol­len Fleisch­esser zu Vege­ta­ri­ern kon­ver­tie­ren, Fau­len­zer wol­len Kar­rie­re­men­schen zum locke­ren Leben erzie­hen, Opern­gän­ger dif­fa­mie­ren DSDS-Gucker ob ihrer Kul­tur­lo­sig­keit und jeweils ent­spre­chend umge­kehrt. War­um eigentlich?

Ich strei­te ger­ne mit ande­ren Leu­ten über The­men, bei denen wir uns nicht einig sind. Es macht Spaß und erwei­tert den eige­nen Hori­zont. Von außen ist das, was ich tue, für einen objek­ti­ven Beob­ach­ter wahr­schein­lich nur schwer von Über­zeu­gungs­ar­beit zu unter­schei­den (und viel­leicht tue ich des­we­gen den beschrie­be­nen Per­so­nen teil­wei­se unrecht), doch mei­ne eige­ne Moti­va­ti­on dazu ist kei­nes­wegs das mis­sio­na­ri­sche Bestre­ben, den ande­ren von mei­ner indi­vi­du­el­len Posi­ti­on zu über­zeu­gen und das Gan­ze ideo­lo­gisch womög­lich noch mit der ver­meint­li­chen Erzie­hung zu einer bes­se­ren Welt auf­zu­la­den, wie es so oft prak­ti­ziert wird, son­dern eine weit­aus egoistischere:

Ich möch­te für mich selbst – und zwar nur für mich selbst – die bes­te Art zu leben fin­den, die ich ger­ne guten Gewis­sens lebe und die mir sowohl Spaß als auch ein befrie­di­gen­des Leben ermög­licht, so schwam­mig und banal das nun auch klin­gen mag. Außer­dem hilft es mir, mei­ne Mit­men­schen und ihre eige­ne Art zu leben bes­ser zu verstehen.

Es gibt kei­nen einen rich­ti­gen Weg zu leben, der für alle Men­schen all­ge­mein­gül­tig ist. Alle ande­ren von mei­ner Art zu leben, mei­nen Stand­punk­ten und mei­nen Mei­nun­gen über­zeu­gen zu wol­len, spricht für mich recht deut­lich von einer into­le­ran­ten Grund­hal­tung und über­schät­zen­der Ver­herr­li­chung der eige­nen Positionen.

Des­we­gen lie­be ich es, mit Men­schen zu dis­ku­tie­ren, die eine völ­lig ande­re Mei­nung ver­tre­ten als ich selbst. Ich dis­ku­tie­re ger­ne mit Par­tei­mit­glie­dern jeg­li­cher Art, mit Vega­nern, mit fun­da­men­ta­lis­ti­schen Gen­tech­nik­geg­nern oder ‑befür­wor­tern, mit Gläu­bi­gen und mit Anhän­gern eines völ­lig frei­en Mark­tes, mit Befür­wor­tern von Stu­di­en­ge­büh­ren und mit unbeug­sa­men Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern genau­so wie mit den Advo­ka­ten glo­ba­ler Aus­beu­tung, weil ich mit jeder die­ser Dis­kus­sio­nen her­aus­fin­den möch­te, wel­che Argu­men­te der ande­re vor­brin­gen kann, über wel­che Erfah­run­gen er ver­fügt, wie er zu sei­ner Mei­nung gekom­men ist und wie kon­se­quent er sie ver­tre­ten kann. Letzt­lich also, um her­aus­zu­fin­den, wie über­zeu­gend er ist. Nicht pri­mär, weil ich ihn über­zeu­gen möch­te, son­dern weil er viel­leicht Argu­men­te her­vor­bringt, die ich nach­voll­zie­hen kann, die mir sinn­voll und stich­hal­tig erschei­nen oder mich wenigs­tens ins Grü­beln brin­gen, die mir letzt­end­lich also hel­fen, mei­ne eige­nen Posi­tio­nen, Mei­nun­gen und Über­zeu­gun­gen fun­diert zu unter­mau­ern oder zu hin­ter­fra­gen und damit schließ­lich dazu bei­tra­gen, mei­nen eige­nen, für mich – und nur für mich – bes­ten Weg zu finden.

Wenn ich allei­ne etwas dar­aus mit­neh­me, ist das bereits gut, doch wenn idea­ler­wei­se alle betei­lig­ten Dis­ku­tan­ten im Zuge als auch in Fol­ge der Dis­kus­si­on ihre Posi­tio­nen kri­tisch reflek­tie­ren, ist das ein vol­ler Erfolg, denn nicht mehr und nicht weni­ger ist dabei mein vor­nehm­li­ches Ziel. Wenn einer oder meh­re­re der Betei­lig­ten, das beinhal­tet selbst­ver­ständ­lich auch mich selbst, infol­ge­des­sen ihre Mei­nung ändern, ist das ein will­kom­me­ner Effekt, denn wir alle ler­nen stän­dig dazu, aber nicht wesent­li­cher Antrieb und soll­te das auch nicht sein.

Der Unter­schied klingt ent­we­der tri­vi­al oder höchst kom­plex, denn es geht dar­um, poten­ti­ell über­zeu­gend zu sein, also die eige­ne Mei­nung kon­sis­tent, fun­diert, kon­se­quent und über­zeugt zu ver­tre­ten, ohne über­zeu­gen, ohne mis­sio­nie­ren zu wol­len, dabei aber immer offen für eige­ne Über­zeu­gung durch neue Argu­men­te zu sein.

Über­zeu­gungs­ar­beit ist immer Macht­durch­set­zung. Wer behaup­tet, DSDS-Gucker ver­füg­ten über kein Ver­ständ­nis für Kul­tur und Fau­len­zer wür­den ihr Leben ver­schwen­den, übt damit Macht aus, indem er die Deu­tungs­ho­heit anstrebt und durch­zu­set­zen ver­sucht, was unter legi­ti­mer Kul­tur und Lebens­füh­rung zu ver­ste­hen sei. Alle, die nicht die­sen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen, wer­den dadurch im- oder gar expli­zit für fehl­ge­lei­tet und ihre Lebens­wei­se für falsch erklärt, wohin­ge­gen die eige­ne stets die rich­ti­ge – die angeb­lich eine rich­ti­ge – ist. Wie so vie­les dreht sich hier­bei alles um Macht und weni­ger um Fra­gen per­sön­li­cher Vor­lie­ben, als die es kaschiert wird, denn gin­ge es ledig­lich um per­sön­li­che Vor­lie­ben, bestün­de nicht das Bestre­ben, ande­re von eben die­sen über­zeu­gen zu wollen.

Das ein­zi­ge – und hier wird es para­dox -, wovon ich ande­re über­zeu­gen möch­te, ist auf der einen Sei­te, dass es ein unver­nünf­ti­ges, weil ten­den­zi­ell tota­li­tä­res Unter­fan­gen ist, ande­re ver­bis­sen von der eige­nen Art zu leben über­zeu­gen zu wol­len, sowie auf der ande­ren Sei­te, offen für Über­zeu­gung durch Argu­men­te zu blei­ben, denn sonst ver­rennt man sich in Fundamentalismus.

Im Zug:

Mädel1 so: Dein bes­ter Freund ist ja voll häss­lich! Mei­ner sieht wenigs­tens noch ganz gut aus… Ich hätt‘ mir da an dei­ner Stel­le ’nen Gut­aus­se­hen­den gesucht.

Mädel2: Aber das ist doch nicht mein Freund – der muss gut aus­se­hen! Bei einem bes­ten Freund zäh­len die inne­ren Werte.

Mädel1 wie­der: Das stimmt, die inne­ren Wer­te. *Pau­se* Aber bei mei­nem Freund zäh­len auch die inne­ren Wer­te! Ich bin nich‘ nur mit dem zusam­men, weil er gut aussieht.

Mädel2 dann so: Neee. Für so ne Bezie­hung mit inne­ren Wer­ten bin ich noch nich‘ alt genug…

Nach etwa einem hal­ben Jahr hat­te sie das bit­te­re Gefühl, alle Men­schen ent­täuscht zu haben. Sie hat­te ein Büch­lein voll Adres­sen, aber wag­te nie­mand mehr anzu­ru­fen. Womit hat­te sie alle die­se freund­li­chen Freun­de ent­täuscht? Sie wuß­te es nicht, sie erfuhr es nicht. Es bedrück­te sie ernst­haft. Indes­sen, und dies ver­wirr­te Sibyl­le noch mehr, hat­te sie über­haupt nichts ver­scherzt, ganz und gar nicht; traf man sich zufäl­lig, tön­te es genau wie beim ersten­mal: Hal­lo Sibyl­le! und auf der andern Sei­te war kei­ne Spur von Ent­täu­schung. All die­se offe­nen und so selbst­ver­ständ­li­chen Leu­te, schien es, erwar­te­ten nicht mehr von einer mensch­li­chen Bezie­hung; sie brauch­te nicht wei­ter­zu­wach­sen, die­se so freund­li­che Bezie­hung. Und das war für Sibyl­le wohl das Trau­ri­ge; nach zwan­zig Minu­ten ist man mit die­sen Men­schen so weit wie nach einem hal­ben Jahr, wie nach vie­len Jah­ren, es kommt nichts mehr hin­zu. Es bleibt bei dem offen­her­zi­gen Wunsch, daß es dem andern wohl­erge­he. Man ist befreun­det, um es in irgend­ei­ner Wei­se nett zu haben, und im übri­gen gibt es ja Psych­ia­ter, so etwas wie Gara­gis­ten für Innen­le­ben, wenn einer Defek­te hat und nicht sel­ber fli­cken kann. Jeden­falls soll man nicht sei­ne Freun­de mit einer trau­ri­gen Geschich­te belas­ten; sie haben dann auch, in der Tat, nichts zu lie­fern als einen eben­so all­ge­mei­nen wie unver­bind­li­chen Optimismus.
(Max Frisch – Stiller)

Viel liest man über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die es haben kann, füt­tert man sozia­le Netz­wer­ke, die eige­ne Home­page oder Blogs mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen. Wenn­gleich vie­les davon auch zutref­fend ist und die opti­mier­te Selbst­in­sze­nie­rung oder Öffent­lich­ma­chung intims­ter Details bis­wei­len ins Patho­lo­gi­sche abdrif­tet, so ist ein immer wie­der erwähn­ter Punkt doch unter Umstän­den auch nütz­lich: Schnüf­fe­lei durch den aktu­el­len oder einen poten­ti­el­len Arbeitgeber.

Das Pro­fil in sozia­len Netz­wer­ken, die eige­ne Home­page und Aus­sa­gen in Blogs wer­den mit der Sche­re im Kopf ver­fasst oder in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam zen­siert, um der Angst zu begeg­nen, der tat­säch­li­che oder poten­ti­el­le Arbeit­ge­ber könn­te Details über Pri­vat­le­ben, poli­ti­sche oder sexu­el­le Ori­en­tie­rung, Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen oder per­sön­li­che Mei­nun­gen erfah­ren und als – natür­lich inof­fi­zi­el­le – Grund­la­ge für nega­ti­ve Kon­se­quen­zen her­an­zie­hen, sei es das Ableh­nen einer Bewer­bung und Nicht­ein­stel­lung, das Über­ge­hen bei einer Beför­de­rung oder in Extrem­fäl­len die Kün­di­gung. Warum?

Genau­so, wie die­se dreis­te Schnüf­fe­lei durch wenig Ver­trau­en ver­die­nen­de Unter­neh­men, denen das Pri­vat­le­ben ihrer Mit­ar­bei­ter, solan­ge es die Arbeit selbst nicht beein­träch­tigt, nicht Grund für nega­ti­ve Sank­tio­nen sein darf, soll und muss, in die eine Rich­tung funk­tio­niert, wirkt sie auch in die ande­re, näm­lich als vor­züg­li­cher Arbeit­ge­ber­fil­ter. Möch­te man für eine Fir­ma arbei­ten, die her­um­schnüf­felt und einen Men­schen nicht ein­stellt, weil er per­sön­li­che, viel­leicht sogar pein­li­che Par­ty­fo­tos in ein sozia­les Netz­werk gela­den hat? Möch­te man für eine Fir­ma arbei­ten, die eine poli­ti­sche Mei­nung jen­seits der eigens pro­pa­gier­ten als Knock-Out-Kri­­te­ri­um betrach­tet? Wenn man nicht ein­ge­stellt wird, weil man sich in die­ser oder jener Orga­ni­sa­ti­on enga­giert, ist das dann, abseits vom Öko­no­mi­schen, wirk­lich ein Grund zur Trau­er oder nicht eher zur Freu­de dar­über, dass man nicht Teil eines Unter­neh­men mit sol­chen Prak­ti­ken gewor­den ist? Was für ein Zustand ist das, wenn man vor­sich­tig sein muss, wel­che poli­ti­schen oder per­sön­li­chen Aus­sa­gen man trifft?

„Selbst schuld“, hört man süf­fi­sant von den­je­ni­gen, die sich ent­spre­chend sol­cher an sie gestell­ten Erwar­tun­gen zen­sie­ren und die eige­ne Per­sön­lich­keit demü­tig ver­ste­cken. „Selbst schuld“, kann man ihnen eigent­lich nur antworten.