Dunk­le Empathie

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»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche Ein­stel­lung und sei­ne intui­tiv berech­nen­de Art von Anfang an nicht aus­ste­hen. Wenn man mich frag­te, was mich genau an ihm stör­te, müß­te ich pas­sen. Ich wüß­te kein Bei­spiel. Ich weiß nur, daß ich ihn durch­schau­te. Ich konn­te die­se Ego­zen­trik und Über­heb­lich­keit, die er aus­strahl­te, instink­tiv nicht ertra­gen. Wie bei jeman­dem, des­sen Kör­per­ge­ruch man phy­sisch nicht erträgt. Aber Aoki war klug und ver­stand es, die­sen Geruch geschickt zu ver­ber­gen. Die meis­ten mei­ner Klas­se hiel­ten ihn für gerecht, beschei­den und freund­lich. Das zu hören empör­te mich – doch ich sag­te natür­lich nichts.«
(…)
Im Gegen­satz [zu mir] stand Aoki mit allem, was er tat, im Mit­tel­punkt – wie ein wei­ßer Schwan auf einem dunk­len See. Er war der Star der Klas­se, der, auf den alle hör­ten. Er war klug, das muß­te auch ich zuge­ben. Er war schnell. Er wuß­te im vor­aus, was der ande­re woll­te oder dach­te, und ver­stand es, dem­entspre­chend zu reagie­ren. Alle bewun­der­ten ihn. Aber ich war nicht beein­druckt. Mir war Aoki zu ober­fläch­lich. Wenn er ein klu­ger Kopf war, mach­te es mir nichts, kein klu­ger Kopf zu sein. Er war scharf­sin­nig, aber er besaß kei­ne Per­sön­lich­keit. Er hat­te nichts mit­zu­tei­len. Wenn alle ihn bestä­tig­ten, war Aoki glück­lich. Er war hin­ge­ris­sen von sei­nen eige­nen Fähig­kei­ten. Er dreh­te sich immer nach dem Wind. Er hat­te kei­ne Sub­stanz. Aber nie­mand erkann­te das.
(…)
»Es sind nicht Men­schen wie Aoki, vor denen ich Angst habe. Sol­che Men­schen gibt es über­all. Was das angeht, habe ich resi­gniert. Wenn ich ihnen begeg­ne, ver­su­che ich mög­lichst nichts mit ihnen zu tun zu haben. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Das ist nicht beson­ders schwer. Ich erken­ne sie sofort. Zugleich bewun­de­re ich Leu­te wie Aoki aber auch. Nicht jeder besitzt die Fähig­keit, so lan­ge still­zu­hal­ten, bis die Gele­gen­heit sich ergibt, und sie dann sicher zu ergrei­fen; die Fähig­keit, sich geschickt der Gefüh­le ande­rer zu bemäch­ti­gen und sie gegen jeman­den auf­zu­het­zen. Ich has­se die­se Cha­rak­ter­zü­ge zwar so sehr, daß ich kot­zen könn­te, den­noch sind es Fähig­kei­ten. Das muß ich anerkennen.
Wovor ich aber wirk­lich Angst habe, sind Leu­te, die Typen wie Aoki alles blind glau­ben. Die­se Leu­te, die selbst nichts zuwe­ge brin­gen, nichts ver­ste­hen, die sich von den beque­men und leicht über­nehm­ba­ren Mei­nun­gen ande­rer lei­ten las­sen und nur in Grup­pen auf­tre­ten. Die­se Leu­te, die nie auf die Idee kämen, daß sie viel­leicht irgend etwas falsch machen könn­ten. Denen nie­mals auf­fällt, daß sie einen ande­ren sinn­los und bru­tal ver­let­zen könn­ten. Sie über­neh­men kei­ne Ver­ant­wor­tung für das, was sie tun. Vor sol­chen Leu­ten habe ich wirk­lich Angst. Und wenn ich nachts träu­me, dann von ihnen. In Träu­men ist nur das Schwei­gen. Die Leu­te in mei­nen Träu­men haben kei­ne Gesich­ter. Wie eisi­ges Was­ser dringt das Schwei­gen über­all ein.«
(Haru­ki Mura­ka­mi – Das Schweigen)

Haru­ki Mura­ka­mis „Das Schwei­gen“ hat mich fas­zi­niert. Aus ver­letz­tem Stolz macht dar­in Aoki, ein schein­bar umgäng­li­cher, freund­li­cher, cle­ve­rer Schü­ler, mit­hil­fe sei­ner Mit­schü­ler, die der char­man­te Aoki um den Fin­ger gewi­ckelt hat, das Leben des Erzäh­lers zur Höl­le. Die Geschich­te hat mich fas­zi­niert, weil ich Men­schen wie Aoki ken­ne, immer wie­der tref­fe, im Off­line-Leben wie auch im Inter­net, wo es teil­wei­se noch viel ein­fa­cher ist, die­se Fähig­kei­ten erfolg­reich zum Ein­satz zu brin­gen und sich dar­zu­stel­len. Es hat mich gefes­selt, weil es mir manch­mal nicht viel anders geht als dem Erzäh­ler, wenn ich Men­schen tref­fe, bei denen ich recht schnell durch­schaue, dass all ihre Beschei­den­heit, Gerech­tig­keit und Freund­lich­keit bloß auf­ge­setzt sind, dass sich dahin­ter berech­nen­de Ego­zen­tri­ker ver­ste­cken, Bestä­ti­gungs­süch­ti­ge, die zur Stil­lung ihrer Sucht auch Scha­den ande­rer Men­schen in Kauf neh­men, manch­mal sogar gezielt her­bei­füh­ren. Die es schaf­fen, so gut den net­ten, freund­li­chen, gerech­ten, herz­li­chen Men­schen zu spie­len, dass ihre Umwelt ihnen die­se Mas­ke größ­ten­teils unhin­ter­fragt abkauft und die­sen Men­schen bereit­wil­lig alles glaubt, von der trü­ge­ri­schen Selbst­in­sze­nie­rung bis hin zu geziel­ten Lügen, um ande­re zu diskreditieren.

Auch ich muss zuge­ben, von die­ser Fähig­keit auf eine sehr absto­ßen­de Art beein­druckt zu sein. Men­schen, die für ihren Lebens­un­ter­halt lügen und betrü­gen, stüt­zen sich auf die­se Fähig­keit. Wer­bung und Mar­ke­ting nut­zen sie eben­falls, genau wie Dem­ago­gen und Hei­rats­schwind­ler. Eine Fähig­keit, die ich in Anleh­nung an die Vor­stel­lung von „dunk­ler Magie“ als „dunk­le Empa­thie“ bezeich­nen möch­te. Über Empa­thie als sol­che ver­fü­gen die­se Men­schen ohne Zwei­fel, denn sonst wären sie nicht so gut in dem, was sie tun, in ihrer täu­schen­den Selbst­dar­stel­lung und dem Knüp­fen emo­tio­na­ler Bin­dun­gen mit ande­ren Men­schen. Aber es ist Empa­thie, die ein­zig dazu dient, die Gefüh­le ande­rer zum eige­nen Nut­zen zu manipulieren.

Genau wie dem Erzäh­ler machen mir die­se Men­schen selbst kei­ne Angst. Ich kann ihnen aus dem Weg gehen oder kann ver­su­chen, ihre Mas­kie­rung in Fra­ge zu stel­len und ihr Büh­nen­bild zum Wackeln zu brin­gen. Aber auch ich habe Angst vor denen, die dar­auf her­ein­fal­len, die sich emo­tio­nal ver­zau­bern und (ver)führen las­sen, die sol­chen Men­schen bereit­wil­lig alles glau­ben, ihre Mei­nun­gen über­neh­men und sich mit­un­ter sogar instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, ohne irgend­et­was zu hin­ter­fra­gen, womit sie gro­ßen Scha­den anrich­ten können.

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