Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast?

Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für zwi­schen­mensch­li­che Kon­tak­te, für Lächeln, oder eben für Wör­ter. So wie das jähr­li­che Bud­get für Stra­ßen­bau in mei­ner Hei­mat­stadt. Im Herbst wur­den an den unmög­lichs­ten Stel­len Ver­kehrs­in­seln und Brems­schwel­len gebaut, um im nächs­ten Jahr nicht etwa weni­ger Geld aus dem gro­ßen Topf zuge­wie­sen zu bekommen.

Wenn das per­sön­li­che Bud­get aus­ge­schöpft ist, dann hat man viel­leicht schon um 15 Uhr kein Lächeln mehr übrig und ist schon vom Atmen eines ande­ren Men­schen genervt, oder aber man hat noch was über, lächelt völ­lig unmo­ti­viert Brems­schwel­len und Ver­kehrs­in­seln in die Luft und wird in der Bahn weit­räu­mig umgan­gen, hat als ein­zi­ger noch einen Sitz­platz neben sich frei, weil Leu­te, die ohne erkenn­ba­ren Grund lächeln, unheim­lich sind.

Übrig­ge­blie­be­ne Wör­ter kann man viel­leicht durch Selbst­ge­sprä­che los­wer­den, oder durch sinn­lo­se Blog­bei­trä­ge wie die­sen, aber das ist ja doch bei­des nicht jeder­manns Sache. Ich emp­fin­de es schon als merk­wür­dig, mit den Kat­zen zu reden. Selbst­ge­sprä­che kom­men also für mich nicht in Fra­ge. Zumin­dest jetzt noch nicht. In 30 bis 40 Jah­ren, wenn ich eine bös­ar­ti­ge alte Frau gewor­den bin, so eine, vor der alle Kin­der in der Stra­ße Angst haben und bei der sie beim Mar­ti­ni­s­in­gen nicht klin­geln, gehe ich vor mich hin brum­melnd umher und habe nie­mals mehr Wör­ter übrig, wenn ich ein­schla­fen will.

Es ist näm­lich so, des­sen bin ich mir sicher, dass man von die­sen Übrig­ge­blie­be­nen am Ende des Tages heim­ge­sucht wird. Dro­hend bal­len sie sich in den Ecken des Kop­fes zusam­men und tuscheln. Die­ses Tuscheln knapp über der Gren­ze, an der es gehört wer­den kann. Ein Cre­scen­do von Zisch­lau­ten, har­ten Ts und Ps (mit Spu­cke­t­röpf­chen) und bedeu­tungs­schwan­ge­ren drei Punk­ten. Und dann kann man nicht oder nur schlecht schla­fen. Im Kopf setzt sich Staub ab. Du siehst, es ist alles sehr dramatisch.

Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein!
Mit drei Punk­ten wird es noch ernster:
Wochen­en­den und Urlau­be kön­nen beson­ders gefähr­lich sein…

Vor etwas mehr als acht Mona­ten fand ich dank Twit­ter die tolls­te Frau der Welt. Alles begann mit zwei belang­lo­sen Tweets, auf die der jeweils ande­re reagier­te. Aus Rep­lys wur­den bald Direkt­nach­rich­ten und schließ­lich der Gedan­ke an ein Tref­fen. Wir hat­ten bis dahin weder tele­fo­niert noch ander­wei­tig Kon­takt gesucht als über Twitter.

Wir ver­ab­re­de­ten uns für einen Nach­mit­tag und ich blieb fast für eine Woche. Seit dem ers­ten Tref­fen sehen wir uns nun an jedem Wochen­en­de, und das macht mich zum glück­lichs­ten Men­schen der Welt. Die auf Twit­ter oft ver­schrie­ne Pär­chen­schei­ße war nur eklig, bis sie kam, und sie ist der ers­te Mensch, bei dem ich nach län­ge­rem Rund-um-die-Uhr-Kon­takt nicht das Bedürf­nis habe, nun mal wie­der für mich allein zu sein. Bei ihr bin ich zuhau­se, bei ihr bin ich ganz ich. Wir tun uns gegen­sei­tig gut.

Seit­dem benut­zen wir Twit­ter gemein­sam, wenn man das so nen­nen mag. Wir zei­gen uns gegen­sei­tig Tweets aus der eige­nen Time­line, wir star­ten gemein­sam Meme, wir hof­fen auf Rep­lys von ner­vi­gen Leu­ten, wir trol­len unse­re Fol­lower mit iro­nisch gemein­ten Tweets, wir läs­tern über ande­re, wir erstel­len Vide­os und tei­len sie, kurz­um: wir haben Spaß. Twit­ter hilft, Gesprächs­pau­sen zu über­brü­cken, und Twit­ter dient auch als eine Art Rück­zugs­ort, in den man kurz ver­schwin­den kann, wenn hier drau­ßen alles zu viel wird.

Aber das Medi­um, das uns zusam­men­brach­te, trennt uns auch immer wie­der, wenn­gleich zum Glück nur tem­po­rär, für Augen­bli­cke, Momen­te. Wir grei­fen hin und wie­der zum Smart­phone, wenn wir früh­stü­cken, wenn wir einen Film schau­en, wenn wir aus­ge­hen, wenn wir im Café sit­zen. Es ist ein klei­nes Time­out, so als wür­de einer von uns zur Tür raus­ge­hen, kurz ande­re Leu­te tref­fen, und dann wie­der rein­kom­men, als wäre nichts gesche­hen. Die Welt steht kurz still, der Raum wird gebro­chen, einer fällt aus der Zeit.

Manch­mal erhal­ten wir Nach­rich­ten, Rep­lys, DMs, E‑Mails, dann kommt jemand zur Tür her­ein, setzt sich frech zwi­schen uns ins Wohn­zim­mer oder an den Früh­stücks­tisch, plau­dert nur mit einem von uns, ver­drängt den ande­ren aus der Welt, und ver­schwin­det wie­der so plötz­lich, wie er auf­ge­tre­ten ist.

Wir beäu­gen manch­mal das Smart­phone des jeweils ande­ren, wenn es ein Geräusch macht, wie einen Ein­dring­ling. Wir sind dann nicht wirk­lich allein, unter uns, zumin­dest kommt es mir zuwei­len so vor. Da sind immer die Ande­ren, ent­we­der pas­siv, indem sie ein­fach greif­bar, les­bar, ver­füg­bar sind, oder aktiv, indem sie mit einem von uns kom­mu­ni­zie­ren. Das ist auf sei­ne Art schön, hin und wie­der; als Dau­er­zu­stand ver­än­dert es jedoch die kost­ba­re Zwei­sam­keit. Sozia­le Medi­en wer­den zum Ein­dring­ling, weil wir sie ein­drin­gen las­sen, selbst in unse­re Köp­fe. Nicht sel­ten denkt einer von uns oder wir bei­de bei einer Äuße­rung, einem Anblick, einer Kurio­si­tät: „Das wäre ein schö­ner Tweet“. Wie ein Foto­graf, der kei­ne Land­schaf­ten und kei­ne Men­schen mehr sieht, nur noch poten­ti­el­le Fotos. Man kann die Momen­te zwar lau­fend tei­len, rui­niert sie dadurch aber auch.

Ich kom­me mir blöd vor, es zu erwäh­nen, weil es mir lächer­lich erscheint, aber ich kom­me mir genau­so vor, wenn ich es nicht tue, weil es mich doch stört.

Vor etwas mehr als einem hal­ben Jahr habe ich im Bei­trag »Die kom­men­den Tage« die sozia­len Fol­gen der anhal­ten­den Kri­se sowie die auf­kei­men­den Pro­tes­te der Occu­py- als auch ande­rer Bewe­gun­gen skiz­ziert und ver­sucht, deren wei­te­re Ent­wick­lung zu pro­gnos­ti­zie­ren. Genannt wur­den als Kri­sen­phä­no­me­ne der weit­ge­hen­den Abbau des Sozi­al­staats, erstar­ken­der Natio­na­lis­mus, zuneh­men­de Ver­ar­mung, Pre­ka­ri­sie­rung und Ent­so­li­da­ri­sie­rung, Per­so­na­li­sie­rung der Kri­tik, schlei­chen­de Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung sowie die Radi­ka­li­sie­rung des Pro­tests und der Pro­test­be­kämp­fung. Lei­der haben sich sämt­li­che dar­ge­stell­ten Aspek­te in der Zwi­schen­zeit tat­säch­lich wei­ter ver­schärft, eini­ge sogar schnel­ler und gewal­ti­ger, als ich ursprüng­lich gedacht hatte.

Im Fol­gen­den daher eine frag­men­ta­ri­sche Bestands­auf­nah­me, die sich auf den aktu­el­len Zustand Euro­pas kon­zen­triert, ver­bun­den mit zahl­rei­chen exem­pla­ri­schen Links zu Arti­keln und Infor­ma­tio­nen. Sie sol­len als Über­blick und Anhalts­punk­te für wei­ter­ge­hen­de Recher­chen die­nen, damit sich jeder Leser anhand der Berich­te selbst ein Bild machen kann und nicht auf mei­ne Inter­pre­ta­ti­on ange­wie­sen ist.


Abbau des Sozialstaats

Die Spar­maß­nah­men in Grie­chen­land, Ita­li­en, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Irland, Spa­ni­en, Por­tu­gal und ande­ren euro­päi­schen Län­dern bedeu­ten nicht zuletzt einen Abbau des Sozi­al­staats. Sie umfas­sen quer durch Euro­pa u.a. Maß­nah­men wie Ren­ten­kür­zun­gen sowie die Anhe­bung des Ren­ten­al­ters, die Locke­rung des Kün­di­gungs­schut­zes, Lohn­kür­zun­gen im öffent­li­chen Dienst, Ein­füh­rung neu­er Gebüh­ren oder Gebüh­ren­er­hö­hun­gen, die Kür­zung von Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung, Sozi­al­geld und ähn­li­chen Sozi­al­leis­tun­gen. Die größ­ten Ein­schnit­te fin­den dabei in der Regel in den Berei­chen Gesund­heit und Bil­dung statt, wodurch nicht nur die gegen­wär­ti­ge Ver­sor­gung und Aus­bil­dung der Bevöl­ke­rung beschnit­ten wird, son­dern auch deren indi­vi­du­el­le sowie die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Zukunfts­per­spek­ti­ve. Ent­spre­chend wer­den immer grö­ße­re Tei­le der Bevöl­ke­rung in Armut und Ver­zweif­lung gedrängt, die mit­un­ter zum Sui­zid führt (so ist bei­spiels­wei­se die Sui­zid­ra­te in Grie­chen­land in den letz­ten zwei Jah­ren um mehr als 40 Pro­zent angestiegen).


Rezession

Vor allem die euro­päi­sche Süd­pe­ri­phe­rie, aber auch ande­re euro­päi­sche Staa­ten lei­den unter Rezes­si­on unter­schied­li­chen Aus­ma­ßes, wenn­gleich eini­ge Staa­ten bis­lang davon ver­schont geblie­ben sind. Die strik­ten Maß­nah­men der Austeri­täts­po­li­tik wie­der­um zemen­tie­ren die Abwärts­spi­ra­le der ent­spre­chen­den Län­der in immer tie­fe­re Rezes­si­on, da Lohn­kür­zun­gen, Gebüh­ren- und Steu­er­erhö­hun­gen wie z.B. bei der Mehr­wert­steu­er oder die Ein­füh­rung neu­er Son­der­steu­ern zulas­ten der Unter- und Mit­tel­schicht sich nega­tiv auf den pri­va­ten Kon­sum und damit letzt­lich die Pro­duk­ti­on und das Steu­er­auf­kom­men aus­wir­ken. Auch hier­zu­lan­de wird die Kri­se spür­ba­rer, sodass mit­tel­fris­tig Mel­dun­gen wie die­se kein Ein­zel­fall blei­ben wer­den, zumal wirt­schaft­li­che Abküh­lung auf glo­ba­ler Ebe­ne – mit beson­de­rem Blick auf Chi­na – zu beob­ach­ten ist. Hin­zu kom­men auf­grund immer auf­wen­di­ge­rer För­der­me­tho­den ste­tig stei­gen­de Ener­gie­kos­ten.


Natio­na­lis­mus & zuneh­men­de Entsolidarisierung

Zusätz­lich zur unver­hoh­le­nen und zum Teil auch von poli­ti­scher Sei­te befeu­er­ten Het­ze gegen die ver­meint­li­chen Kri­sen­ver­ur­sa­cher im euro­päi­schen Süden, für deren angeb­li­che Faul­heit und Inkom­pe­tenz man nicht län­ger Zahl­meis­ter sein wol­le, wer­den – allen vor­an durch Deutsch­land – natio­na­le Wirt­schafts­in­ter­es­sen auf Kos­ten von Dritt­staa­ten vor­an­ge­trie­ben. Das Pro­jekt Euro­pa, das die Bevöl­ke­run­gen der euro­päi­schen Staa­ten ein­an­der näher­brin­gen soll­te, ver­kommt zum Gegen­teil. Im Zuge der Kri­se ist nicht nur eine all­ge­mei­ne Spal­tung Euro­pas zu beob­ach­ten, es ist zudem auch ein deut­li­cher Gra­ben zwi­schen den strau­cheln­den euro­päi­schen Staa­ten und Deutsch­land ent­stan­den, letz­te­res sei­ner­seits hege­mo­nia­les Zen­trum der Kri­sen­po­li­tik und gro­ßer Pro­fi­teur des Euros sowie des wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wichts in Europa.

Selbst noch in der momen­ta­nen Situa­ti­on pro­fi­tiert Deutsch­land zumin­dest kurz­fris­tig aus den Kri­sen­phä­no­me­nen, u.a. durch nied­ri­ge bis nega­ti­ve Zin­sen für Anlei­hen oder etwa den schwa­chen Euro, der deut­sche Expor­te in Län­der außer­halb der Euro­zo­ne ver­bil­ligt. Die­se kurz­fris­ti­gen Vor­tei­le für die deut­sche Wirt­schaft, erkauft auf dem Rücken Euro­pas, soll­ten bei deut­schen Vor­schlä­gen zur Kri­sen­be­kämp­fung stets im Hin­ter­kopf behal­ten wer­den, offen­ba­ren sie doch einen gewich­ti­gen Inter­es­sen­kon­flikt. Erfolgs­mel­dun­gen wie etwa stei­gen­der deut­scher Export sind daher mit Vor­sicht zu genie­ßen, denn mit­tel- bis lang­fris­tig wird der Kelch auch an Deutsch­land nicht vor­über­ge­hen (vgl. Abschnitt Rezes­si­on), gera­de ange­sichts der Export­las­tig­keit der deut­schen Wirtschaft.

Gene­rell wird wei­ter­hin mit­tels natio­na­lis­ti­scher Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en ver­sucht, die von den Kri­sen­ent­wick­lun­gen am stärks­ten Betrof­fe­nen der jewei­li­gen Staa­ten gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Natio­na­lis­mus und Ent­so­li­da­ri­sie­rung zei­gen sich exem­pla­risch auch am deut­schen Umgang mit Grie­chen­land, des­sen Bevöl­ke­rung kurz vor den Wah­len mehr oder weni­ger offen ange­droht wur­de, es müs­se unab­hän­gig des Wahl­aus­gangs die an die finan­zi­el­len Hilfs­pa­ke­te geknüpf­ten Bedin­gun­gen erfül­len oder ansons­ten die Kon­se­quen­zen tra­gen. Mit Wolf­gang Schäubles Ambi­tio­nen zur Füh­rung der Euro­grup­pe könn­ten sich deut­sche Vor­machts­an­sprü­che zusätz­lich zemen­tie­ren, die zuletzt mit der Wahl in Frank­reich ins Wan­ken gera­ten waren.

Inner­halb der ein­zel­nen Staa­ten sind ande­re For­men der Ent­so­li­da­ri­sie­rung zu beob­ach­ten, näm­lich ver­stärk­te von oben nach unten gerich­te­te Abgren­zungs­be­mü­hun­gen bis hin zur Abwer­tung schwä­che­rer sozia­ler Grup­pen. Für Deutsch­land fasst der Sozio­lo­ge Wil­helm Heit­mey­er, Her­aus­ge­ber der Stu­die »Deut­sche Zustän­de«, exem­pla­risch zusam­men:

Die lau­fen­den Pro­zes­se der Umver­tei­lung und ihre gesell­schaft­li­che Zer­stö­rungs­kraft neh­men ste­tig zu und füh­ren zu einer immer grö­ßer wer­den­den Spal­tung der Gesell­schaft. Die obe­ren Ein­kom­mens­grup­pen neh­men die­se Spal­tung nur begrenzt wahr, sie sind im Gegen­teil der Mei­nung, dass sie zu wenig vom Wachs­tum pro­fi­tie­ren. Sie sind rasch bereit, die Hil­fe und Soli­da­ri­tät für schwa­che Grup­pen auf­zu­kün­di­gen. Sie wer­ten zuneh­mend stär­ker ab. Die Stu­die macht deut­lich, es exis­tiert eine geball­te Wucht rabia­ter Eli­ten und die Trans­mis­si­on sozia­ler Käl­te durch eine rohe Bür­ger­lich­keit, die sich selbst in der Opfer­rol­le sieht und des­halb immer neue Abwer­tun­gen gegen schwa­che Grup­pen in Sze­ne setzt. Und die Stu­die zeigt, wie stark Men­schen auf­grund von eth­ni­schen, kul­tu­rel­len oder reli­giö­sen Merk­ma­len, der sexu­el­len Ori­en­tie­rung, des Geschlechts, einer kör­per­li­chen Ein­schrän­kung oder aus sozia­len Grün­den mit sol­chen Men­ta­li­tä­ten kon­fron­tiert und ihnen macht­los aus­ge­lie­fert sind. Die Opfer­grup­pen sind mitt­ler­wei­le wehr­los und nicht mobi­li­sie­rungs­fä­hig. Ins­ge­samt ist eine öko­no­mi­sche Durch­drin­gung sozia­ler Ver­hält­nis­se empi­risch beleg­bar. Sie geht Hand in Hand mit einem Anstieg von grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit. Seit 2008 haben sich die kri­sen­haf­ten Ent­wick­lun­gen zeit­lich mas­siv verdichtet.

Die Wahl­er­geb­nis­se der rech­ten Par­tei­en in Grie­chen­land (zusam­men knapp 17 % für die Par­tei­en Chry­si Avgi und Unab­hän­gi­ge Grie­chen) und Frank­reich (knapp 18 % für die Natio­na­lis­ten unter Mari­ne Le Pen) zei­gen deut­lich, wel­che Rich­tung der­ar­ti­ge Abgren­zungs- und Ent­so­li­da­ri­sie­rungs­ten­den­zen ein­schla­gen kön­nen. Doch nicht nur klei­ne, rechts­ra­di­ka­le Par­tei­en, son­dern auch kon­ser­va­ti­ve Volks­par­tei­en betrie­ben kräf­tig Stim­mungs­ma­che gegen sozi­al Schwa­che und Migran­ten, wie die Wahl­kämp­fe in Frank­reich und Grie­chen­land vor Augen geführt haben. Zudem wird die restrik­ti­ve EU-Migra­ti­ons­po­li­tik in Zei­ten der Kri­se noch schär­fer vor­an­ge­trie­ben, wie etwa mas­si­ve Maß­nah­men zur »Bekämp­fung ille­ga­ler Migra­ti­on« in Grie­chen­land belegen.


Zuneh­men­de Ver­ar­mung und Prekarisierung

Arbeits­lo­sen­zah­len wie zum Bei­spiel die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in Grie­chen­land (~54 %), Spa­ni­en (~50 %) und Ita­li­en (~30 %) oder Sta­tis­ti­ken der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung (ers­te­re hier als inter­ak­ti­ve Gra­fik für die USA), der Obdach­lo­sig­keit, der Schul­den­be­las­tung sowie der Armut oder des Armuts­ri­si­kos offen­ba­ren alle­samt anwach­sen­de sozia­le Miss­stän­de (vgl. den Abschnitt zum Abbau des Sozi­al­staats). In vie­len Län­dern ist daher auf­grund der tris­ten Aus­sich­ten bereits von der »ver­lo­re­nen Gene­ra­ti­on« die Rede. Ähn­li­ches gilt für die USA, wo die Illu­si­on einer mode­ra­ten Arbeits­lo­sen­quo­te nur durch sta­tis­ti­sche Spie­le­rei­en auf­recht­erhal­ten wer­den kann.


Entdemokratisierung

Nicht nur wur­den in Grie­chen­land und Ita­li­en Über­gangs­re­gie­run­gen gebil­det, die von unge­wähl­ten Tech­no­kra­ten im Sin­ne der rigi­den Spar­po­li­tik ange­führt wer­den, auch die teils pani­schen Reak­tio­nen in Pres­se, Poli­tik und an den Märk­ten auf den Links­ruck der Wah­len in Frank­reich und Grie­chen­land spre­chen eine deut­li­che, anti­de­mo­kra­ti­sche Spra­che. Poli­ti­sche Pro­zes­se wer­den zuneh­mend an anti­zi­pier­ten Markt­re­ak­tio­nen aus­ge­rich­tet, deren Ver­un­si­che­rung so gut es geht ver­mie­den wird; es fin­det eine Ver­schie­bung der Sou­ve­rä­ni­tät statt, deren Ergeb­nis die »markt­kon­for­me« (Ange­la Mer­kel) Demo­kra­tie ist. Mit dem geplan­ten Fis­kal­pakt wird zudem das Haus­halts­recht der Unter­zeich­ner­staa­ten star­ke Ein­schrän­kun­gen erfah­ren, was einer Schwä­chung par­la­men­ta­ri­scher Kon­trol­le ent­spricht, sowie Ent­schei­dungs­ge­walt u.a. zur EU-Kom­mis­si­on ver­la­gert wer­den, die nicht demo­kra­tisch gewählt ist. Eine Befra­gung der Bevöl­ke­rung mit­tels Refe­ren­dum wird, wie schon bei frü­he­ren Ver­trä­gen auf Ebe­ne der EU, als Bedro­hung betrach­tet oder – wie in Grie­chen­land gesche­hen – gar ver­hin­dert. Immer deut­li­cher tritt der unauf­lös­ba­re Wider­spruch zwi­schen Demo­kra­tie und Kapi­ta­lis­mus zuta­ge. Mit­be­stim­mung und fried­li­cher Pro­test (vgl. den fol­gen­den Abschnitt), so scheint es, wer­den mit Ver­schär­fung der Kri­se mehr und mehr zum Stör­fak­tor für auto­ri­tä­res Kri­sen­ma­nage­ment und Märkte.


Radi­ka­li­sie­rung des Pro­tests und der Protestbekämpfung

Die Pro­test­be­we­gung, ob sie sich nun gegen die aktu­el­le Kri­sen­po­li­tik, Ban­ken­spe­ku­la­tio­nen oder das gegen­wär­ti­ge Sys­tem als Gan­zes rich­tet, hat zwar an Auf­merk­sam­keit von Sei­te der Mas­sen­me­di­en ver­lo­ren, ist jedoch wei­ter­hin sehr aktiv und kann sowohl gro­ße Demons­tra­tio­nen als auch klei­ne­re, all­täg­li­che­re For­men des Pro­tests vor­wei­sen, wie Beset­zun­gen öffent­li­cher Plät­ze, krea­ti­ve Spon­tan­kund­ge­bun­gen, diver­se For­men von Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und ‑ver­sor­gung, zivi­len Unge­hor­sam, wider­stän­di­sche All­tags­pra­xen, Guer­ril­la Gar­dening und direk­te Aktio­nen. In von der Kri­se stark betrof­fe­nen Län­dern wie Grie­chen­land oder Ita­li­en sind in die­sem Kon­text ver­mehrt Aus­schrei­tun­gen zu beobachten.

Auf der ande­ren Sei­te wer­den Pro­test­for­men und deren Teil­neh­mer zuneh­mend kri­mi­na­li­siert, Camps und Demons­tra­tio­nen – teils gewalt­sam – auf­ge­löst und non-kon­for­mes Ver­hal­ten bestraft. Ita­li­en erwägt sogar den Ein­satz des Mili­tärs. Gene­rell scheint die Tole­ranz­schwel­le für Pro­test zu sin­ken, was zuneh­mend die Aus­übung ele­men­ta­rer Frei­heits­rech­te beschnei­den wird, um die Illu­si­on des unge­stör­ten Wei­ter-so auf­recht­zu­er­hal­ten und Eigen­tums­ver­hält­nis­se als auch Geschäfts­be­trieb zu verteidigen.

So weit der aktu­el­le Stand, ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit – tat­säch­lich exis­tie­ren euro­pa­weit und natür­lich glo­bal auf­grund der anhal­ten­den Kri­se etli­che wei­te­re sozia­le, öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Pro­blem­la­gen sowie ent­spre­chen­de Proteste.

Es gibt kei­ne kon­kre­ten Hin­wei­se dar­auf, dass sich die­se Zustän­de in abseh­ba­rer Zukunft ver­bes­sern wer­den. Das Gegen­teil ist der Fall: Wird am bestehen­den Kurs fest­ge­hal­ten, wer­den Arbeits­lo­sig­keit und Sozi­al­ab­bau wei­ter zuneh­men, wor­auf der Lebens­stan­dard der meis­ten Men­schen in den betrof­fe­nen Län­dern absin­ken wird, wäh­rend ver­stärkt auto­ri­tä­re Kri­sen- und Pro­test­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien zu beob­ach­ten sein wer­den. Selbst an jenen, die bis­lang das gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Sys­tem ver­tei­digt oder zumin­dest hin­ge­nom­men haben, weil sie von des­sen gewal­ti­gen Schat­ten­sei­ten nicht direkt betrof­fen waren, dürf­ten die gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lun­gen nicht mehr lan­ge unbe­merkt vor­über­ge­hen. Die Ein­schlä­ge kom­men näher. Dies ist das Euro­pa, in dem wir leben.

Lang­fris­tig wer­den die­se Ent­wick­lun­gen wohl vor kei­nem der so genann­ten Durch­schnitts­bür­ger Halt machen, da jeder zusätz­li­che Tag der bestehen­den Ver­hält­nis­se die Zustän­de nur ver­schlim­mert, auch wenn sie man­che spä­ter erfas­sen wer­den als ande­re. Die­ser tris­ten Aus­sicht steht die posi­ti­ve Visi­on gegen­über, die eige­ne Apa­thie und Ohn­macht ange­sichts schein­bar über­mäch­ti­ger Struk­tu­ren zu über­win­den, um aus der Kri­se kon­struk­ti­ve Kraft zu schöp­fen und sich durch Pro­test, alter­na­ti­ve Lebens­wei­sen, Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder ähn­li­che Maß­nah­men aktiv an der Gestal­tung einer gerech­ten, frei­en, demo­kra­ti­schen und soli­da­ri­schen Gesell­schaft zu betei­li­gen, in der wir ger­ne leben möch­ten. Nie­mand soll­te dar­auf ver­trau­en, von der Poli­tik Lösun­gen zu erhal­ten. Die Poli­tik hat kei­ne Lösun­gen und sie stellt die fal­schen Fra­gen. Es liegt an jedem ein­zel­nen von uns, wie es wei­ter­ge­hen wird.

Sons­ti­ge wei­ter­füh­ren­de Links:

  • Keep Tal­king Greece
    Nach­rich­ten aus Grie­chen­land (Eng­lisch)
  • Grie­chen­land-Blog
    Aus und über Grie­chen­land – News, Mel­dun­gen, Kommentare
  • Ellas
    Infor­ma­tio­nen dar­über, wie das Leben in Grie­chen­land in den Zei­ten der „Kri­se“ wirk­lich aus­sieht – und ein biss­chen mehr.
  • Spa­ni­en­le­ben
    Spa­ni­en: aktu­el­le Neu­ig­kei­ten aus Medi­en, Poli­tik, Wirtschaft
  • Uhu­par­do
    Aktu­el­le Berich­te aus Spa­ni­en und über die Kri­sen­po­li­tik im Allgemeinen

4 minu­tes of Occu­py Frankfurt

Wir leben in tur­bu­len­ten Zei­ten. Der Kapi­ta­lis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, fin­det sein Ende – auf die eine oder auf die ande­re Art. Anstatt die Kri­se aber als Bedro­hung und das Schei­tern des Kapi­ta­lis­mus als Unter­gang der Welt wahr­zu­neh­men, sind viel­mehr die Chan­cen zu erken­nen, die Grund zur Freu­de lie­fern, wenn sie genutzt werden.

Wer mit den immer deut­li­cher auf­tre­ten­den Zer­falls­pro­zes­sen des Kapi­ta­lis­mus das Aus­bre­chen eines glo­ba­len Cha­os her­an­na­hen sieht, arti­ku­liert mit die­sen Bedro­hungs­sze­na­ri­en Ängs­te, die vor allem eines offen­ba­ren: Die öko­no­mi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten und Anfor­de­run­gen des bestehen­den Wirt­schafts­sys­tems, des­sen Sieg über die Sowjet­uni­on auf­grund des dar­aus resul­tie­ren­den Man­gels an kon­kre­ten Sys­te­mal­ter­na­ti­ven bis­wei­len schon zur Mär vom Ende der Geschich­te ver­lei­tet hat, haben sich bereits so sehr als Denk­sche­ma­ta in den Köp­fen der Men­schen fest­ge­setzt, dass ein Weg­fal­len die­ser Gesetz­mä­ßig­kei­ten als Weg­fall der Ord­nung an sich begrif­fen wird, so als gäbe es kei­ne ande­ren Mög­lich­kei­ten, das mensch­li­che Mit­ein­an­der zu orga­ni­sie­ren, als jene, die zur­zeit bestehen. Die­se schein­bar alter­na­tiv­lo­sen gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, durch deren Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wir sozia­li­siert wur­den und die daher in unse­re Habi­tus, in unse­re Hand­lungs- und Denk­struk­tu­ren Ein­zug gefun­den haben, befin­den sich nun in einer Kri­se, die nicht nur öko­no­mi­scher, son­dern auch psy­cho­lo­gi­scher Natur ist, denn die sozia­le Ord­nung hat sich unse­rer bis in die Fan­ta­sie hin­ein bemäch­tigt, wo sie der Vor­stel­lungs­kraft enge Gren­zen setzt, die jenen des wirt­schaft­li­chen Sys­tems ent­spre­chen. Eine grund­le­gen­de Ände­rung die­ses Sys­tems über­steigt selbst in des­sen Kri­se noch die Gren­zen des Vor­stell­ba­ren oder ist nur als Uto­pie denk­bar, als etwas, dem per se kei­ne (zeit­na­he) Rea­li­sie­rungs­chan­ce zuge­spro­chen wird. Die Gedan­ken, habi­tu­ell der­art geprägt und folg­lich ein­ge­schränkt, wir­ken somit als Kom­pli­zen des der­zei­ti­gen Sys­tems fort und so muss die Kri­se der bestehen­den Ord­nung wie eine Kri­se der Ord­nung an sich emp­fun­den wer­den, der Zer­fall des Kapi­ta­lis­mus wie der Zer­fall jeg­li­cher Gesellschaft.

Tat­säch­lich aber ist die der­zei­ti­ge Kri­se eine Chan­ce. Wer trotz aller Fak­ten noch unbe­irrt dar­auf baut, es möge alles so blei­ben, wie es ist, der möch­te eine Gesell­schafts­ord­nung am Leben erhal­ten, in der ein immer klei­ne­rer Teil auf Kos­ten der gro­ßen Mehr­heit lebt. Die sich aus­brei­ten­de Kri­se lie­fert die Mög­lich­keit, die­sen Zustand zu ändern, im Klei­nen wie im Gro­ßen. Genau die­ses Anlie­gen ver­tre­ten die wach­sen­den welt­wei­ten Proteste.

Nicht der Zusam­men­bruch stellt die Bedro­hung dar, son­dern jeder zusätz­li­che Tag, den das bestehen­de Sys­tem künst­lich am Leben erhal­ten wird – zu hor­ren­den öko­no­mi­schen, öko­lo­gi­schen und sozia­len Kos­ten. Wenn alles unge­hemmt wei­ter­läuft wie bis­her, wer­den wir in naher Zukunft unter ande­rem Fol­gen­des erleben:

  • weit­ge­hen­den Abbau des Sozialstaats
    der bereits vor Jah­ren ein­ge­setzt hat und sich stän­dig ver­schärft, man schaue neben Deutsch­land nur auf die dra­ko­ni­schen Spar­maß­nah­men in Grie­chen­land, das jüngst ver­ab­schie­de­te Spar­pa­ket Ita­li­ens, die dras­ti­schen Spar­be­mü­hun­gen in Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Spa­ni­en und Portugal.
  • erstar­ken­den Nationalismus
    der bereits jetzt schon zu beob­ach­ten ist, hier­zu­lan­de am offen­sicht­lichs­ten in Form der unver­hoh­le­nen und auch von poli­ti­scher Sei­te – im Sin­ne natio­na­ler Inter­es­sen – befeu­er­ten Het­ze gegen den ver­meint­li­chen Kri­sen­ver­ur­sa­cher Grie­chen­land, für des­sen angeb­li­che Faul­heit und Inkom­pe­tenz man nicht län­ger Zahl­meis­ter sein wol­le, genau­so wenig wie für ande­re Schul­den­län­der, wäh­rend im Aus­land teil­wei­se Deutsch­land als Ver­ur­sa­cher der Kri­se aus­ge­macht wird und ent­spre­chend ver­hasst ist; der zudem durch die natio­na­len Wirt­schafts­in­ter­es­sen vor­an­ge­trie­ben wird, die allen vor­an Deutsch­land, aber auch Frank­reich mit der Durch­set­zung der eige­nen Vor­stel­lung von Kri­sen­be­wäl­ti­gung und Haus­halts­po­li­tik auf Kos­ten drit­ter Län­der verfolgt.
  • zuneh­men­de Ver­ar­mung und Prekarisierung
    die schon seit eini­ger Zeit zu ver­zeich­nen ist, man füh­re sich bloß ein­mal Arbeits­lo­sen­zah­len wie zum Bei­spiel die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in Spa­ni­en (~45 %) und Ita­li­en (~30 %) oder Sta­tis­ti­ken der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung (ers­te­re hier als inter­ak­ti­ve Gra­fik für die USA), der Obdach­lo­sig­keit, der Schul­den­be­las­tung sowie der Armut oder des Armuts­ri­si­kos zu Gemü­te, die alle­samt anwach­sen­de sozia­le Miss­stän­de offenbaren.
  • gras­sie­ren­den Sozialdarwinismus
    der bereits heu­te vor­zu­fin­den ist, bei­spiels­wei­se in Form der Dis­kri­mi­nie­rung von Arbeits­lo­sen und Migran­ten, die – auch von poli­ti­scher Sei­te – teil­wei­se sub­til, teil­wei­se ganz offen als faul und dumm, als Para­si­ten oder als unfi­nan­zier­ba­re Last des Wirt­schafts­stand­orts dif­fa­miert wer­den; der sich zudem hin­ter der brei­ten Akzep­tanz von in den letz­ten Jah­ren wie­der erstar­ken­den Geis­tes­hal­tun­gen wie „Nur wer arbei­tet, soll auch essen“ mehr schlecht als recht verbirgt.
  • zuneh­men­de Entsolidarisierung
    die bereits in die­sen Tagen exem­pla­risch als ste­ti­ge Pri­va­ti­sie­rung, als ein­sei­ti­ge Gebüh­ren­er­hö­hun­gen und Spar­maß­nah­men zu Las­ten unte­rer Schich­ten, als Abschot­tung der Wohl­ha­ben­den in Gated Com­mu­ni­ties und als das Aus­spie­len von Bevöl­ke­rungs­tei­len gegen ande­re Grup­pen der Bevöl­ke­rung aus­zu­ma­chen ist, so zum Bei­spiel Gering­ver­die­ner gegen Arbeits­lo­se oder „rich­ti­ge Deut­sche“ gegen Migranten.
  • Per­so­na­li­sie­rung der Kritik
    die als aggres­si­ve Sün­den­bock­su­che bereits heu­te deut­lich zu ver­neh­men ist, wenn bei­spiels­wei­se gezielt Ban­ker und Spe­ku­lan­ten als Blut­sauger oder Fremd­kör­per bezeich­net und teil­wei­se sogar bedroht werden.
  • Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung
    die momen­tan schon sehr ein­dring­lich anhand von Grie­chen­land und Ita­li­en zu beob­ach­ten ist, wo nun Tech­no­kra­ten im Sin­ne einer rigi­den Spar­po­li­tik die Über­gangs­re­gie­run­gen lei­ten sol­len, das jewei­li­ge Land also de fac­to gar nicht mehr regiert, son­dern bloß noch zur Abwick­lung gema­na­ged wer­den wird; die außer­dem auf euro­päi­scher Ebe­ne klar zu ver­zeich­nen ist, wo sich Ent­schei­dungs­pro­zes­se unter Aus­schluss euro­päi­scher Insti­tu­tio­nen, die ihrer­seits bereits unter Demo­kra­tie­de­fi­zi­ten lei­den, mehr und mehr auf die deutsch-fran­zö­si­sche Dop­pel­spit­ze kon­zen­trie­ren; die zuletzt jedoch am deut­lichs­ten an den offen demo­kra­tie­feind­li­chen Reak­tio­nen auf die ange­kün­dig­te Volks­ab­stim­mung in Grie­chen­land abzu­le­sen war.
  • Radi­ka­li­sie­rung des Pro­tests und der Protestbekämpfung
    für die die Stra­ßen­schlach­ten in Athen, Rom und in den USA, aber auch die Riots in Lon­don ein Vor­ge­schmack waren.

All dies sind kei­ne düs­te­ren Zukunfts­vi­sio­nen, son­dern aus­nahms­los Pro­zes­se, die bereits ein­ge­setzt haben und sich mit Zuspit­zung der Kri­se pro­por­tio­nal ver­schär­fen wer­den, sofern ihnen nicht ent­ge­gen­ge­wirkt wird. Es ist der ganz nor­ma­le Wahn, den die bestehen­de Kri­se zum Vor­schein bringt.

Die glo­ba­len Pro­tes­te wie­der­um, die zur­zeit statt­fin­den und immer mehr Zulauf erfah­ren, sind in ihrem Kern nicht unbe­dingt pri­mär als For­de­rung zur Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus zu begrei­fen – dies gelingt ihm aus eige­ner Kraft, wie immer offen­sicht­li­cher wird. Die Fra­ge aber, die sich in der Kri­se und mit dem Zer­fall der bestehen­den Wirt­schafts­ord­nung immer drin­gen­der stellt, lau­tet nun: In wel­che Rich­tung soll es weitergehen?

Folg­lich han­delt es sich bei den Pro­tes­ten – allen vor­an bei jenen der Indi­gna­dos oder der Occu­py-Bewe­gung sowie ihr ver­wand­ter Pro­test­for­men – um die Arti­ku­la­ti­on des Stand­punkts, dass man sich dem Gesche­hen nicht in bes­tem Fata­lis­mus hin­ge­ben möch­te (der oft genug als Opti­mis­mus ver­klei­det wird), son­dern statt­des­sen aktiv am Auf­bau einer gerech­te­ren Gesell­schaft teil­neh­men möch­te oder die­se zumin­dest ein­for­dert. Frank Schirr­ma­cher, dem man als Mit­her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung kei­ne all­zu gro­ße Links­las­tig­keit vor­wer­fen oder zugu­te­hal­ten kann, hat erst kürz­lich den über­aus befrei­en­den Gedan­ken geäu­ßert, dass wir uns zur­zeit in einer sehr kom­for­ta­blen Posi­ti­on befin­den: Immer hat es gehei­ßen, wir kön­nen uns dies nicht leis­ten oder jenes, weil das dem Wirt­schafts­stand­ort scha­det, weil das nicht finan­zier­bar ist, weil das in die­sem Wirt­schafts­sys­tem nicht funk­tio­niert und so wei­ter. Nun aber sind wir an einem Punkt, an dem offen­sicht­lich wird, dass das Wirt­schafts­sys­tem an sich nicht funk­tio­niert. Das heißt, wir kön­nen zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit unge­hemmt dar­über nach­den­ken, wie wir ger­ne leben wür­den, ohne uns um die öko­no­mi­schen „Sach­zwän­ge“ des Wirt­schafts­sys­tems sche­ren zu müs­sen, weil letz­te­res in sei­ner gegen­wär­ti­gen Form sowie­so nicht funk­tio­niert. Die Kri­se als Chance.

Wie eine ande­re Gesell­schaft aus­se­hen könn­te, zeigt im Klei­nen, qua­si als Sozi­al­ex­pe­ri­ment, die Occu­py-Bewe­gung: Men­schen, denen von Poli­tik und Wirt­schaft immer wie­der weis­ge­macht wird, sie sei­en auf sich allein gestellt im Kampf aller gegen alle, jeder sei nur für sich selbst ver­ant­wort­lich und Soli­da­ri­tät ein nicht finan­zier­ba­rer Luxus, leben in Form die­ser Bewe­gung das Gegen­teil vor, hel­fen sich gegen­sei­tig, ver­sor­gen sich gegen­sei­tig, unter­stüt­zen sich gegen­sei­tig. Sie mögen kei­ne ein­heit­li­chen Zie­le for­mu­lie­ren, kei­ne aus­ge­ar­bei­te­ten Kon­zep­te und Patent­lö­sun­gen anbie­ten, die ein­zu­for­dern sowie­so bloß illu­so­risch ist, doch es eint sie ein Unbe­ha­gen gegen­über den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen; sie leh­nen ab, was die der­zei­ti­ge Gesell­schaft ihnen nahe- oder auf­er­legt, sie sagen zum Bestehen­den: Fuck this shit! Die Occu­py-Bewe­gung wagt den Ver­such einer Gegen­kul­tur und zeigt, dass ein ande­res Leben mög­lich ist, eine ande­re Kul­tur mit ande­ren Wer­ten, Prio­ri­tä­ten und Verhältnissen.

Jener Aspekt der gegen­wär­ti­gen Bewe­gung ist es folg­lich auch, der für die bestehen­de Ord­nung die größ­te Zumu­tung dar­stellt – aus deren Sicht­wei­se gespro­chen. Wäh­rend frag­men­tier­te Pro­tes­te und Demons­tra­tio­nen schon immer vor­zu­fin­den waren und ent­spre­chend mar­gi­na­li­siert wer­den konn­ten, ver­fügt das Eta­blie­ren einer kon­struk­ti­ven Gegen­kul­tur, die welt­weit gro­ße media­le Auf­merk­sam­keit erfährt und die sich inter­na­tio­nal ver­netzt als auch rasch aus­ge­brei­tet hat, über eine gänz­lich ande­re Qua­li­tät, weil deren zugrun­de­lie­gen­de Idee das Poten­ti­al besitzt, mehr und mehr Men­schen zum Über­den­ken des Selbst­ver­ständ­li­chen bewe­gen zu kön­nen, indem sie kon­kre­te Alter­na­ti­ven zum Bestehen­den auf­zeigt, wenn auch bloß als sozia­les Expe­ri­ment. Buck­mins­ter Ful­ler hat es wie folgt aus­ge­drückt: »You never chan­ge things by fight­ing the exis­ting rea­li­ty. To chan­ge some­thing, build a new model that makes the exis­ting model obsolete.«

Letzt­lich gilt es also, die eige­ne Angst vor dem Kol­laps, die eige­ne Igno­ranz, die eige­ne Apa­thie und Ohn­macht ange­sichts schein­bar über­mäch­ti­ger Struk­tu­ren zu über­win­den, um aus der Kri­se kon­struk­ti­ve Kraft zu schöp­fen. Kraft für eine bes­se­re, gerech­te­re, glück­li­che­re Gesell­schaft, in der wir ger­ne leben möch­ten. Nie­mand soll­te dar­auf ver­trau­en, von der Poli­tik Lösun­gen zu erhal­ten. Die Poli­tik hat kei­ne Lösun­gen und sie stellt die fal­schen Fra­gen. Es liegt an jedem ein­zel­nen von uns, wie es wei­ter­ge­hen wird.

Update vom 15.05.2012:
Die kom­men­den Tage (Teil 2) – eine Bestands­auf­nah­me sechs Mona­te nach Ver­öf­fent­li­chung die­ses Artikels.

Ihr seid die lieb­lo­ses­ten Men­schen, die ich ken­ne. Ihr schaut euch Sen­dun­gen an, in denen Ande­re, die in ihrem Leben noch nie eine ernst­haf­te Part­ner­schaft erlebt haben, ein­mal von der Lie­be spre­chen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr, ihr macht euch lus­tig über sie, weil sie in euren Augen so unglaub­lich pein­lich sind. Sie mögen pein­lich sein, doch noch viel pein­li­cher seid letzt­lich ihr, die ihr euch hämisch über das klei­ne und gro­ße Glück ande­rer Men­schen amü­siert, auf sie her­ab­blickt, um ihre Vor­stel­lung von Lie­be und Gebor­gen­heit mit zyni­scher Auf­ge­bla­sen­heit in den Dreck zu zie­hen und das biss­chen Glück, das ein Mensch für sich fin­det, erst auf den Boden zu wer­fen und dann mit Füßen zu tre­ten, bis jeder Ansatz von Zufrie­den­heit verstirbt.

Ihr wen­det euch ange­ekelt ab, wenn sich zwei Men­schen lie­be­voll küs­sen und ihr das unmit­tel­bar beob­ach­ten müsst. Ihr ver­ab­scheut jeg­li­ches Ver­hal­ten, das ande­ren zeigt, dass man ein Pär­chen ist. Ihr wür­det sie am liebs­ten alle­samt tren­nen, wollt ihrem Glück so schnell es geht ein Ende berei­ten, denn für euch ist das kein Glück, was ihr da seht, also kann es das für ande­re doch auch nicht sein. Ihr seid Gefühls­spie­ßer – wenn ihr nicht könnt, sol­len alle ande­ren auch nicht dürfen.

Ihr wollt sie nicht, die Lie­be, sagt ihr dann und wie­der­holt das wie ein Man­tra. Wen wollt ihr damit über­zeu­gen, den Rest der Welt oder am Ende bloß euch selbst? Anstatt sie als Geschenk anzu­neh­men, wollt ihr die Quit­tung sehen oder blockt sie ab, zer­re­det sie und macht sie klein. Wer immer euch mal liebt, den stoßt ihr eis­kalt weg. Das Übel, sagt ihr, wollt ihr an der Wur­zel aus­ra­die­ren. Hört ihr euch eigent­lich manch­mal selbst beim Reden zu?

Ihr ver­schanzt euch hin­ter bei­ßen­dem Zynis­mus, der bequem ist, hin­ter Traum­ge­bil­den, die naiv sind, oder hin­ter dem, was ihr Ver­nunft nennt, was doch in Wahr­heit dann bloß Angst in lis­ti­ger Ver­klei­dung ist. Ihr fin­det so vie­le gute Grün­de, euch nicht auf jeman­den ein­zu­las­sen, so vie­le schlaue Ratio­na­li­sie­run­gen, die ihr euch zurecht­biegt, aber nicht einen ein­zi­gen Grund dafür. Ihr begreift nicht, dass ihr umsonst sucht, denn es gibt gar kei­nen Grund dafür, weil das Dafür doch eines Grun­des nicht bedarf: „Ich lie­be dich, weil…“, das sagt kein Mensch, der wahr­haft liebt. Auf der ande­ren Sei­te ver­ste­cken sich Mil­lio­nen Grün­de dage­gen und ihr, ihr fin­det sie alle. Ihr wollt sie unbe­dingt fin­den, ihr wollt Vor­wän­de, Aus­flüch­te, Not­aus­gän­ge. Dann wägt ihr ab: Kein Grund dafür, so vie­le dage­gen, ihr zieht Bilanz und rech­net aus, als ob es um den Ein­kauf geht. Und ihr, die ihr so lieb­los sprecht, ihr wagt es dann, ganz laut­hals über jene her­zu­zie­hen, die glück­lich in Gefüh­len baden?

Wenn es nicht Lie­be auf den ers­ten Blick ist, die euch umhaut, die von euch Besitz ergreift, dann wollt ihr sie nicht haben. Seid ehr­lich zu euch selbst: Wie oft habt ihr das schon erlebt? Für euch ver­hält sich Lie­be wie die magi­sche Boh­ne, aus der ganz plötz­lich eine Ran­ke bis zum Him­mel wächst. Dass es auch anders geht, dass Lie­be auch als zar­tes Pflänz­chen rei­fen kann, das reich­lich Zeit zum Wach­sen braucht, das kommt euch gar nicht in den Sinn, denn wenn dann doch mal etwas keimt, stürmt ihr gleich mit der Sichel an.

Ihr seid so abge­brüht. Ihr wollt Pär­chen im Park ver­gif­ten und amü­siert euch übers Glück der ande­ren. Wie kann man da Respekt vor euch haben? Ihr seid umge­ben von Lie­be, sie klopft sogar von Zeit zu Zeit an eure Tür, und alles, was ihr dafür übrig habt, ist Hohn aus eurer Burg. Wenn uner­war­tet Lie­be zu euch kommt, dann schlagt und tre­tet ihr sie, bis sie stirbt, weil ihr doch lie­ber wei­ter­hin in eurer kal­ten Fes­tung wohnt. Ist es da ein Wun­der, wenn die Lie­be euch nichts gibt?

Ihr infor­miert euch über bio-che­mi­sche Pro­zes­se, ihr theo­re­ti­siert und ana­ly­siert das Gefühl, doch Theo­rie wird euch nicht küs­sen, nie umar­men oder Wär­me spen­den kön­nen. Ihr phan­ta­siert so gern von rie­si­gen Gefüh­len, jagt Schi­mä­ren hin­ter­her, die ihr aus Lie­bes­fil­men kennt, ihr lest in Büchern über sie, von denen ihr in Wahr­heit kei­ne Ahnung habt, weil ihr noch nicht ein­mal die klei­nen schätzt. Ihr lehnt sie ab, ihr macht sie schlecht, stets wollt ihr sie zer­stö­ren, ihr unter­grabt und ihr ver­schan­delt sie, wo immer ihr sie seht, ihr gönnt den ande­ren kein Glück.

Sind eure Abge­brüht­heit, euer Hass, die zyni­sche Ver­bit­te­rung, die ihr mit eis­ge­kühl­ter Brust dem Rest der Welt ent­ge­gen­stellt, die gan­ze Miss­gunst und das kal­te Herz denn nicht bloß Aus­druck eige­ner Ent­täu­schung? Wie wollt ihr jemals glück­lich sein, wenn ihr den Schmerz so konserviert?

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr Men­schen anwe­send sein wer­den als ich für ange­nehm befin­de. Das liegt vor allem dar­an, dass jedes Tref­fen von mehr als vier Per­so­nen für mich schon eine Grup­pe dar­stellt und ich Grup­pen nicht beson­ders lei­den kann – beson­ders dann nicht, wenn dar­un­ter Men­schen sind, die ich mag.

Je mehr von ihnen ich mag oder je mehr ich ein­zel­ne dar­un­ter mag, des­to weni­ger möch­te ich sie zeit­gleich mit ande­ren in eine Grup­pe ste­cken. Es ist nicht unbe­dingt so, dass ich mich in einer Grup­pe unwohl füh­le, denn oft ver­spricht eine Grup­pe und ihre spe­zi­el­le Dyna­mik gro­ßen Spaß, doch ist es der Man­gel an Nähe und Exklu­si­vi­tät, der mich Grup­pen in der Regel eher mei­den lässt. Es geht mir hier­bei nicht um Nähe und Exklu­si­vi­tät, die ich von ande­ren erwar­ten, ein­for­dern oder gar ver­lan­gen wür­de, son­dern um Nähe und Exklu­si­vi­tät, die ich selbst ger­ne den­je­ni­gen Men­schen zukom­men las­sen möch­te, die ich mag. Ich möch­te mei­ne Auf­merk­sam­keit gegen­über die­sen Men­schen nicht hin und her sprin­gen las­sen müs­sen, will mein Inter­es­se nicht spal­ten und mei­ne Gedan­ken nicht het­zen, son­dern will mich auf ein Gegen­über kon­zen­trie­ren und für die­se eine Per­son in die­sem Augen­blick voll und ganz da sein, ein­zig und allein, abso­lut und ungeteilt.

Ein­mal saß ich mit fünf­zehn wei­te­ren Per­so­nen zum Abend­essen an einem lan­gen Tisch und fei­er­te den Geburts­tag einer Freun­din – nur eine von vie­len Situa­tio­nen, die aber exem­pla­risch ist für das, was ich zum Aus­druck brin­gen möch­te. Links von mir konn­te ich Gesprä­che ver­fol­gen, rechts von mir konn­te ich Gesprä­che ver­fol­gen, und ich selbst unter­hielt mich mit mei­nen Nach­barn über die­ses und über jenes.

Es war, wie es immer ist, wenn eine grö­ße­re Anzahl von Men­schen auf­ein­an­der­trifft: Man steigt aus Gesprä­chen aus und in ande­re ein, man wech­selt den Gesprächs­part­ner, wenn es lang­wei­lig zu wer­den droht, man teilt die Auf­merk­sam­keit. Man rast hin und her, zumin­dest in Gedan­ken, man ver­liert Fokus und Kon­zen­tra­ti­on, man frag­men­tiert die Anteil­nah­me. Alle Unter­hal­tun­gen sind gleich, indem sie unper­sön­lich blei­ben: Man begnügt sich mit Smalltalk.

Je mehr Men­schen sich zusam­men­fin­den, umso grö­ßer die Wahr­schein­lich­keit unglei­cher Freund­schafts­be­zie­hun­gen. Wenn wie in die­sem Bei­spiel sechs­zehn Per­so­nen an einem Tisch sit­zen, ist es recht unwahr­schein­lich, dass alle die­se Per­so­nen das glei­che Freund­schafts- und Ver­trau­ens­ver­hält­nis tei­len oder alle­samt unter­ein­an­der bes­te Freun­de sind. Viel­leicht sind eini­ge sich völ­lig fremd und noch nicht ein­mal sym­pa­thisch. In der­lei Kon­stel­la­tio­nen unter­hält man sich not­ge­drun­gen nicht über all­zu Per­sön­li­ches, weil Ohren anwe­send sind, die es ver­mut­lich nichts angeht. Was man dem bes­ten Freund oder der Freun­din erzählt, das teilt man hier nicht allen mit. Der Aus­weg ist das ober­fläch­li­che Gespräch oder das seich­te Amü­se­ment. Bei­des gibt mir nichts, mit bei­dem kann ich nichts anfan­gen, bei­des ist für mich sozi­al ungenügend.

Das seich­te Amü­se­ment in der Grup­pe, der ober­fläch­li­che Spaß, das unbe­schwer­te Lachen für Zwi­schen­durch, wenn tie­fe Gesprä­che nicht zur Debat­te ste­hen und gro­ße Nähe nicht in Fra­ge kommt, ist in jenen Momen­ten, in denen es statt­fin­det, für mich so schön wie für jeden ande­ren Betei­lig­ten auch, doch neh­me ich dar­aus nichts mit. Ich habe mit Leu­ten eine schö­ne Zeit, ja, mit Freun­den gar, doch wenn ich dann nach Hau­se kom­me, bleibt in mir ein unbe­frie­di­gen­des Gefühl zurück, der Wunsch nach mehr – nicht an Quan­ti­tät, son­dern an Qualität.

Es kommt mir wie Ver­schwen­dung vor, wenn da jemand ist, mit dem ich ger­ne in die Tie­fe abtau­chen wür­de, aber es nicht kann, weil wir in einer Grup­pe gefan­gen sind, die auf der Ober­flä­che des größ­ten gemein­sa­men Tei­lers treibt. Es erscheint mir wie Ver­geu­dung von Freund­schaft, bloß Spaß mit ihnen zu haben. Ent­schei­dend ist das »bloß«. Nicht: Spaß mit ihnen zu haben, son­dern: bloß Spaß mit ihnen zu haben. Die Reduk­ti­on auf eine Dimen­si­on, wo doch so vie­le sind, wo doch so vie­le sein soll­ten. Auf die Spit­ze getrie­ben: Für Spaß allein, da rei­chen schon Bekann­te, ja sicher­lich schon Unbe­kann­te, denn es steckt Unver­bind­lich­keit und Aus­tausch­bar­keit dar­in. Die ober­fläch­li­che „gute Zeit“, der spa­ßi­ge Abend, die kurz­wei­li­ge Unter­hal­tung ver­hält sich zur wirk­li­chen guten Zeit wie die Pro­sti­tu­ier­te zur gro­ßen Lie­be, da die­se „gute Zeit“ so ein­fach, so belie­big, so auf­wands­los zu haben ist, wäh­rend die ech­te gute Zeit, die nicht in Anfüh­rungs­zei­chen steht, für mich ganz ande­re Qua­li­tä­ten hat, die Nähe, Offen­heit und Exklu­si­vi­tät vereint.

Auf der ande­ren Sei­te bleibt als Mög­lich­keit nur das ober­fläch­li­che Gespräch, das sich am Level des Freund­schafts­ver­hält­nis­ses ori­en­tiert, den die gesam­te Grup­pe gemein hat und der folg­lich meist recht klein ist. Es mün­det letzt­lich in Small­talk. Was jemand macht, was er am Tag geges­sen hat, wel­che Möbel er erwarb, wie viel Geld er ver­dient oder wel­ches Auto er fährt, das alles inter­es­siert mich nicht. Ich stel­le die­se Fra­gen nicht, weil mich die Ant­wor­ten nicht küm­mern. Gesprä­che die­ser Art beläs­ti­gen mich nicht, doch hal­te ich mich dann zurück und gebe den Beob­ach­ter, neh­me alles in mich auf und zie­he mei­ne Schlüs­se, möch­te aber nicht mitreden.

Was mich wirk­lich inter­es­siert, das ist die Per­son, wer jemand ist, und wie es dem­je­ni­gen gera­de geht. Über­haupt: Die Fra­ge, wie es jeman­dem geht – wer beant­wor­tet sie denn schon ehr­lich? Die meis­ten erzäh­len dar­auf­hin, wie sie mit ihrer Arbeit zurecht­kom­men, was das Finanz­amt von ihnen ver­langt oder dass sie sich schon wie­der einen neu­en Fern­se­her gekauft haben. Ant­wor­ten auf Fra­gen, die gar nicht gestellt wur­den, wäh­rend die gestell­ten völ­lig unbe­ant­wor­tet blei­ben. Auf die­se Fra­gen bekommt man sel­ten eine wah­re Ant­wort, noch sel­te­ner so unter Vie­len, und wenn, dann nur unter vier Augen.

Das ist die Art von Gespräch, die ich füh­ren möch­te, denn nichts ist so befrie­di­gend, erkennt­nis­reich, offen, ein­fühl­sam und ver­bin­dend wie die­se. Jedes Mal ist es für mich daher sehr ent­täu­schend, wenn jemand, mit dem ich mich ver­ab­re­det habe, plötz­lich unge­fragt noch irgend­wel­che Drit­te hin­zu­holt. Nicht bloß ist es unhöf­lich, es war auch nicht abge­macht, und hät­te ich es im Vor­aus gewusst, ich hät­te ver­mut­lich abge­sagt, nicht weil ich die Freun­de mei­ner Freun­de nicht mag, son­dern weil es die Grund­la­gen des Tref­fens maß­geb­lich ver­än­dert, denn es gewinnt dadurch an Belie­big­keit und ver­liert an poten­ti­el­ler Tie­fe, büßt Nähe ein zuguns­ten einer grö­ße­ren Teil­neh­mer­zahl und zer­stört die Zwei­sam­keit, die vor allem, aber eben nicht allein nur fürs Roman­ti­sche so wich­tig ist.

Wenn ich mich mit jeman­dem tref­fen oder gene­rell unter­hal­ten möch­te, dann tue ich das in der Regel, um den Men­schen, die ich mag, im dop­pel­ten Wort­sinn nah zu sein. Das geht nicht, wenn man unter Vie­len ist.

»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche Ein­stel­lung und sei­ne intui­tiv berech­nen­de Art von Anfang an nicht aus­ste­hen. Wenn man mich frag­te, was mich genau an ihm stör­te, müß­te ich pas­sen. Ich wüß­te kein Bei­spiel. Ich weiß nur, daß ich ihn durch­schau­te. Ich konn­te die­se Ego­zen­trik und Über­heb­lich­keit, die er aus­strahl­te, instink­tiv nicht ertra­gen. Wie bei jeman­dem, des­sen Kör­per­ge­ruch man phy­sisch nicht erträgt. Aber Aoki war klug und ver­stand es, die­sen Geruch geschickt zu ver­ber­gen. Die meis­ten mei­ner Klas­se hiel­ten ihn für gerecht, beschei­den und freund­lich. Das zu hören empör­te mich – doch ich sag­te natür­lich nichts.«
(…)
Im Gegen­satz [zu mir] stand Aoki mit allem, was er tat, im Mit­tel­punkt – wie ein wei­ßer Schwan auf einem dunk­len See. Er war der Star der Klas­se, der, auf den alle hör­ten. Er war klug, das muß­te auch ich zuge­ben. Er war schnell. Er wuß­te im vor­aus, was der ande­re woll­te oder dach­te, und ver­stand es, dem­entspre­chend zu reagie­ren. Alle bewun­der­ten ihn. Aber ich war nicht beein­druckt. Mir war Aoki zu ober­fläch­lich. Wenn er ein klu­ger Kopf war, mach­te es mir nichts, kein klu­ger Kopf zu sein. Er war scharf­sin­nig, aber er besaß kei­ne Per­sön­lich­keit. Er hat­te nichts mit­zu­tei­len. Wenn alle ihn bestä­tig­ten, war Aoki glück­lich. Er war hin­ge­ris­sen von sei­nen eige­nen Fähig­kei­ten. Er dreh­te sich immer nach dem Wind. Er hat­te kei­ne Sub­stanz. Aber nie­mand erkann­te das.
(…)
»Es sind nicht Men­schen wie Aoki, vor denen ich Angst habe. Sol­che Men­schen gibt es über­all. Was das angeht, habe ich resi­gniert. Wenn ich ihnen begeg­ne, ver­su­che ich mög­lichst nichts mit ihnen zu tun zu haben. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Das ist nicht beson­ders schwer. Ich erken­ne sie sofort. Zugleich bewun­de­re ich Leu­te wie Aoki aber auch. Nicht jeder besitzt die Fähig­keit, so lan­ge still­zu­hal­ten, bis die Gele­gen­heit sich ergibt, und sie dann sicher zu ergrei­fen; die Fähig­keit, sich geschickt der Gefüh­le ande­rer zu bemäch­ti­gen und sie gegen jeman­den auf­zu­het­zen. Ich has­se die­se Cha­rak­ter­zü­ge zwar so sehr, daß ich kot­zen könn­te, den­noch sind es Fähig­kei­ten. Das muß ich anerkennen.
Wovor ich aber wirk­lich Angst habe, sind Leu­te, die Typen wie Aoki alles blind glau­ben. Die­se Leu­te, die selbst nichts zuwe­ge brin­gen, nichts ver­ste­hen, die sich von den beque­men und leicht über­nehm­ba­ren Mei­nun­gen ande­rer lei­ten las­sen und nur in Grup­pen auf­tre­ten. Die­se Leu­te, die nie auf die Idee kämen, daß sie viel­leicht irgend etwas falsch machen könn­ten. Denen nie­mals auf­fällt, daß sie einen ande­ren sinn­los und bru­tal ver­let­zen könn­ten. Sie über­neh­men kei­ne Ver­ant­wor­tung für das, was sie tun. Vor sol­chen Leu­ten habe ich wirk­lich Angst. Und wenn ich nachts träu­me, dann von ihnen. In Träu­men ist nur das Schwei­gen. Die Leu­te in mei­nen Träu­men haben kei­ne Gesich­ter. Wie eisi­ges Was­ser dringt das Schwei­gen über­all ein.«
(Haru­ki Mura­ka­mi – Das Schweigen)

Haru­ki Mura­ka­mis „Das Schwei­gen“ hat mich fas­zi­niert. Aus ver­letz­tem Stolz macht dar­in Aoki, ein schein­bar umgäng­li­cher, freund­li­cher, cle­ve­rer Schü­ler, mit­hil­fe sei­ner Mit­schü­ler, die der char­man­te Aoki um den Fin­ger gewi­ckelt hat, das Leben des Erzäh­lers zur Höl­le. Die Geschich­te hat mich fas­zi­niert, weil ich Men­schen wie Aoki ken­ne, immer wie­der tref­fe, im Off­line-Leben wie auch im Inter­net, wo es teil­wei­se noch viel ein­fa­cher ist, die­se Fähig­kei­ten erfolg­reich zum Ein­satz zu brin­gen und sich dar­zu­stel­len. Es hat mich gefes­selt, weil es mir manch­mal nicht viel anders geht als dem Erzäh­ler, wenn ich Men­schen tref­fe, bei denen ich recht schnell durch­schaue, dass all ihre Beschei­den­heit, Gerech­tig­keit und Freund­lich­keit bloß auf­ge­setzt sind, dass sich dahin­ter berech­nen­de Ego­zen­tri­ker ver­ste­cken, Bestä­ti­gungs­süch­ti­ge, die zur Stil­lung ihrer Sucht auch Scha­den ande­rer Men­schen in Kauf neh­men, manch­mal sogar gezielt her­bei­füh­ren. Die es schaf­fen, so gut den net­ten, freund­li­chen, gerech­ten, herz­li­chen Men­schen zu spie­len, dass ihre Umwelt ihnen die­se Mas­ke größ­ten­teils unhin­ter­fragt abkauft und die­sen Men­schen bereit­wil­lig alles glaubt, von der trü­ge­ri­schen Selbst­in­sze­nie­rung bis hin zu geziel­ten Lügen, um ande­re zu diskreditieren.

Auch ich muss zuge­ben, von die­ser Fähig­keit auf eine sehr absto­ßen­de Art beein­druckt zu sein. Men­schen, die für ihren Lebens­un­ter­halt lügen und betrü­gen, stüt­zen sich auf die­se Fähig­keit. Wer­bung und Mar­ke­ting nut­zen sie eben­falls, genau wie Dem­ago­gen und Hei­rats­schwind­ler. Eine Fähig­keit, die ich in Anleh­nung an die Vor­stel­lung von „dunk­ler Magie“ als „dunk­le Empa­thie“ bezeich­nen möch­te. Über Empa­thie als sol­che ver­fü­gen die­se Men­schen ohne Zwei­fel, denn sonst wären sie nicht so gut in dem, was sie tun, in ihrer täu­schen­den Selbst­dar­stel­lung und dem Knüp­fen emo­tio­na­ler Bin­dun­gen mit ande­ren Men­schen. Aber es ist Empa­thie, die ein­zig dazu dient, die Gefüh­le ande­rer zum eige­nen Nut­zen zu manipulieren.

Genau wie dem Erzäh­ler machen mir die­se Men­schen selbst kei­ne Angst. Ich kann ihnen aus dem Weg gehen oder kann ver­su­chen, ihre Mas­kie­rung in Fra­ge zu stel­len und ihr Büh­nen­bild zum Wackeln zu brin­gen. Aber auch ich habe Angst vor denen, die dar­auf her­ein­fal­len, die sich emo­tio­nal ver­zau­bern und (ver)führen las­sen, die sol­chen Men­schen bereit­wil­lig alles glau­ben, ihre Mei­nun­gen über­neh­men und sich mit­un­ter sogar instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, ohne irgend­et­was zu hin­ter­fra­gen, womit sie gro­ßen Scha­den anrich­ten können.

In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effizienz.

Ver­steht man bei­spiels­wei­se Twit­ter, Face­book oder Form­spring als cha­rak­te­ris­ti­sche Stell­ver­tre­ter der Social-Media-Diens­te, bedeu­tet dies unterm Strich, die 1:1‑Relationen in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Freun­den oder „Freun­den“ wer­den mit­tels die­ser Diens­te wesent­lich leich­ter, wesent­lich öfter in 1:n‑Relationen umgewandelt.

Für einen Dienst wie Form­spring, bei dem User ande­ren Usern Fra­gen stel­len kön­nen, auch anonym, die dann inklu­si­ve der dazu­ge­hö­ri­gen Ant­wor­ten allen ande­ren Usern zum Lesen zur Ver­fü­gung ste­hen, bedeu­tet dies kon­kret: Hat nur ein ein­zi­ger der User eine Fra­ge an einen bestimm­ten User gestellt, brau­chen sämt­li­che ande­ren User die­sel­be Fra­ge die­sem bestimm­ten User nicht noch ein­mal zu stel­len. Im Gegen­teil: Oft ist zu beob­ach­ten, dass es die Ant­wor­ten­den in der Regel nervt, wenn ein Fra­gen­der eine bereits beant­wor­te­te Fra­ge noch ein­mal stellt. Wenn nun bei­spiels­wei­se ein User in sei­ner form­spring-Kar­rie­re unge­fähr 500 Fra­gen beant­wor­tet hat, brau­chen alle ande­ren, die jene Fra­gen und deren Ant­wor­ten gele­sen haben, die­se 500 Fra­gen und zig Mil­lio­nen ande­re Fra­gen, die zu ähn­li­chen Ant­wor­ten geführt hät­ten, nicht mehr stel­len und wer­den mög­li­cher­wei­se vom Ant­wor­ten­den sogar dar­auf hin­ge­wie­sen, er wol­le die­se Fra­ge nicht noch ein­mal beant­wor­ten, denn das habe er ja bereits. Schon beim Umgang mit Blogs, Twit­ter oder Face­book ist bis­wei­len Ähn­li­ches zu beob­ach­ten, sodass es dann mit­un­ter zu Dia­lo­gen kommt, die wie folgt ver­lau­fen: „Hab ich dir schon das Neu­es­te erzählt?“ „Nein, aber ich hab’s in dei­nem Blog/in dei­nem Tweet/auf Face­book gele­sen.“ „Ach so.“

Es ist nicht mehr nötig, jedem der eige­nen Freun­de die neu­en Urlaubs­fo­tos zu zei­gen, wenn man sie ein­fach auf Face­book stel­len kann, wo sie jeder bequem anse­hen kann, wann immer es beliebt. Die Gesprä­che mit Freun­den über den neu­en Part­ner wer­den ersetzt durch eine Ände­rung des Bezie­hungs­sta­tus, der sofort von allen Freun­den zur Kennt­nis genom­men wer­den kann, ohne mit jedem von ihnen ein­zeln dar­über spre­chen zu müs­sen. Direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on weicht der Ver­öf­fent­li­chung von Infor­ma­tio­nen für ein Publi­kum, so als gebe man eine Pres­se­kon­fe­renz über die eige­ne Person.

All das bedeu­tet trotz bewuss­ter Über­zeich­nung, die Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­schiebt sich auf­grund der neu­en Ein­fach­heit, die die­se sozia­len Diens­te bie­ten, vom Schwer­punkt ein wenig weg von direk­ter 1:1‑Kommunikation, die aber natür­lich nicht ver­schwin­det, hin zu brei­te­ren 1:n‑Kommunikationskanälen, was bedeu­tet, dass es mög­lich wird, via Face­book, Twit­ter oder auch Form­spring vie­le Men­schen gleich­zei­tig über sei­ne Akti­vi­tä­ten, Gedan­ken, Mei­nun­gen und so wei­ter zu informieren.

Eine ehe­ma­li­ge Kom­mi­li­to­nin hielt Stu­diVZ gera­de des­we­gen für so prak­tisch, weil sie dann nicht mehr all ihren Freun­den sepa­rat (1:1) von Neue­run­gen in ihrem Leben erzäh­len müs­se, son­dern das ein­fach nur noch ins Stu­diVZ zu schrei­ben habe (1:n). Das ist zwar nun in die­sem Bei­spiel ein Extrem­fall, wenn auch wahr, den­noch lässt sich die all­ge­mei­ne Ten­denz all die­ser Diens­te damit beschrei­ben, dass sie objek­tiv ein Mit­tel zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung der Kon­takt­ver­wal­tung dar­stel­len und Red­un­danz abbauen.

Wenn man fünf Freun­den oder „Freun­den“ nicht mehr sepa­rat erzäh­len muss, was man ges­tern gemacht, wen man ken­nen­ge­lernt, was man gekauft oder gese­hen hat, son­dern das ledig­lich ein ein­zi­ges Mal auf einem Blog schrei­ben oder auf Face­book ver­öf­fent­li­chen muss, wo es alle fünf dann jeder­zeit nach­le­sen kön­nen, dann habe ich den Umgang mit mei­nen Freun­den opti­miert und des­sen Effi­zi­enz gestei­gert, weil ich Red­un­dan­zen abge­baut habe. Gleich­zei­tig erleich­tert das den Auf­bau eines wesent­lich grö­ße­ren „Freundes“-Kreises und erhöht das eige­ne »sozia­le Kapi­tal« (Bour­dieu), auf das man zugrei­fen kann. Zudem erstellt man gewis­ser­ma­ßen sein eige­nes Dos­sier, das man Inter­es­sen­ten an der eige­nen Per­son nur noch in die Hand zu drü­cken braucht – auch das Ken­nen­ler­nen oder viel­mehr das, was man dann für Ken­nen­ler­nen hält, wird dadurch opti­miert, beschleu­nigt, ver­ein­facht und letzt­lich effi­zi­en­ter. Das Sozia­le wird zunächst auf Daten reduziert.

Der Begriff der Objek­ti­vi­tät ist hier von gro­ßer Rele­vanz. Mei­ne beschrei­ben­den Wor­te möch­ten nicht aus­drü­cken, dass die­ser Effekt der Effi­zi­enz­stei­ge­rung in jedem Fall die sub­jek­ti­ve Inten­ti­on der Nut­zer ist, aber er ist den­noch das objek­ti­ve Resul­tat, so wie auch nie­mand mit der sub­jek­ti­ven Inten­ti­on ein­kau­fen geht, das Wirt­schafts­sys­tem zu erhal­ten oder den Staat mit­tels Steu­ern unter­stüt­zen zu wol­len, wäh­rend all die­se Din­ge jedoch gleich­zei­tig objek­ti­ves Ergeb­nis des Ein­kau­fens sind, ganz egal was die sub­jek­ti­ve Inten­ti­on sein mag.

Vie­le gesell­schaft­li­che oder indi­vi­du­el­le Ent­wick­lun­gen haben teil­wei­se ver­hee­ren­de Neben­fol­gen, die uns in den sel­tens­ten Fäl­len wirk­lich bewusst sind und die wir kei­nes­wegs als Inten­ti­on die­ses Han­delns anfüh­ren wür­den. Nie­mand beginnt mit dem Rau­chen, weil es so schön gesund­heits­ge­fähr­dend ist, und auch wenn das nicht sub­jek­ti­ve Inten­ti­on des Rau­chens ist, so ist es doch objek­ti­ver Effekt. Das glei­che trifft auf Umwelt­zer­stö­rung zu, da nie­mand (oder zumin­dest fast nie­mand) mor­gens mit dem Vor­ha­ben auf­steht, heu­te bewusst die Umwelt zu zer­stö­ren, son­dern weil es häu­fig der mehr oder weni­ger unbe­wuss­te Neben­ef­fekt vie­ler als völ­lig selbst­ver­ständ­lich erach­te­ter Hand­lungs­wei­sen ist, der nur dann über­haupt als Pro­blem begrif­fen und besei­tigt wer­den kann, wenn man sich die­ses Neben­ef­fekts tat­säch­lich bewusst wird.

Bei all den Vor­tei­len, die sol­che Social-Media-Diens­te bie­ten, ist dies, die­ser gesell­schaft­lich sank­tio­nier­te bis beding­te, unter ande­rem durch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se und der For­de­rung nach zuneh­men­der Mobi­li­tät und Fle­xi­bi­li­tät befeu­er­te und in Form die­ser Diens­te recht trans­pa­rent auf­tre­ten­de Effi­zi­enz­ge­sichts­punkt in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, einer die­ser unbe­wuss­ten Neben­ef­fek­te, über den etwas mehr Refle­xi­on viel­leicht ange­bracht wäre, um den Umgang mit die­sen Diens­ten ent­spre­chend bewuss­ter zu gestal­ten. Letzt­lich stellt sich näm­lich zumin­dest mir die Fra­ge, in wel­chem Maße eine sol­che Effi­zi­enz­stei­ge­rung des Zwi­schen­mensch­li­chen über­haupt wün­schens­wert erscheint und ob größt­mög­li­che Quan­ti­tät sowie der Gesichts­punkt der Effi­zi­enz dem Kon­zept ernst­haf­ter Freund­schaft nicht dia­me­tral widersprechen.

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nahm­eli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt. Man erscheint immer wie­der, ob in der Schu­le oder am Arbeits­platz, ob auf direk­ten Befehl oder indi­rek­ten Druck – weil man soll. Obwohl man weiß, dass man auch an die­sem Abend mit Kopf­schmer­zen zu Hau­se ankom­men wird; obwohl man weiß, dass man von dem gan­zen Kram, der einem im Lau­fe des Tages abge­for­dert wird, schon seit lan­ger Zeit genug hat, weil es ein­fach zu viel, zu ner­vig, zu belas­tend ist; obwohl man weiß, man wird noch nicht ein­mal Gele­gen­heit haben, um über das nach­zu­den­ken, was man mit­ge­nom­men, was man erfah­ren, was man über­stan­den hat. Über­for­de­rung, Erschöp­fung, Kol­laps, Kapi­tu­la­ti­on und Schei­tern – die Dia­gno­se, sei sie nun von außen her­an­ge­tra­gen oder bereits ver­in­ner­licht, läuft in der Regel auf per­sön­li­che Defi­zi­te hin­aus, auf eige­ne Unzu­läng­lich­keit, weil man mit den Anfor­de­run­gen nicht klar­ge­kom­men ist.

Man setzt sich abends auf das hei­mi­sche Sofa, schal­tet den Fern­se­her ein und sieht einen Wer­be­spot für Kopf­schmerz­ta­blet­ten, der exem­pla­risch das Prin­zip der Schuld­zu­schrei­bung ver­deut­licht: Wer durch die äuße­ren Umstän­de Kopf­schmer­zen bekommt, durch Über­for­de­rung, durch Über­an­stren­gung oder Stress, der nimmt eine Kopf­schmerz­ta­blet­te und funk­tio­niert danach wie­der wie zuvor. Das Pro­blem ist folg­lich die man­geln­de per­sön­li­che Funk­ti­ons- und Belas­tungs­fä­hig­keit, nicht die äuße­ren Umstän­de, die über­haupt erst die Kopf­schmer­zen ver­ur­sacht haben. Man hört die Bot­schaft ganz deut­lich, sie schwingt im Hin­ter­grund stets mit wie ein Flüs­tern, zu lei­se, um sie wirk­lich zu fas­sen, aber laut genug, um sie die gan­ze Zeit zu füh­len: Du bist schuld.

Egal, wor­um es geht – Arbeits­platz­ver­lust, psy­chi­sche wie phy­si­sche Beschwer­den, schlech­te Schul­no­ten oder erdrü­cken­de Arbeits­an­for­de­run­gen –, die Ant­wort ist immer gleich: Du bist schuld!

Es ist indi­vi­dua­li­sier­te Schuld, denn es liegt immer an den jewei­li­gen Men­schen selbst, wenn sie beim schu­li­schen Ler­nen ein­fach nicht mit­kom­men, kei­nen Job fin­den oder in irgend­ei­ner Wei­se ihre Unzu­frie­den­heit zum Aus­druck brin­gen. Man ist selbst schuld, wenn man mit die­ser wun­der­ba­ren Welt nicht klar­kommt, denn mit der Welt an sich, mit ihren Zustän­den, Zwän­gen und Anfor­de­run­gen, ist alles in Ord­nung, so die sug­ges­ti­ve Dia­gno­se, deren Ein­fach­heit ver­lo­ckend ist; sie zer­stört jeg­li­chen Wider­stand und jeg­li­che Kri­tik, damit man sich den Lebens­um­stän­den ein­fach ergibt, wie immer sie auch aus­se­hen mögen, denn ein Kri­ti­ker ist bloß ein Nie­mand, der den Umstän­den nicht gewach­sen ist, ein Schwäch­ling, ein Versager.

Wer für einen Job nicht umzie­hen möch­te, weil das die Auf­ga­be von Freun­des­kreis, Umfeld und Milieu bedeu­ten wür­de, wer nicht bereit ist, mini­ma­le Löh­ne anzu­neh­men, von denen er nicht leben kann, der gilt als Ver­ur­sa­cher sei­nes eige­nen Elends, der trägt die Schuld. Wer zwei­hun­dert Kilo­gramm auf den Rücken gebun­den bekommt und unter die­ser Last zusam­men­bricht, der hat sich ein­fach nicht genug ange­strengt, der ist nicht koope­ra­tiv, der ist faul oder ein Tau­ge­nichts, aber in jedem Fall ist es sei­ne, ganz allein sei­ne indi­vi­du­el­le Schuld. Dass die Umstän­de an sich besorg­nis­er­re­gend sind, dass die Last erdrü­ckend ist, dass es nicht am Indi­vi­du­um liegt, wenn es den Anfor­de­run­gen nicht genü­gen kann oder sich ihnen nicht beu­gen will, wird gar nicht in Betracht gezogen.

Wer die Zustän­de für unzu­mut­bar hält und so tap­fer ist, die­se Mei­nung aus­zu­drü­cken, wer im Extrem­fall an die­sen Zustän­den zer­bricht, des­sen Ver­hal­ten wird psy­cho­lo­gi­siert, es liegt also an Kind­heit, am Ver­hält­nis zu den Eltern, an Pro­ble­men mit der Lie­be oder an ande­ren hin­ein­pro­ji­zier­ten Moti­ven, oder es wird patho­lo­gi­siert, der­je­ni­ge ist also depres­siv und krank oder sui­zi­dal, womit das Unbe­ha­gen über die Zustän­de der Welt gleich­ge­setzt wird mit einem gene­rel­len Schei­tern am Leben, denn wer die Welt in ihrer bestehen­den Ord­nung ablehnt, der ver­zweif­le am Leben an sich.

Das nor­ma­le Ver­hal­ten, das ein­ge­for­dert wird bis zur Selbst­er­schöp­fung, ist ein nor­ma­ti­ves Ver­hal­ten, denn wer mit die­sem nor­ma­len Ver­hal­ten nichts anfan­gen kann, der muss nor­ma­li­siert wer­den, also sein abnor­ma­les Ver­hal­ten auf­ge­ben, sei­nen Wider­stand gegen die Zustän­de, die ihn erdrü­cken, ein­stel­len, um die äuße­re Nor­ma­li­tät anzu­er­ken­nen, die auf ihn wirkt und über­haupt erst in die­se Lage gebracht hat.

Richard Sen­nett hat den fle­xi­blen Men­schen, der sich läs­sig bis zum Umfal­len sämt­li­che Anfor­de­run­gen einer sozi­al und tech­nisch hoch­ver­schal­te­ten Lebens­welt auf­bu­ckelt, als Mythos des noma­di­schen Tur­bo-Kapi­ta­lis­mus dis­kre­di­tiert. Der fle­xi­ble Mensch […] ist jener Robot, der sei­ne eige­ne Über­for­de­rung noch als Selbst­ver­wirk­li­chung ver­kauft, wäh­rend die Siche­run­gen durchbrennen.
(Goed­art Palm bei Tele­po­lis)

So schleift man sich jeden Tag zurück, macht, was ver­langt wird, und behan­delt die Sym­pto­me – bei­spiels­wei­se mit­hil­fe von Kopf­schmerz­ta­blet­ten. Man macht sich kaputt, nimmt alles auf sich, ist maso­chis­tisch, aber es ist okay, denn man will kein Ver­sa­ger sein. Man bekommt Hil­fe, die man freu­dig ent­ge­gen­nimmt, wird gestützt und auf­ge­baut, um bloß nicht umzu­fal­len. Man glaubt, was im Hin­ter­grund lei­se rauscht: Du bist schuld!

Aber viel­leicht sind es ja gar nicht die so genann­ten Ver­sa­ger, mit denen etwas nicht stimmt. Wer die Welt, wie sie ist, nicht aus­ste­hen kann, der ist kein Fall für psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung oder die Lebens­be­ra­tung, son­dern kann pri­mär ein­fach nur die Welt nicht aus­ste­hen, so wie sie ist. Wer die Zustän­de zum Kot­zen fin­det, wer sich ihnen wider­setzt oder sie nicht aner­kennt, weil er viel­leicht sogar dar­an zer­bricht, der hat ein berech­tig­tes Anlie­gen – ein Anlie­gen, das mit per­sön­li­chen Defi­zi­ten nichts zu tun hat.

Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen, Tra­di­tio­nen oder Hand­lungs­wei­sen begeg­net, die auf den ers­ten Blick plau­si­bel und ein­leuch­tend erschei­nen, fasst fol­gen­de Aus­sa­ge recht prä­gnant zusammen:

I’m try­ing to break you of the habit of auto­ma­ti­cal­ly say­ing, „Yes, this makes sen­se. I’ll accept it.“ I’m try­ing to train you to pau­se and say, „Yes, this seems to make sen­se. But does it?“
(Dani­el Quinn – If They Give You Lined Paper, Wri­te Sideways)

Wir sind es gewohnt, ein der­art skep­ti­sches Ver­hal­ten an den Tag zu legen, wenn uns etwas ein wenig merk­wür­dig, zwei­fel­haft oder gar falsch vor­kommt. Weit­aus span­nen­der, weil grö­ße­ren Erkennt­nis­ge­winn ver­spre­chend, ist es aller­dings, die­ses Ver­hal­ten auch und gera­de bei den­je­ni­gen Phä­no­me­nen und Mecha­nis­men anzu­wen­den, die uns auf den ers­ten Blick, aus Gewohn­heit oder auf­grund des gesun­den Men­schen­ver­stands als durch­aus ver­nünf­tig erschei­nen – weil sie es näm­lich oft gar nicht sind, son­dern bloß so erschei­nen, da sie nie in Fra­ge gestellt werden.

Die ers­te Hand­lung des For­schers ist, die Fra­gen des gesun­den Men­schen­ver­stands (…) zu destru­ie­ren, sie völ­lig anders neu zu stellen.
(Pierre Bour­dieu – Was anfan­gen mit der Sozio­lo­gie?, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)