Aug 18 2011

Habitus und Komplizenschaft

Der Begriff »Habitus« findet nicht nur in der sozialwissenschaftlichen Forschung, sondern auch im alltĂ€glichen Sprachgebrauch rege Verwendung. Doch was genau ist eigentlich darunter zu verstehen? Wie hĂ€ngen Handlungen, Sprach- und Kleidungsstil, Gestik und Gedanken von der Stellung im sozialen GefĂŒge ab und warum? Wie funktioniert Gesellschaft und ist der Einzelne Opfer der Ă€ußeren UmstĂ€nde oder deren Erzeuger? Mögliche Antworten auf diese und Ă€hnliche Fragen liefert Pierre Bourdieus Habituskonzept, das den zuvor schon gebrĂ€uchlichen »Habitus«-Begriff aufgegriffen, diesen folglich nicht erfunden, aber zu einer eigenen Theorie entwickelt hat (zur Entstehungsgeschichte vgl. beispielsweise Bourdieu 2000 oder Krais/Gebauer 2002).

Das von Bourdieu ausgearbeitete Habituskonzept beschreibt ein System von Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten von Menschen, das ein System von Wahrnehmungs- und Urteilsschemata und dabei „gleichzeitig ein System von Schemata der Produktion von Praktiken und ein System von Schemata der Wahrnehmung und Bewertung der Praktiken“ (Bourdieu 1992a, S. 144) ist. Als solches System der Grenzen und Möglichkeiten im Verhalten bringt der Habitus bestimmte Formen des Geschmacks – der durchaus auch körperlich zu verstehen ist – sowie des Lebensstils hervor: „wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw. – all das ist eng miteinander verknĂŒpft“ (Bourdieu 1992b, S. 32). Dieser individuelle Geschmack, diese Vorlieben und Handlungs- sowie Denkschemata, also die gesamten Habitusstrukturen eines Akteurs, sind dabei abhĂ€ngig von der jeweiligen sozialen Situation, in der sich ein Akteur wiederfindet, d.h. von dessen Position im sozialen Raum und der Ausstattung mit ökonomischem wie kulturellem Kapital. Wer in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist, wird sich in der Regel anders verhalten als ein Kind aus einer Manager- oder KĂŒnstlerfamilie, um nur einige recht gegensĂ€tzliche Positionen des sozialen Spektrums heranzuziehen. Aufgrund des jeweiligen Sozialisationsmilieus wird der Mensch einen anderen Geschmack entwickeln, sowohl in Hinblick auf Kleidung, Speisen, Ästhetik und allgemeine LebensfĂŒhrung, er wird andere FreizeitbeschĂ€ftigungen bevorzugen, eine andere Sprache gebrauchen, einen anderen Eindruck der Welt aufweisen, andere ZukunftswĂŒnsche hegen und einen anderen Freundeskreis entwickeln, der ihm als soziales Kapital dienen kann. Über die eng mit der sozialen Lage verknĂŒpften Erfahrungen, vor allem jene der selbstverstĂ€ndlichen VerfĂŒgbarkeit verschiedener Kapitalarten oder im Gegenteil deren Mangel, begrĂŒndet sich folglich der individuelle Habitus, der dabei zugleich auch eine Ableitung eines generalisierten Habitus einer bestimmten sozialen Lage ist, weil Akteure unter Ă€hnlichen sozialen Bedingungen in der Regel auch Ă€hnliche Habitus ausbilden, da sie kollektive Erfahrungen gemein haben: „Wer in der Wohlhabenheit, in ökonomischem und kulturellem Reichtum, in der damit gegebenen Sicherheit und Freiheit aufgewachsen ist, entwickelt nicht nur einen anderen Geschmack, sondern auch ein anderes VerhĂ€ltnis zur Welt als jemand, der von frĂŒhester Kindheit an mit Not und Notwendigkeit (
) konfrontiert war“ (Krais/Gebauer 2002, S. 43). Die mit der individuellen sozialen Lage verbundenen ungleichen Sozialisationserfahrungen fĂŒhren dabei zu unterschiedlichen Denkschemata des jeweiligen Akteurs, zu „Grenzen seines Hirns, die er nicht ĂŒberschreiten kann“, weswegen „fĂŒr ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar“ (Bourdieu 1992b, S. 33) sind, sodass der einzelne Akteur „eher abhĂ€ngig von Bedingungen und ZufĂ€llen als von eigenen Entscheidungen und PlĂ€nen [ist] – bzw. genauer: sich auch in seinen Entscheidungen und PlĂ€nen an den ihm je zugĂ€nglichen MöglichkeitsrĂ€umen“ (Liebau 2009, S. 49) orientiert.

Das Habituskonzept erklĂ€rt das Zustandekommen menschlicher Dispositionen, Verhaltensweisen und GeschmĂ€cker mit einer doppelten Geschichtlichkeit, die im jeweiligen individuellen Habitus inkorporiert, also einverleibt wird. Dies ist zum einen die persönliche Geschichte, auch Erfahrung genannt, und zum anderen die Geschichte der gesellschaftlichen Wirklichkeit, vermittelt ĂŒber die persönliche Geschichte, was bedeutet, dass „Lernprozesse nicht anders denn als Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der Welt begriffen werden“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) können. Diese Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit – die tatsĂ€chlich auch im wörtlichen Sinne körperlich stattfindet, sich also beispielsweise in Haltung, Sprechweise, Geschmack und Gestik manifestiert – erzeugt innerhalb derjenigen sozialen VerhĂ€ltnisse, die diesen Habitus (aus)bilden, das GefĂŒhl von SelbstverstĂ€ndlichkeit und gegenseitigem Verstehen beim Handeln, da die im Habitus inkorporierte soziale Wirklichkeit mit der umgebenden sozialen Wirklichkeit ĂŒbereinstimmt, denn „[d]ie soziale RealitĂ€t existiert sozusagen zweimal, in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in den Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure“ (ebd.). Eine gesellschaftliche Klasse beispielsweise als konkrete Form Ă€hnlicher sozialer VerhĂ€ltnisse ist „untrennbar zugleich eine Klasse von biologischen Individuen mit demselben Habitus als einem System von Dispositionen, das alle miteinander gemein haben, die dieselben Konditionierungen durchgemacht haben“ (Bourdieu 1987a, S. 112). Der individuelle Habitus stellt dabei eine Variante, eine Teilmenge eines solchen Klassenhabitus dar, „das heißt, das Individuum hat wesentliche Elemente seines Habitus mit dem seiner Klassengenossen gemeinsam“ (Krais/Gebauer 2002, S. 37; vgl. Liebau 2009), da sie durch Ă€hnliche Existenzbedingungen geprĂ€gt wurden und weiterhin geprĂ€gt werden (vgl. Bourdieu 2011b), wobei der individuelle Habitus die grundlegenden Strukturen und Dispositionen des Klassenhabitus beinhaltet, aber aufgrund der VielfĂ€ltigkeit möglicher Lebenserfahrungen und sozialer Stellungen sowie der damit einhergehenden Besonderheit der spezifischen persönlichen LebenslĂ€ufe individuell verschieden ist: „[J]edes System individueller Dispositionen ist eine strukturale Variante der anderen Systeme, in der die Einzigartigkeit der Stellung innerhalb der Klasse und des Lebenslaufs zum Ausdruck kommt“ (Bourdieu 1987a, S. 113). Dieses Prinzip der strukturalen Variante eines grundlegenden Gruppenhabitus kann analog fĂŒr das analytische Konstrukt objektiver sozialer Milieus herangezogen werden, sofern deren Akteure jeweils unter Ă€hnlichen Existenzbedingungen leben und entsprechende Erfahrungen durchlaufen haben.

Entsprechend lassen sich schematisch drei grundlegende Habitusstrukturen identifizieren, die unterschiedlichen Positionen im sozialen Raum zugeordnet werden können, nÀmlich zum einen der Habitus der Distinktion, der Habitus des Strebens sowie der Habitus der Not(wendigkeit) (vgl. Hartmann 2004, S. 90; Bourdieu 1992b).

In den unteren Milieus lĂ€sst sich aufgrund fehlender ökonomischer Ressourcen und einer entsprechend eingeschrĂ€nkten Zukunftssicherheit vor allem der Habitus der Not vorfinden, auch als ‚praktischer Materialismus‘ bezeichnet, der aus der Not geboren, infolgedessen daran angepasst und auf das Hier und Jetzt ausrichtet ist, auf das „GegenwĂ€rtigsein im GegenwĂ€rtigen“ (Bourdieu 1982, S. 297; vgl. Krais/Gebauer 2002): „Aus der Not heraus entsteht ein Not-Geschmack, der eine Art Anpassung an den Mangel einschließt und damit ein Sich-in-das-Notwendige-fĂŒgen, ein Resignieren vorm Unausweichlichen“ (Bourdieu 1982, S. 585).

DemgegenĂŒber ist in den kleinbĂŒrgerlichen Milieus der Mitte der Habitus des Strebens vorherrschend. Er ist auf Aufstieg fokussiert und daher in Kontrast zum Habitus der Not nicht auf den Augenblick, sondern vielmehr auf die Zukunft ausgerichtet, was gegenwĂ€rtigen Verzicht bis hin zur Askese zugunsten zukĂŒnftiger ErtrĂ€ge und Befriedigungen im Sinne der Realisierung der Aufstiegsaspirationen einschließt. Der im Vergleich mit den oberen Milieus relative Mangel an Ressourcen wird durch Habitusdispositionen wie Ehrgeiz zu kompensieren versucht: „[V]erhĂ€ltnismĂ€ĂŸig arm an ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital, kann sie [die kleinbĂŒrgerliche Mittelschicht; MM] ihre â€șAnsprĂŒcheâ€č nur â€șnachweisenâ€č und sich damit Aussichten auf deren Realisierung eröffnen, wenn sie bereit ist, dafĂŒr durch Opfer, Verzicht, Entsagung, Eifer, Dankbarkeit — kurz: durch Tugend zu zahlen“ (Bourdieu 1982, S. 528). Dies fĂŒhrt sowohl zu oftmals sehr bemĂŒhten und daher unsicheren AnknĂŒpfungsversuchen an die Praxen oberer Milieus als auch zu Abgrenzungsbestrebungen gegenĂŒber unteren sozialen Lagen.

Der Habitus der Distinktion wiederum ist in der Regel den Milieus der Oberschicht vorbehalten. Er ist geprĂ€gt durch und prĂ€gt seinerseits die herrschende Kultur, was sich in strikter Abgrenzung und entsprechendem Abstand nach unten manifestiert (vgl. Bourdieu 1992b, S. 39). Im Gegensatz zu den AnknĂŒpfungsbemĂŒhungen der mittleren Milieus, die gerade durch ihr Streben nach Zugehörigkeit zur herrschenden Kultur ihre Nichtzugehörigkeit offenbaren, zeichnen sich die Habitus der oberen Milieus durch eine SelbstverstĂ€ndlichkeit und Selbstsicherheit im Umgang mit Hoch- bzw. legitimer Kultur aus: „Diese SouverĂ€nitĂ€t, die den spielerischen Umgang mit den gĂŒltigen Regeln beinhaltet, macht die entscheidende Differenz aus zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nur dazugehören möchten“ (Hartmann 2004, S. 142). Distinktion entsteht hier nicht durch DistinktionsbemĂŒhen, sondern – in Anlehnung an die soziale Magie der symbolischen Wirksamkeit dieses selbstverstĂ€ndlichen Verhaltens – ‚automagisch‘ durch den Umstand, dass „man nicht auf Distinktion, auf Sich-unterscheiden-wollen aus ist: die â€șwirklich distinguiertenâ€č Leute sind die, die sich nicht darum kĂŒmmern, es zu sein“ (Bourdieu 1989, S. 18), da ihr Habitus milieuspezifisch-selbstverstĂ€ndliche Praxen hervorbringt, die ohne bewusstes AbgrenzungsbemĂŒhen des Akteurs Distinktion bewirken.

Ein Akteur handelt folglich innerhalb jener sozialen VerhĂ€ltnisse, die seinem Habitus entsprechen und dessen Strukturen strukturier(t)en, innerhalb seines Milieus oder seiner Klasse vollkommen intuitiv und generativ kreativ gemĂ€ĂŸ der entsprechenden Logik der gesellschaftlichen Praxis und kann sich ohne bewussten RĂŒckgriff auf bestimmte Regeln oder Normen „wie ein Fisch im Wasser“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161) in dieser Umgebung bewegen, auf die er objektiv abgestimmt ist, ohne dass jedoch eine explizite Absprache oder direkte Interaktion zwischen den Akteuren (vgl. Bourdieu 1987a, S. 109) noch eine subjektive Zweckausrichtung stattfĂ€nde: „Dies kann in dem GefĂŒhl zum Ausdruck kommen, genau »am richtigen Platz« zu sein, genau das zu tun, was man zu tun hat, und es auf glĂŒckliche Weise – im objektiven wie im subjektiven Sinne – zu tun oder in der resignierten Überzeugung, nichts anderes tun zu können, auch eine freilich weniger glĂŒckliche Weise, sich fĂŒr das, was man tut, geschaffen zu fĂŒhlen“ (Bourdieu 2011a, S. 31f). Der jeweilige Akteur als Inhaber eines bestimmten Habitus fĂŒhlt sich demzufolge gemĂ€ĂŸ einer Art „sense of one’s place“ (Goffman zitiert nach Bourdieu 1992a, S. 141) in einer Umwelt am besten aufgehoben und zugehörig, die in ihrem kollektiven Habitus am ehesten seinem individuellen Habitus entspricht, d.h. der Habitus „bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat“ (Bourdieu 1982, S. 286) — „einen Umstand, den Bourdieu auch als »amor fati« bezeichnet, als Wahl oder Annehmen des Schicksals“ (Krais/Gebauer 2002, 43). Durch dieses GespĂŒr fĂŒr den »richtigen« Platz, die damit verbundene Akzeptanz des eigenen »Schicksals« und die unbewusste »Wahl« einer dem persönlichen Habitus entsprechenden Umwelt „schĂŒtzt sich der Habitus vor Krisen und kritischer Befragung, indem er sich ein Milieu schafft, an das er so weit wie möglich vorangepaßt ist, also eine relativ konstante Welt von Situationen, die geeignet sind, seine Dispositionen dadurch zu verstĂ€rken, daß sie seinen Erzeugnissen den aufnahmebereitesten Markt bieten“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Es wird dadurch ein sozialer Zusammenhang hergestellt, der unbewusst verbindet, d.h. „[d]er soziale Zusammenhalt wird immer wieder gestiftet durch die Wahlverwandtschaften, die sich aus einem gemeinsamen Habitus und Geschmack ergeben und die sich in (
) Handlungsgemeinschaften verkörpern“ (Vester et al. 2001, S. 169).

Das Habituskonzept und darauf aufbauende Konzepte begreifen „die Individuen weder als bloße Objekte vorgegebener objektiver Strukturen noch als völlig freie Subjekte, sondern in der Wechselwirkung ihrer Beziehungen, in denen sie beides sind“ (Vester et al. 2001, S. 150). Gleichzeitig wird das Individuum als ein von Geburt an vergesellschafteter Akteur betrachtet, womit das Habituskonzept die kĂŒnstliche Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft ĂŒberwindet: „Man wird nicht Mitglied einer Gesellschaft, sondern ist es von Geburt an (
) und von Geburt an befindet man sich in einer aktiven Auseinandersetzung mit der Welt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61). Auf diese Weise wird eine BrĂŒcke zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Strukturalismus und Konstruktivismus geschlagen, die eine gegenseitige Beeinflussung bedingt sowie die unbewusste und objektiv aufeinander abgestimmt erscheinende Verhaltensgrundlage fĂŒr das völlig selbstverstĂ€ndliche und angepasste Interagieren zwischen Akteuren mit mehr oder weniger homogenen Habitus erlaubt, die auf ebenso mehr oder weniger homogenen Existenzbedingungen basieren. Der Habitus ist demzufolge strukturierte und strukturierende Struktur zugleich, die „konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 154), denn „[m]it dem Habitus sind wir in der Welt und haben die Welt in uns“ (Krais/Gebauer 2002, S. 61) — wĂ€hrend »die Welt in uns«, verstanden als weitgehend selbstverstĂ€ndliche Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit, die Strukturen des Habitus strukturiert, mit dem wir in der Welt sind, also „zur Ausbildung einer situationsangepassten RationalitĂ€t, eines praktischen Sinns [fĂŒhrt], der ‚weiß‘, was in welcher Situation zu tun und was zu lassen ist“ (Liebau 2009, S. 47), strukturiert der Habitus wiederum auf dieser Grundlage das Handeln und damit letztlich die gesellschaftliche Welt. Mittels der strukturierten und strukturierenden Struktur des Habitus erklĂ€rt sich, wie Gesellschaft ĂŒberhaupt zustande kommt, ohne dass sĂ€mtliche beteiligte Akteure bewusst oder zielgerichtet auf das Herstellen einer gesellschaftlichen Ordnung oder das gesellschaftliche Funktionieren an sich hinarbeiten, wie Gesellschaft demnach ganz beilĂ€ufig entsteht, indem die Akteure ihren alltĂ€glichen Handlungen nachgehen und damit „ununterbrochen dazu bei[tragen], die soziale Struktur zu reproduzieren“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 174), denn der Habitus stellt „strukturierte Strukturen [dar], die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d.h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen fĂŒr Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepaßt sein können, ohne jedoch bewußtes Anstreben von Zwecken (
) vorauszusetzen, die objektiv »geregelt« und »regelmĂ€ĂŸig« sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein“ (Bourdieu 1987a, S. 98). Der Habitus wird allgemein durch die gesellschaftlichen Bedingungen und im Speziellen durch eine bestimmte, individuelle Komposition objektiv-realer Existenzbedingungen sowie entsprechender Sozialisationserfahrungen geformt und formt seinerseits wiederum die Gesellschaft, wobei er „jener Verkettung von »ZĂŒgen« zugrunde [liegt], die objektiv wie Strategien organisiert sind, ohne das Ergebnis einer echten strategischen Absicht zu sein“ (ebd., S. 116).

Die vom Habitus hervorgebrachten Handlungen sind demzufolge nicht „intellektuellozentrisch“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 153) als rein rationale Strategien zu verstehen, denen eine exakte Bewertung von Erfolgschancen zugrunde liegt, sondern funktionieren „nach einer dem lebenden Organismus eigenen, das heißt nach einer systematischen, flexiblen, nicht mechanistischen Logik“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34), die aufgrund der PrĂ€gung des Akteurs die objektiv unwahrscheinlichsten Praktiken als undenkbare aussortiert (vgl. Bourdieu 1987a, S. 100), womit der scharfen Trennung zwischen Körper und Geist sowie der Vorstellung vom Körper als lediglich passivem Speicher der Erfahrungen widersprochen wird, da der Körper vielmehr „als aktives [und soziales; MM] â€șDingâ€č bei der Erzeugung jener spontanen, immer wieder variierten und kreativ neu erfundenen Akte der Individuen“ (Krais/Gebauer 2002, S. 34; vgl. Kalthoff 2004) auftritt: „Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Tun mehr Sinn, als sie selber wissen“ (Bourdieu 1987b, S. 127).

In den Habitus gehen die Denk- und Sichtweisen, die Wahrnehmung, Weltanschauung etc. einer Gesellschaft bzw. einer gesellschaftlichen Lage ein, werden somit zur zweiten Natur des Akteurs, der nun aufgrund dieser Inkorporierung der sozialen VerhĂ€ltnisse vollkommen selbstverstĂ€ndlich gemĂ€ĂŸ diesen handelt und dadurch die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse, die seinen Habitus hervorgebracht haben, wiederum reproduziert. Sowohl die persönliche als auch die gesellschaftliche Vergangenheit wirken in ihm in der Gegenwart fort und bestimmen sein Verhalten, allerdings „um den Preis des Vergessens“ (Krais 2004, S. 91) seiner Entstehung aus bestimmten sozialen VerhĂ€ltnissen. Das Äußere der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse wird dementsprechend inkorporiert und zum Inneren, zum Körper gewordenen Sozialen (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996, S. 161), und reproduziert auf die Weise des VerĂ€ußerlichens dieses Inneren wiederum objektive gesellschaftliche Strukturen. In einer sozialen Umwelt, die mit dem persönlichen Habitus der Akteure ĂŒbereinstimmt, werden diese aufgrund der in ihrem Habitus inkorporierten Erfahrung rein intuitiv handeln und mĂŒssen in einer fĂŒr sie neuen Situation nicht erst bewusst darĂŒber nachdenken, was nun zu tun sei.

Je nach sozialer Lage bieten sich den einzelnen Akteuren unzĂ€hlige Zukunftsmöglichkeiten, allerdings mit unterschiedlicher Eintritts- oder Realisierungswahrscheinlichkeit, d.h. „die Vielzahl möglicher Welten [ist] zu jedem Zeitpunkt durch die jeweils wirkliche Welt, durch die gegebenen sozialen VerhĂ€ltnisse begrenzt“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46), so wie es fĂŒr manche soziale Gruppen wahrscheinlicher ist als fĂŒr andere, beispielsweise sozial aufzusteigen oder eine Studienlaufbahn einzuschlagen. Über den Habitus und die darin inkorporierten Erfahrungen, die die sozialen Wahrscheinlichkeiten und damit auch die eigene wahrscheinliche Zukunft miteinschließen, richten die Akteure schließlich ihre Handlungen auf diejenige Zukunft aus, die objektiv am wahrscheinlichsten ist, und lassen sie dadurch in einer Art „KausalitĂ€t des Wahrscheinlichen“ (ebd.) Wirklichkeit werden, denn „[a]uch wenn [die sozialen Determinanten] nicht bewußt wahrgenommen werden, zwingen sie den einzelnen, sich nach ihnen, das heißt nach der objektiven Zukunft der betreffenden gesellschaftlichen Klasse auszurichten“ (Bourdieu/Passeron 1971, S. 44). Der individuelle Habitus leistet also innerhalb homologer gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse auch die Vorwegnahme und gleichzeitige HerbeifĂŒhrung einer wahrscheinlichen Zukunft, da die Handlungen und unbewussten Strategien des Habitus „stets die objektiven Strukturen zu reproduzieren trachten, aus denen sie hervorgegangen sind“ (Bourdieu 1987a, S. 114). Die wahrscheinliche Zukunft kann ĂŒber den Habitus aus Erfahrung, „d.h. durch die bereits eingetretene Zukunft frĂŒherer Praktiken“ (ebd.), als eben solche antizipiert werden, weil die im Habitus inkorporierte Geschichtlichkeit oder Erfahrung mit den Bedingungen und der Geschichtlichkeit der sozialen VerhĂ€ltnisse ĂŒbereinstimmt, woraus sich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit des Handelns ergibt.

Diese SelbstverstĂ€ndlichkeit des Handelns geht jedoch verloren, sobald die sozialen VerhĂ€ltnisse nicht lĂ€nger dem Habitus eines Akteurs entsprechen, sprich wenn die in den sozialen Institutionen objektivierte Geschichtlichkeit nicht lĂ€nger mit der inkorporierten Geschichtlichkeit ĂŒbereinstimmt, denn die bestehende Strukturierung des Habitus „schließt aus, dass er alles verarbeitet, was in der Welt ist“, also „nur Dinge aufnehmen und einbauen kann, fĂŒr die er bereits eine Art â€șAnkopplungsstelleâ€č hat“ (Krais/Gebauer 2002, S. 64). Findet sich ein Akteur in einem sozialen Umfeld mit hochgradig abweichenden sozialen Bedingungen vor, entspricht seine einverleibte Geschichte oder Erfahrung nicht lĂ€nger der institutionalisierten Geschichte seiner Umgebung, sein persönlicher Habitus entspricht also nicht lĂ€nger den sozialen VerhĂ€ltnissen und zeichnet sich durch eine TrĂ€gheit aus, da er fĂŒr die Gegebenheiten der neuen sozialen Umwelt kaum Ankopplungsstellen aufweist. Da der Habitus zwar durchaus verĂ€nderbar ist und die ihm zugrunde liegende Inkorporierung ein Leben lang stattfindet (vgl. Krais/Gebauer 2002), er aber stets von seiner ursprĂŒnglichen Strukturierung durch die PrimĂ€rsozialisation in einer Art anhaftendem »Stallgeruch« geprĂ€gt bleiben wird, tritt auf, was Bourdieu als hysteresis-Effekt bezeichnet (vgl. Bourdieu 1982, S. 238f), nĂ€mlich eine TrĂ€gheit des Habitus, der nun in einer völlig neuen Situation unter anderen sozialen Bedingungen nicht mehr angemessen ist, infolgedessen der Akteur sich nicht lĂ€nger angemessen verhalten kann: „Seinen Habitus, der ja die persönliche und soziale IdentitĂ€t eines Individuums ausmacht, kann man nun, wenn sich die individuellen LebensverhĂ€ltnisse verĂ€ndern, nicht einfach wechseln wie ein Kleid“ (Krais/Gebauer 2002, S. 46). Über lĂ€ngere Zeit wird sich der Habitus des Akteurs den neuen sozialen VerhĂ€ltnissen zwar annĂ€hern, seinen »Stallgeruch« der PrimĂ€rsozialisation durch das vorhergehende Milieu allerdings nicht vollstĂ€ndig ablegen können (vgl. Bourdieu 2000; Hartmann 2004, S. 92f; Krais 2004, S. 99f).

Zentral ist fĂŒr Bourdieu die selbstverstĂ€ndliche Komplizenschaft zwischen Individuum und sozialen VerhĂ€ltnissen oder Institutionen, die auch gesellschaftliche ZwĂ€nge darstellen können und in der Regel solche sind: „Wir sind ĂŒber diesen Habitus (
) immer versucht, Komplizen der ZwĂ€nge zu sein, die auf uns wirken, mit unserer eigenen Beherrschung zu kollaborieren“ (Bourdieu 2001a, S. 166). Diese Komplizenschaft zwischen Akteur und den ihn umgebenden Strukturen wird durch eine entsprechende Sozialisation innerhalb dieser Strukturen, also durch den jeweiligen Habitus hergestellt, der es den Akteuren erlaubt, gesellschaftliche „Institutionen zu bewohnen (habiter)“ (Bourdieu 1987a, S.107). Dies bedeutet, dass jene objektiven Strukturen nur Bestand haben können, indem sie in den Akteuren wirken und von diesen verinnerlicht, bewohnt, angeeignet werden, die sie dadurch wiederum reproduzieren; folglich wird die „objektivierte, instituierte Geschichte nur dann geschichtliche Aktion, d.h. aktivierte, aktive Geschichte, wenn sie von Akteuren aufgenommen wird, die ihre eigene Geschichte dazu prĂ€disponiert, sie auf sich zu nehmen“ (Bourdieu 2011a, S. 27). So können gesellschaftliche Strukturen wie z.B. Staat oder Schule nur funktionieren, indem die Akteure in gewisser Weise an sie glauben (vgl. praktischer Glaube und praktischer Sinn in Bourdieu 1987b), durch Sozialisation in diesen Strukturen deren Funktionsweise inkorporieren und ĂŒber Habitus und praktischen Sinn mit ihnen in Komplizenschaft treten. Alle betreffenden Akteure teilen daher den ihnen habituell inkorporierten Glauben an die institutionellen Strukturen, was sich in der Anerkennung dieser Strukturen und der entsprechenden Teilnahme manifestiert, wobei sich dieses Teilnehmen allerdings nicht bewusst mit einer strukturfunktionalistischen Absicht vollzieht, sondern aufgrund der entsprechenden Habitus völlig selbstverstĂ€ndlich, intuitiv und grĂ¶ĂŸtenteils unbewusst, so wie man beispielsweise seine Kinder ganz selbstverstĂ€ndlich auf die Schule schickt. Auf diese Weise werden Praktiken und RegelmĂ€ĂŸigkeiten der gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen im Habitus der Individuen verankert, was ihnen das Bewohnen dieser gesellschaftlichen Strukturen ermöglicht, aber aufgrund der selbstverstĂ€ndlichen habituellen Verinnerlichung der sozialen Ordnung auch Macht- und HerrschaftsverhĂ€ltnisse reproduziert. Durch diese Betonung der habituellen Komplizenschaft wird zudem deutlich, dass per se keine antagonistische GegenĂŒberstellung zwischen Individuum und Gesellschaft besteht und nicht Gesellschaft an sich als Zwang gegenĂŒber den Individuen auftritt, sondern bestimmte Praktiken, Ordnungen, Strukturen, Institutionen und letztlich der eigene, vorwiegend unbewusste Glaube daran: „Nicht Gesellschaft als solche ist eine â€șZumutungâ€č, problematisch ist vielmehr Herrschaft. Und Herrschaft tritt nicht einfach von außen an das Individuum heran, sie ist, ĂŒber den Habitus, immer auch in das Individuum selbst eingelagert“ (Krais/Gebauer 2002, S. 79).

Eine Absage etwa an gesellschaftliche ZwĂ€nge kann sich also nicht auf die objektiv erkennbaren Strukturen beschrĂ€nken, sondern muss beim Subjekt beginnen, das diese objektiven Strukturen durch seinen Habitus, durch seine subjektiven Strukturen, reproduziert. Dies erfordert zunĂ€chst das Erkennen der SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der aufgrund der Inkorporierung der doppelten Geschichtlichkeit und – darin enthalten – der gesellschaftlichen Denk- und Sichtweisen gehandelt wird, und damit das Erkennen der Grenzen des eigenen Habitus. Bourdieu leistet genau dies, indem er den „Mechanismus der kulturellen Reproduktion“ offen nachzeichnet und in Entgegnung auf den Vorwurf des Determinismus erklĂ€rt, „daß die Intention der Aufdeckung gesellschaftlicher ZwĂ€nge emanzipatorisch ist. Das heißt nichts anderes, als daß man – getreu der alten Regel – auf die Welt nur einzuwirken vermag, wenn man sie kennt: Jeder neue Bestimmungsfaktor, der erkannt wird, eröffnet einen weiteren Freiheitsspielraum“ (Bourdieu 1992b, S. 46).

Ein solcher Freiheitsspielraum gegenĂŒber den gesellschaftlichen ZwĂ€ngen, die als unhinterfragte Notwendigkeiten in den sozialen Gebilden und Denkschemata wirken, kann demzufolge nur durch ihr Erkennen hergestellt werden (das nicht mit Anerkennung gleichzusetzen ist), denn „[d]ie wissenschaftliche Erkenntnis der Notwendigkeit schließt die Möglichkeit einer Aktion ein, die darauf abzielt, sie zu neutralisieren, und mithin eine mögliche Freiheit, wĂ€hrend das Nichterkennen der Notwendigkeit deren Anerkennung in uneingeschrĂ€nkter Form impliziert: Solange das Gesetz unerkannt ist, erscheint das Resultat des laisser-faire, des Komplizen des Wahrscheinlichen“, somit das, was gemĂ€ĂŸ dieses unerkannten Gesetzes scheinbar »einfach so« passiert, was nicht hinterfragt und was als selbstverstĂ€ndlich erachtet wird, „als Schicksal, sobald es erkannt ist, als Gewalt“ (Bourdieu 2011a, S. 53f).


Literatur:

  1. Bourdieu, Pierre (1982). Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M: Suhrkamp.
  2. Bourdieu, Pierre (1987a). Strukturen, Habitusformen, Praktiken. In: Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn (S. 97-121). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  3. Bourdieu, Pierre (1987b). Glaube und Leib. In Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn (S. 122-146). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  4. Bourdieu, Pierre (1989). Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Berlin: Wagenbach.
  5. Bourdieu, Pierre (1992a). Sozialer Raum und symbolische Macht. In Pierre Bourdieu, Rede und Antwort (S. 135-154). Frankfurt/M: Suhrkamp.
  6. Bourdieu, Pierre (1992b). Die feinen Unterschiede (Interview). In Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht (S. 31-47). Hamburg: VSA-Verlag.
  7. Bourdieu, Pierre (2000). Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft. Konstanz: UVK.
  8. Bourdieu, Pierre (2001). Habitus, Herrschaft und Freiheit. In Pierre Bourdieu, Wie die Kultur zum Bauern kommt (S. 162-173). Hamburg: VSA-Verlag.
  9. Bourdieu, Pierre (2011a). Der Tote packt den Lebenden. In Pierre Bourdieu, Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage) (S. 17-54). Hamburg: VSA-Verlag.
  10. Bourdieu, Pierre (2011b). Wie eine soziale Klasse entsteht. In Pierre Bourdieu, Der Tote packt den Lebenden (Neuauflage) (S. 97-122). Hamburg: VSA-Verlag.
  11. Bourdieu, Pierre / Jean-Claude Passeron (1971). Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart: Klett.
  12. Bourdieu, Pierre / LoĂŻc Wacquant (1996): Reflexive Anthropologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  13. Hartmann, Michael (2004). Elitesoziologie. Frankfurt/M: Campus.
  14. Kalthoff, Herbert (2004). Schule als Performanz. In Steffani Engler & Beate Krais (Hrsg.), Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen (S. 115-140). Weinheim und MĂŒnchen: Juventa.
  15. Krais, Beate (2004). Habitus und soziale Praxis. In Margarete SteinrĂŒcke (Hrsg.), Pierre Bourdieu. Politisches Forschen, Denken und Eingreifen (S. 91-106). Hamburg: VSA-Verlag.
  16. Krais, Beate / Gunter Gebauer (2002). Habitus. Bielefeld: transcript.
  17. Liebau, Eckart (2009). Der Störenfried. Warum PĂ€dagogen Bourdieu nicht mögen. In Barbara FriebertshĂ€user, Markus Rieger-Ladich, Lothar Wigger (Hrsg.), Reflexive Erziehungswissenschaft (2. Auflage) (S. 41-58). Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften.
  18. Vester, Michael, Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, & Dagmar MĂŒller (2001). Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt/M: Suhrkamp.


Aug 9 2011

Legitimierter Schwindel

Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu verschaffen; d.h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als WillkĂŒr verkennen zu lassen. (…) Die sozialen Akteure und auch die Beherrschten selbst sind in der sozialen Welt (selbst der abstoßendsten und empörendsten) durch eine Beziehung hingenommener Komplizenschaft verbunden, die bewirkt, daß bestimmte Aspekte dieser Welt stets jenseits oder diesseits kritischer Infragestellung stehen.

Was ist schließlich ein Papst, ein PrĂ€sident oder ein GeneralsekretĂ€r anderes als jemand, der sich fĂŒr einen Papst oder einen GeneralsekretĂ€r oder genauer: fĂŒr die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hĂ€lt? Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom GrĂ¶ĂŸenwahnsinnigen unterscheidet, ist, daß man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von »legitimem Schwindel«, wie Austin sagt, zuerkennt. Glauben Sie mir, die Welt so betrachtet, d.h. so wie sie ist, ist ziemlich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komische und das Tragische sich berĂŒhren.
(Pierre Bourdieu – Die verborgenen Mechanismen der Macht enthĂŒllen, in: Die verborgenen Mechanismen der Macht)


Aug 7 2011

NormalitÀt

Noch die inhumansten Arbeits- und Lebensbedingungen können als sinnhaft und attraktiv erlebt werden durch das stillschweigende EinverstÀndnis von Menschen, die durch inhumane Existenzbedingungen darauf vorbereitet worden sind, sie zu akzeptieren.
(Margarete SteinrĂŒcke, in: Pierre Bourdieu - Der Tote packt den Lebenden)


Jul 17 2011

Exodus

So lange ich zurĂŒckdenken kann, war ich noch niemals richtig glĂŒcklich. Es liegt nicht an persönlichen Eitelkeiten, dass es so ist, wie es ist. Meine Kindheit war erfĂŒllt und ich ĂŒbte bis vor kurzem einen angesehenen Beruf aus, der es mir ermöglichte, ein gutes Leben zu fĂŒhren, zumindest materiell. Ich bin emotional gut ausgeglichen, wie man es wohl ausdrĂŒcken wĂŒrde, und kann mich in Liebesdingen nicht allzu viel beschweren. Dennoch hat es da in meinem Leben schon immer andere EinflĂŒsse gegeben, Interferenzen sozusagen, Störfaktoren, die es mir unmöglich machten, mit diesem Leben wirklich glĂŒcklich zu sein. Es kommt mir vor, als blickte ich durch trĂŒbes Glas, das mir den ganzen schönen Ausblick ruiniert. Ich habe mich hin und wieder glĂŒcklich gewĂ€hnt, doch ich war es nicht. Die Welt, die mich umgibt, drĂŒckt wie ein kleiner Stein im Schuh, der jeden noch so kleinen Schritt mit Schmerzen unterlegt. Es ist der Zustand dieser Welt, der störend auf mein Leben einwirkt, der Stein im Schuh, das trĂŒbe Glas, das dieses Leben unertrĂ€glich werden lĂ€sst. Jede persönliche Freude wird zur Farce, wenn sie von UnglĂŒck umgeben ist. Wie fĂŒhrt man ein gutes Leben in einer schlechten Welt?

Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, anderen Menschen von meinem Unbehagen zu erzĂ€hlen, denn ihre Antworten sind immer gleich: »Das Leben ist kein Wunschkonzert«, sagen sie, oder: »Es ist nun mal so«, sie meißeln Phrasen in die Welt wie: »Anderen geht es viel schlechter« und »Nimm’s nicht so schwer«, sie antworten nicht ernsthaft, sie geben nur wieder. Als wĂŒrde das irgendetwas Ă€ndern, stellen sie SprĂŒche in den Raum und wollen damit Trost spenden oder abspeisen, das eine kommt dem anderen gleich, denn es sind sinnlose, inhaltsleere SĂ€tze. »Hau doch ab, wenn es dir hier nicht gefĂ€llt«, legen sie mir unmissverstĂ€ndlich nahe, ein ums andere Mal, doch wo ist es besser, frage ich mich dann.

Sie meinen, ich mĂŒsse nur endlich erwachsen werden und mich einfach bloß zusammenreißen, mĂŒsse begreifen, dass all das normal ist, worĂŒber ich beunruhigt bin. Ihnen fĂ€llt ĂŒberhaupt nicht auf, wie oft sie »man muss« und wie selten sie »ich will« verwenden. Sie verlangen Disziplin, doch ich möchte niemandes Sklave sein, nicht einmal mein eigener, oder vielmehr schon gar nicht. Sie werfen mir unaufhörlich vor, ich kĂ€me nicht zurecht mit dieser Welt. Sie sagen, ich sei depressiv und krank, als wĂ€re es ein Ausdruck von geistiger Gesundheit, an kranke VerhĂ€ltnisse gut angepasst zu sein. Sie möchten mich behandeln, mich normalisieren, mich wieder eingliedern in diese Welt, mit der ich meinen Frieden schließen soll, doch wenn sie Frieden sagen, meinen sie bloß Kapitulation. Sie wollen, dass ich verleugne, wie ich mich wirklich fĂŒhle, sie möchten mein Unbehagen in einen Kasten sperren und diesen dann irgendwo versenken, auf dass er fĂŒr immer verschwunden bleibt. Sie drĂ€ngen mich dazu, mein inneres Leben aufzugeben, um am Ă€ußeren zu partizipieren. Ich soll es jenen recht machen, die mich als Menschen negieren. Aber bin ich wirklich krank? Bin ich krank, weil ich aus dem herausfalle, was sie allen Ernstes als normal bezeichnen?

Es gilt als Ausdruck von NormalitĂ€t, sich bereitwillig in eine Gesellschaft einzufĂŒgen, die systematisch ihre Grundlagen zerstört und die sich um das Wohlergehen ihrer Insassen nicht sonderlich schert. Es ist normal, dass wir mehr Geld und KreativitĂ€t in Waffen oder gegenseitige Abschreckung investieren als in Bildung und Kultur, weil wir uns so sehr bemĂŒhen, das Gegeneinander zu optimieren, wĂ€hrend das FĂŒreinander brachliegt. Es ist normal, dass diejenigen, die Kriege vom Zaun brechen und ihre Mitmenschen wie wertlosen Dreck behandeln, als MĂ€chtige in den Parlamenten und AufsichtsrĂ€ten sitzen, in unseren Regierungen und wichtigen Entscheidungsgremien. Wir stoßen uns nicht daran, dass Wissen aus wirtschaftlichen GrĂŒnden unter Verschluss gehalten wird, anstatt es zum Wohle der Allgemeinheit offen zur VerfĂŒgung zu stellen, und wir nehmen es anstandslos hin, uns Gesetzen beugen zu mĂŒssen, von denen nur wenige profitieren, weil wir es niemals anders kennengelernt haben. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, auch nur ansatzweise von Verschwendung zu reden, wenn so viele der klĂŒgsten Köpfe ihre kostbare Zeit damit verbringen, nutzlose Dinge zu verkaufen, die weder benötigt noch begehrt werden, in Berufen, die jeden Tag aufs Neue dazu beitragen, die Welt ein kleines bisschen destruktiver zu gestalten. Es ist uns egal, dass die einen sterben, wĂ€hrend die anderen an diesem Tod verdienen, so wie wir uns auch gleichmĂŒtig daran gewöhnt haben, Nahrung zu uns zu nehmen, die uns vergiftet und langsam umbringt, solange das fĂŒr den Hersteller bedeutet, ein wenig gĂŒnstiger produzieren zu können.

Unser gesamtes Leben, unsere PlĂ€ne und noch die sehnsuchtsvollsten TrĂ€ume unterwerfen wir einem stĂ€ndigen Zwang, jenem des Gelderwerbs, dem sich alles andere bedingungslos unterzuordnen hat, doch es stellt fĂŒr uns keinerlei Widerspruch dar, wenn wir diese totale Disziplinierung dann als höchste Form der UnabhĂ€ngigkeit begreifen, als Ausdruck eines selbstbestimmten Daseins. Wir nehmen sinnlose, seelenzermĂŒrbende Jobs an, die wir hassen und in denen wir uns aufreiben, weil es fĂŒr uns nichts Ungewöhnliches ist, dass nur diejenigen ĂŒberleben dĂŒrfen, die auch bereit sind, dafĂŒr zu arbeiten, wĂ€hrend Tausende tĂ€glich verhungern, die einfach nur zu arm sind, um sich ihre Mahlzeiten ĂŒberhaupt leisten zu können. Obwohl wir genau darĂŒber Bescheid wissen, obwohl wir etwas dagegen tun könnten, wird die Kluft zwischen Arm und Reich mit jedem Jahr grĂ¶ĂŸer, nicht kleiner. Wir definieren uns so ehrgeizig ĂŒber die willkĂŒrlich festgelegten Zahlen, die am Ende des Monats auf unserem Konto vorzufinden sind, dass es fĂŒr uns nicht wirklich besorgniserregend ist, wenn eine Handvoll Menschen mehr besitzen können als der ganze große Rest der Welt; eine Welt, in der ein Leben nur so viel wert ist, wie es erwirtschaften kann. Zufriedenheit, Freude und GlĂŒck werden abhĂ€ngig gemacht von objektivistischen Kategorien: mehr haben, mehr können, mehr sein als andere, in einer quantifizierbaren Art und Weise, sich dadurch schließlich besser, grĂ¶ĂŸer, mĂ€chtiger zu fĂŒhlen als sie wird zum Maßstab der eigenen Persönlichkeit, zum Sinngeber in einer globalen Konkurrenz.

Jeden Tag nehmen wir billigend in Kauf, dass fĂŒr ĂŒberflĂŒssigen Luxus unwiderruflicher Schaden an Umwelt und Anderen entsteht, ohne auch nur einen ernsthaften Gedanken daran zu verschwenden, welche ökologischen und sozialen Folgen unser Handeln hat. Es ist alltĂ€gliche Routine geworden, dass Menschen sterben oder wie schwerste Verbrecher behandelt werden, bloß weil sie den verzweifelten Versuch wagen, von einem StĂŒckchen Land zu einem anderem zu gelangen. Wir bauen ZĂ€une um uns herum, damit uns die anderen nicht zu nahe kommen, wir grenzen uns ab, schließen uns ein und haben Angst voreinander, aber wir sehen darin nichts Außergewöhnliches, es ist uns kein Grund zur Sorge. Die NormalitĂ€t dieser ZustĂ€nde, die fĂŒr mehr und mehr Menschen nur noch mit Psychopharmaka zu verkraften sind, beunruhigt uns nicht. Diese ganze Katastrophe, die uns jeden Tag umgibt, sie betrifft uns zwar, aber sie berĂŒhrt uns nicht. Wir gehen teilnahmslos unseren TagesgeschĂ€ften nach, denn das alles enthĂ€lt fĂŒr uns keine Botschaft, außer jener der SelbstverstĂ€ndlichkeit.

Es gibt noch so vieles, mit dem ich mich genauso wenig abfinden kann und auch nicht abfinden möchte, zu vieles, um es aufzuzĂ€hlen, weil es jeden Versuch einer AufzĂ€hlung sprengen wĂŒrde; diese ganzen NormalitĂ€ten einer fremdartigen Welt, die fĂŒr mich nicht normal, noch weniger lebenswert ist.

Seit jeher wird an mich die Erwartung herangetragen, ein Teil dessen zu werden, was mir zuwider ist, mich einzugliedern in eine Welt, die alle Eingegliederten verschlingt. Viel zu hĂ€ufig litt ich unter AlbtrĂ€umen und bin schweißgebadet aufgewacht, noch viel hĂ€ufiger habe ich erst gar nicht einschlafen können, weil ich mir ausmalte, wie es mit meinem Leben weitergehen wĂŒrde in dieser Welt: FĂŒr den Rest meiner Tage mĂŒsste ich so gut wie jeden Morgen aufstehen, um mit vorgetĂ€uschter Freiwilligkeit der gleichen, unbedeutenden BeschĂ€ftigung nachzugehen, was letzten Endes doch bloß heißt, das am Leben zu erhalten, was alles Lebendige unter sich erdrĂŒckt. Mit etwas GlĂŒck hĂ€tte ich am Abend ein paar Stunden dieser so genannten Freizeit, die es mir erlauben wĂŒrden, mich von meinem Arbeitstag zu erholen, so wie man den Soldaten ins Lazarett bringt, nicht aus NĂ€chstenliebe, sondern damit er wieder kĂ€mpfen kann, also wĂŒrde ich ein wenig einkaufen, fernsehen, mich betrinken oder was man eben macht in jener Zeit, die noch zum Leben ĂŒbriggeblieben ist, doch in der Regel bloß verfliegt, dann ginge ich schlafen und alles begĂ€nne am nĂ€chsten Tag von vorn. War es das? Macht das ein Leben aus?

Wenn ich ehrlich mit mir sein möchte, kann und darf ich das nicht Leben nennen, obwohl ich mit diesem trostlosen Schicksal noch zu den wenigen Privilegierten auf diesem Planeten gehören wĂŒrde, zu jenen, denen es gut zu gehen hat, weil es dem Großteil noch viel schlechter geht. Ich reagierte auf diese Bedrohung mit AngstzustĂ€nden und NervenzusammenbrĂŒchen, ich war regelmĂ€ĂŸig panisch und ich werde es noch heute, wenn ich mir vorstelle, dass ich auf diese Art in dieser Welt den Rest meines Daseins verbringen mĂŒsste, oder wenn schon nicht den Rest, dann wenigstens den grĂ¶ĂŸten Teil. Mein Leben war von Anfang an eingeteilt, festgelegt, geplant; es war nicht vorgesehen, dass man mich jemals dazu angehört hĂ€tte, was ich denn von alledem halte, das man mir zumuten wĂŒrde. Niemand hat je gefragt, ob ich damit glĂŒcklich oder auch nur einverstanden bin, weil es niemanden interessiert.

All das ist normal. Das sind die Normen, an denen ich gemessen werden soll. »So ist eben das Leben«, wird mir immer wieder weisgemacht, und als â€șdas Lebenâ€č bezeichnen sie eine gewaltsam aufrechterhaltene Ordnung der Welt. Ich wollte so nicht leben, will so nicht leben, nicht in dieser Welt, das ist nicht mein Entwurf fĂŒr ein gelungenes Dasein. Ich sehe nicht die geringste Motivation fĂŒr den Versuch, mich als produktives Mitglied in diese Gesellschaft einzugliedern, und ich habe erstrecht kein Interesse daran, mich eingliedern zu lassen, weil ich mit allem, was sie ausmacht, grundlegend uneinverstanden bin. Jeden Tag denke ich, ich muss hier raus, muss mich aus diesem GefĂ€ngnis irgendwie befreien. Je mehr ich diese Welt begreife, desto weniger möchte ich darin leben, je mehr ich ihre AblĂ€ufe verstehe, desto weniger möchte ich daran beteiligt sein. Wie kann man sich den Zustand der Welt betrachten und dennoch glĂŒcklich sein?

Der Wahnsinn liegt in der NormalitĂ€t, die fĂŒr all diese ZustĂ€nde gleichgĂŒltig in Anspruch genommen wird. Wir alle tragen als Komplizen dazu bei, mit jedem Tag, an dem wir es hinnehmen, das Destruktive als normal zu begreifen, denn die Ordnung der Welt hĂ€lt unsere Köpfe besetzt. Wir sagen Freiheit und wir meinen damit, uns zwischen vorgegebenen Alternativen entscheiden zu dĂŒrfen. Wir sagen Sicherheit und wir haben dabei im Sinn, einen langfristigen Arbeitsplatz zu finden. Wir sagen GlĂŒck und wir stellen uns darunter vor, im Lotto zu gewinnen oder in einer PrĂŒfung erfolgreich zu sein. Unsere Sprache und unsere SehnsĂŒchte haben sich den ZwĂ€ngen angepasst, weil sie uns stĂ€ndig als NormalitĂ€ten vorgehalten werden, von Institutionen, Politikern, Therapeuten, Eltern und letzten Endes allen, die immer noch glauben, diese NormalitĂ€ten seien normal. Ich bin nicht krank. Krank ist diese Welt, und was mich daran deprimiert, nein, melancholisch werden lĂ€sst, das ist die Tatsache, dass dennoch ich es bin, der allgemein fĂŒr krank gehalten wird, weil ich mit dieser ach so wunderbaren Welt nicht klarkomme, mit ihr auch gar nicht klarkommen möchte. Die objektiven ZustĂ€nde werden nicht besser, bloß weil ich lerne, damit umzugehen; es ist ja gerade dieses Klarkommen, das dem Bestehenden zum Fortbestand verhilft. Wer also hat nun Recht? Wer von uns ist krank? Liegt es an mir, wenn ich mich unbehaglich fĂŒhle?

Tag um Tag musste ich es mir anhören, immer und immer wieder: »Hau doch ab« und »Wander doch aus«, »Werd endlich erwachsen« und »Gewöhn dich dran«, »Reiß dich zusammen« oder »Bring dich doch um«. FrĂŒher oder spĂ€ter fand noch jede Diskussion, all die mit Worten gefĂŒhrten FreiheitskĂ€mpfe, ihr Ende an diesem einen Punkt, mit einem dieser SĂ€tze. Jedes Mal, wenn ich Einspruch erhob gegen die NormalitĂ€ten dieser Welt, wenn ich Beschwerde fĂŒhrte gegen jene ZustĂ€nde, mit denen ich nicht leben will, wenn ich VorgĂ€nge kritisierte oder wenn ich Nachrichten las und zum Ausdruck brachte, dass ich mit dem, was geschieht, nicht einverstanden bin, waren die Antworten immer gleich, die Phrasen wie einstudiert. Wie viel Zwang wirkt auf einen Menschen, um solche SĂ€tze zu formulieren?

WĂ€hrend es frĂŒher schnell hieß: »Dann geh doch nach drĂŒben«, heißt es heute: »Dann wander doch aus«, oder noch schlimmer, aber ehrlicher: »Dann bring dich doch um«. Ich jedoch hĂ€nge an meinem Leben, ich genieße es, so gut es mir die UmstĂ€nde erlauben. Ich suche mir FreirĂ€ume, Schlupflöcher und HintertĂŒren, die mir ein wenig Luft zum Atmen bieten. Es ist nicht mein Leben, das mir Sorgen bereitet, sondern die Welt um mich herum, das Korsett, in das mein Leben hier gesteckt werden soll. Was mich bedrĂŒckt, ist nicht das Dasein, weder meines noch allgemein, sondern vielmehr der Rahmen, in dem es sich wiederfinden muss, jener Zustand der Welt, in den es sich anstandslos einzubetten hat und den ich nicht verschuldet habe, es sind die so genannten Freiheiten, die mir wie allen anderen aufdringlich angeboten werden, die aber keine ernstzunehmenden Freiheiten sind.

Was sagt das ĂŒber einen Zustand aus, ĂŒber diesen Zustand, wenn dir diejenigen, die ihn so vehement verteidigen, als Alternative nichts weiter anzubieten haben als den Tod? Geh unter oder fĂŒge dich, die Wahl ist Kollaps oder Kollaboration, also betrachte ich diese Menschen mit einer wachsenden Distanz, als wĂ€ren sie Gehilfen einer feindseligen Besatzungsmacht. Selbst noch, wenn ich rationale GrĂŒnde prĂ€sentiere, warum ich mich in diese Welt nicht einfĂŒgen möchte, warum ich mich an ihren AblĂ€ufen nicht beteiligen will, werde ich des unvernĂŒnftigen Verhaltens beschuldigt, als hĂ€tte man den Maßstab einfach umgekehrt. »Reiß dich zusammen«, lautet das dauernde Diktat, und sie begreifen den Befehl als Tugend, wie sie das wohl auch dem Schnorrer in der FußgĂ€ngerzone antworten wĂŒrden, der sie bloß nach etwas Kleingeld fragt, doch wenn der sich letztlich fĂŒr Verweigerung und gegen Kapitulation entscheidet, so ist mir dessen Konsequenz allemal sympathischer als der erhobene Zeigefinger derjenigen, die mir erzĂ€hlen wollen, das Problem sei eine Frage meiner eigenen Befindlichkeit. Ich fĂŒhle mich einsam, wenn ich unter solchen Menschen bin. Kraft Geburt erhielt ich das Recht, ich selbst zu sein, doch seitdem wird es mir auf diese Art verwehrt.

Mit jedem zusĂ€tzlichen Wort ließen mich diese und Ă€hnliche Antworten ein kleines bisschen unglĂŒcklicher werden, bis ich mich schließlich auf die Suche nach etwas Anderem begab, nach einem schöneren und glĂŒcklicheren Leben in einer schöneren und glĂŒcklicheren Welt. Trotz all des Hohns und der stĂ€ndigen Entmutigungen habe ich etwas Besseres gefunden als den Tod, etwas Hoffnungsvolleres als Kapitulation. Etwas, das sich all jene, die mir derartige Antworten geben oder so genannte RatschlĂ€ge erteilen, niemals hĂ€tten trĂ€umen lassen. Etwas, das ich sogar selbst vor wenigen Monaten noch fĂŒr nahezu unmöglich gehalten hĂ€tte. Ohne viel GepĂ€ck verschwand ich eines ganz normalen Tages aus dem, was ich bis dahin mein Leben genannt hatte, ich ging fort, ohne große ReiseplĂ€ne zu schmieden, und ließ ein fĂŒr alle Mal zurĂŒck, was mich schon viel zu lange unglĂŒcklich gemacht hatte. Ich fand einen Ort, an dem die Menschen anders sind, Menschen, denen es Ă€hnlich geht wie mir. Ich schloss mich ihnen an, hier fand ich meine Heimat.

Wo ich nun lebe, gibt es keine Armut, weil jeder einzelne von uns im Reichtum schwimmt, denn wir haben uns gegenseitig und alles Notwendige, das man zum Leben wirklich braucht. Es gibt keine zweihundert Fernsehprogramme, keine teuren Sportwagen und keine goldenen WasserhĂ€hne, dafĂŒr aber SolidaritĂ€t, Vertrauen und Freiheit; keinen materiellen Überfluss, jedoch auch keinen Verzicht, weil das eine mit dem anderen nicht zusammenhĂ€ngt. Wir haben hier kein Geld, kein Gehalt, weil wir es nicht brauchen, und wir beugen uns keinen Herrschern, weil wir nicht lĂ€nger Beherrschte sein möchten. Wir kennen keine Arbeitslosigkeit, keinen Terrorismus und keine Paranoia. Niemand wird zu seinem Tun gezwungen, keiner muss sich einem anderen irgendwie unterordnen, es gibt weder Chefs noch Hierarchien, es werden keine Befehle gegeben und kein Gehorsam verlangt. Wir sind Gleiche unter Gleichen. Es existiert kein MilitĂ€r, keine Polizei, niemand trĂ€gt Waffen oder baut Mauern und ZĂ€une um sich herum. Wir gehen aufeinander zu, anstatt uns gegenseitig die SchĂ€del einzuschlagen, treffen Entscheidungen, indem wir alle gleichberechtigt darin einbeziehen, wir haben MitgefĂŒhl und zeigen den gebĂŒhrenden Respekt, sowohl im Umgang miteinander als auch gegenĂŒber dem, was uns umgibt. Wir nehmen uns so viel wir brauchen, aber wir zerstören nicht, wir beuten nicht aus, weder uns selbst noch das, wovon wir leben. Das Unwohlsein ĂŒber die NormalitĂ€ten jener Welt, die wir allesamt zurĂŒckließen, die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, diese Spannung zwischen dem, was ist, und den eigenen GefĂŒhlen, wird hier nicht als Krankheit empfunden. Hier bin ich glĂŒcklich. Hier. Endlich.

„Wir stehen vor einem RĂ€tsel“, erklĂ€rte der junge Arzt im Kreis seiner Kollegen. „Kein Wort, keine einzige Reaktion. Seit Monaten ist er in diesem Zustand, obwohl wir keine neurologische Ursache feststellen können. Im Gegenteil: Die AktivitĂ€t in seinem Gehirn ist bemerkenswert.“


Jul 13 2011

Schule als Ideologie

Betrachtet man die Entwicklungsdynamik von Bildungssystemen, dann drĂ€ngt sich die Vermutung auf, dass die Schule selbst sozial selektiv auf die Sozialisationspraktiken einwirkt und systematisch die Praktiken bestimmter Bevölkerungsgruppen abwertet. Sie entwickelt formale Leistungskriterien, die sich als unfĂ€hig erweisen, die Differenz milieuspezifischer Erfahrungen und BefĂ€higungen zu erkennen, sondern ganz im Gegenteil einer unflexiblen und notwendig diskriminierenden Defizitlogik verhaftet bleiben. Gemessen wird daher nicht das Können, sondern die Abweichung des Könnens von den politisch gesetzten Leistungsstandards. Eine solche Bewertungslogik dient nicht der Bildung des einzelnen, sondern allein der Selektion Heranwachsender. Diese Bewertungslogik entfaltet ihre verheerende Wirkung auf die Betroffenen nicht nur dadurch, dass sie den Heranwachsenden bestimmte Optionen der Entwicklung bzw. der Entfaltung ihrer Persönlichkeit vorenthĂ€lt. Mehr noch: Die SchĂŒler werden im Hinblick auf ihre je eigene LeistungsfĂ€higkeit und in der WertschĂ€tzung ihrer Person systematisch abgewertet, degradiert und damit zu quasi-pathologischen FĂ€llen einer Gesellschaft, die am Wohlergehen ihrer Kinder oftmals nur dann ein Interesse zu haben scheint, wenn diese aus „gutem“ Hause kommen.
(Matthias Grundmann – HandlungsbefĂ€higung und Milieu)


Jul 11 2011

Der Wahnsinn der NormalitÀt

Was Psychiatrie und Psychologie als Geisteskrankheit vorfĂŒhren, ist an die Vorstellung gebunden, daß es sich dabei um zunehmenden RealitĂ€tsverlust handelt. Mehr oder weniger RealitĂ€tsbezug – danach wird alles menschliche Verhalten klassifiziert. »RealitĂ€t« wird dabei ausschließlich als Ă€ußere RealitĂ€t verstanden.
In der Tat ist der RealitĂ€tsbezug – sein Fehlen oder der Grad der Ergebenheit an die Ă€ußere RealitĂ€t – ein Raster, in das man Menschen einordnen kann und das uns ermöglicht, eine Klassifizierung vorzunehmen vom psychotischen Verhalten ĂŒber die Neurose zur NormalitĂ€t. Doch ein solches Schema verdeckt, daß es auch noch eine andere Art von Krankheit gibt, die viel gefĂ€hrlicher ist als die, die vom Verlust des RealitĂ€tsbezugs gekennzeichnet ist.
Diese andere Art von Krankheit zu sehen erfordert einen Wechsel der Blickrichtung und eine Abkehr von den herkömmlichen Kategorien. Dann wird man sehen, daß sich hinter der Orientierung an der »RealitĂ€t«, die gemeinhin das Kriterium fĂŒr Gesundheit ist, eine tiefere und weniger augenfĂ€llige Pathologie verbirgt: die des »normalen« Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst.
(Arno Gruen – Der Wahnsinn der NormalitĂ€t)