Schlagwortarchiv für: Roger Willemsen

Sie war eine Weit­sich­ti­ge: Was noch fern war oder schon wie­der ver­ab­schie­det, das sah sie scharf. Was aber nah war, was sie unmit­tel­bar umgab, das konn­te sie nicht genau erken­nen und hüll­te es des­halb in Ste­reo­ty­pe. Ihre Rhe­to­rik war lei­den­schaft­lich in der Erwar­tung und im Abschied, also bei den Din­gen, die noch nicht sind, und bei jenen, die nicht mehr waren. Was tun mit uns? Zunächst reis­ten wir auf­ein­an­der zu, um die Nähe, die wir in der Fer­ne emp­fun­den hat­ten, mit kör­per­li­cher Gegen­wart zu bele­ben, aber all­mäh­lich wuchs der Ver­dacht, dass wir am Ende einen Platz leer fin­den wür­den. Ja, wir reis­ten vol­ler Ver­lan­gen, doch ver­le­gen, weil jetzt ein Kör­per saß, wo ein Phan­tom gewe­sen war. (…) Von außen waren wir ein Paar, von innen ein Arrangement.
(Roger Wil­lem­sen – Die Enden der Welt)

Im Bewusst­sein der Zeit­lich­keit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht iden­ti­fi­ziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwi­der­lau­fen­den Kräf­ten, etwa im Ver­such, sei­ner Arbeit mit einer Beschleu­ni­gung des Lebens­ge­fühls zu begeg­nen. Mach schnell, und du wirst ihn mit blo­ßem Auge, mit blo­ßem inne­ren Auge, nicht mehr wahr­neh­men. Die Geschwin­dig­keit wird den Knacks dahinraffen.
Hat die Spra­che die­se Beschleu­ni­gung mit voll­zo­gen? Und ob: In den Sieb­zi­gern beant­wor­te­te man die Fra­ge »How are you« mit »good«, in den Acht­zi­gern ant­wor­te­te man auf die glei­che Fra­ge mit »busy«.
Was war gesche­hen? Die Beschleu­ni­gung ver­riet sich in Kom­pa­ra­ti­ven. Der Schnell­zug ver­schwand, er war nicht schnell genug; der Eil­brief ver­schwand, denn schon das Eilen selbst klingt gemäch­lich: Alt­mo­di­sche Voka­beln, sie erin­nern an die lang­sa­me Art, schnell zu sein.
Statt­des­sen wur­den die Indi­zi­en der Beschleu­ni­gung mora­lisch: was schnell war, war gut. Es war gut, »auf der Über­hol­spur« zu leben, es war »in«, Fast Food zu mögen, aber Fast Food ist eigent­lich Fast Eat, und es erreich­te rasch das eige­ne Heim. Mit der 5‑Mi­nu­ten-Ter­ri­ne erreicht die Küche ohne Koch und ohne Ritu­al die Haus­hal­te. Alles beschleu­nigt: Schnell­ra­sur, Schnell­im­biss, Schnell­lif­ting, Schnell­tank­stel­le, Schnell­re­stau­rant, Schnell­rei­ni­gung wie juris­ti­sche Schnell­ver­fah­ren. Es geht schnel­ler: Die ein­zi­ge Musik­sen­dung auf der Höhe der Zeit hieß »Fast For­ward«, die Dro­ge der urba­nen Jugend »Speed«. Dies alles arbei­tet an der Fik­ti­on des gewon­ne­nen Lebens, es sagt, wenn du schnel­ler bist, schnel­ler reist, Zeit sparst, wirst du am Ende mehr davon haben.
(…)
Wir haben kei­ne Zeit. Wir haben alle kei­ne Zeit. Wir haben sie schon des­halb nicht, damit wir uns nicht zu gut füh­len. Bruch, Knacks, Ermü­dung, Schei­tern, Kol­laps: Unse­re rui­nö­sen Ich-Res­te sol­len nicht erschei­nen, nicht auf­bre­chen, nicht mitsprechen.
(Roger Wil­lem­sen – Der Knacks)

Ein Lie­bes­paar geht über die Stra­ße. Sie ver­liert einen Knopf. Ein Drit­ter hebt ihn auf, trägt ihn ihr nach. Das Elend hat ihn wie eine Flech­te über­zo­gen, sein Anzug, sei­ne Haut sogar, alles ist Elend.
»O dan­ke«, sagt die Frau und greift nach dem Knopf, den er aber fest­hält. »Das haben wir gar nicht gemerkt.«
»Natür­lich nicht«, bellt der Drit­te. »Immer ist es unse­re Auf­ga­be, uns um die Glück­li­chen zu küm­mern. Wir sol­len die Augen offen hal­ten. Wir sol­len sor­gen, dass nichts fehlt. Glau­ben Sie viel­leicht, die Glück­li­chen haben ein Auge auf uns? Träu­men Sie wei­ter! Ich bin nicht glück­lich, sehen Sie, ich lebe allein, mit mir in Frie­den, aber glück­lich? Küm­mert sich jemand um mich? Wird jemand an mei­nem Grab singen …«
So geht es immer wei­ter. Er redet mit dem Knopf in der Hand, den er nicht her­gibt. Sein Mono­log schlägt sich ins Gebüsch.
»Uner­wi­der­te Lie­be?«, fragt die Frau.
Er nickt.
»Dei­ne Zeit wird kom­men«, sagt sie.
Das ist ihm neu und gibt ihm zu den­ken. Drei Tage spä­ter nimmt er sein Glück in bei­de Hän­de und bucht einen Flug nach Madei­ra, wo ihn eine Woche Hotel ein statt­li­ches Sümm­chen kos­ten soll. Egal, fin­det er, fühlt sich sno­bis­tisch. Aller­dings stürz­te die Maschi­ne ins Meer, und er soll Madei­ra nie ken­nen­ler­nen. Das Hotel berech­net den Hin­ter­blie­be­nen drei Tage Stor­no-Gebühr, und die Lie­ben­den wer­den nicht ein­mal erfah­ren, dass ihn der Fund eines Knop­fes das Leben kos­ten soll­te. So groß ist ihr Glück.
(Roger Wil­lem­sen – Der Knacks)

Wo immer näm­lich die­se Gesell­schaft nicht funk­tio­niert, wo immer sie ver­sagt, wird ihr Ver­sa­gen an den Ärms­ten offenbar.
Jede Ver­än­de­rung im sozia­len Raum, jede Ver­schär­fung des Wett­be­werbs, jede Zunah­me an Gewalt im öffent­li­chen Leben, jede Kon­ta­mi­nie­rung bil­li­gen Essens hin­ter­lässt in der Lebens­er­fah­rung von Armen ihre Spu­ren. Auch wie Gesell­schaft sich ver­än­dert, in ihren Klas­sen- und Geschlechts­ver­hält­nis­sen eben­so wie in ihrer Mit­mensch­lich­keit, das erfah­ren die Armen zuerst. Sie wer­den des­halb eben nicht nur mate­ri­ell und gesund­heit­lich, sie wer­den auch psy­cho­lo­gisch und mora­lisch am emp­find­lichs­ten von den Ein­bu­ßen der Gesell­schaft getroffen.
In der Armut wird das Selbst­bild der Gesell­schaft gekränkt und bestä­tigt: gekränkt, weil sie ihre idea­len Bil­der ohne Rück­stän­de pro­du­zie­ren möch­te, bestä­tigt, weil sie die­se Armut ja selbst her­stellt, die Pro­duk­ti­on von Armut also genau so for­ciert wie ihr Pen­dant, den Wohlstand.
In die­ser Kul­tur, und das heißt auch in den Bezie­hun­gen der Men­schen unter­ein­an­der, hat sich der Wert der Ver­käuf­lich­keit und Käuf­lich­keit der­art ver­selb­stän­digt, dass Men­schen schon degra­diert wer­den, weil sie nicht am Waren­ver­kehr teil­neh­men kön­nen oder wol­len. Jede Gesin­nung, jedes Phä­no­men, jede Erschei­nung, jede mensch­li­che Her­vor­brin­gung, jede Leis­tung wird auf opti­ma­le Ver­käuf­lich­keit unter­sucht und abge­rich­tet. Unvor­stell­bar, wel­che Kul­tur sich ent­wi­ckeln könn­te, wenn nicht jede Lebens­re­gung an ihrer Markt­taug­lich­keit gemes­sen, wenn Zugang zur Öffent­lich­keit nicht nur Din­gen ver­schafft wür­de, die sich ver­kau­fen las­sen, wenn, mit einem Wort, jeder täte, was er gesell­schaft­lich für wich­tig, und nicht, was er für pro­fi­ta­bel hiel­te. Eine Uto­pie mehr.
(Roger Wil­lem­sen – Der Knacks)

Der irrepa­ra­ble Mensch ist der Mensch, der das Cha­os hin­ter sich hat, und die Ord­nung in der Marot­te, in der Kon­ven­ti­on, in den Trös­tun­gen der Gewohn­heit, im Tic, in der Rou­ti­ne, im Stil fin­det. Er wird nichts mehr. Kul­ti­vier­te er frü­her viel­leicht noch das auf­klä­re­ri­sche Ide­al, das Ich-Gebil­de müs­se ste­tig, plau­si­bel, aus sich her­aus ent­wi­ckelt auf­stei­gen, so bla­miert das Selbst­bild im Knacks jede Vor­stel­lung einer sich ziel­ge­rich­tet ent­wi­ckeln­den Per­sön­lich­keit. Am Ende erweist er sich als allen­falls amüsierbar.
(Roger Wil­lem­sen – Der Knacks)

Die Trau­er ist das eine. Das ande­re ist der Ein­tritt in eine Sphä­re des Ver­lusts. Anders gesagt: Der Ver­lust ist das eine, das ande­re aber ist, ihn dau­ern zu sehen und zu wis­sen, wie er über­dau­ern wird: Nicht im Medi­um des Schmer­zes und nicht als Kla­ge, nicht ein­mal expres­siv, son­dern sach­lich, als gra­du­el­le Ver­schie­bung der Erlebnisintensität.
Man könn­te auch sagen: Etwas Rela­ti­ves tritt ein. Was kommt, misst sich an die­sem Erle­ben und geht gleich­falls durch den Knacks. Es ist der nega­ti­ve Kon­junk­tiv: Etwas ist schön, wäre da nicht… Es tritt ein Moment ein, in dem alles auch das eige­ne Gegen­teil ist. Als kämen, auf die Spit­ze getrie­ben, die Din­ge unmit­tel­bar aus dem Tod und müss­ten sich im Leben erst behaup­ten und bewähren.
(…)
Viel­leicht wird jemand sagen, die­ser eine Ver­lust sei ein Kon­trast­mit­tel. In der Kon­fron­ta­ti­on mit ihm wirk­ten die Far­ben der Welt nun leuch­ten­der, als sei das Dau­ern­de durch die Begeg­nung mit dem Ver­gäng­li­chen noch wun­der­ba­rer. Es ist die Dia­lek­tik der Sonn­tags­re­de. Als müss­te man dem eige­nen Leben nur Ver­lus­te zufüh­ren und wür­de gleich des­sen froh, was man hat. Nein, man kann ganz gut unter­schei­den zwi­schen der Schlap­pe, dem Unglück, dem Schei­tern, der Ein­bu­ße, dem Ver­lust, der über­wun­den wer­den kann. Man kann ja in man­chem Ver­lust die­sen selbst nicht ein­mal füh­len, son­dern möch­te lachen: über die Pan­to­mi­me des Tra­gö­den, über das Stumm­film-Pathos der Trau­er. Man wird dar­über hin­weg­kom­men, über die Trau­er und über das Geläch­ter, das sie weckte.
Aber der Knacks ist etwas ande­res, über ihn kommt man nicht hin­weg. Er ist ein Schub, meist bewegt er sich laut­los und unmerk­lich. Erst im Rück­blick kann man sagen: Dann war nichts mehr wie zuvor. Eine post­hu­me Per­spek­ti­ve, die des Pas­sé. Die Far­ben neh­men jetzt Pati­na an, die Genüs­se büßen ihre Fri­sche ein, die Erfah­rung wählt einen fla­chen Ein­falls­win­kel, sie kommt eher ver­mit­telt, wie durch eine Mem­bran gegan­gen. Das Leben wech­selt die Sphä­re, es reift, es altert, und irgend­wann ist zum ers­ten Mal das Gefühl da, über­haupt ein eige­nes Alter zu haben, das heißt, es füh­len zu können.
(Roger Wil­lem­sen – Der Knacks)