Gedan­ken & Soziologie

Die Sozio­lo­gie wäre nicht eine Stun­de Mühe wert, wenn sie ein für Exper­ten reser­vier­tes Wis­sen von Exper­ten wäre. (Pierre Bourdieu)

Neu­es­te Einträge

Was ist bloß mit mir los?

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»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer…
Eine Hand hält einen positiven Covid-Schnelltest. Im Hintergrund liegt die Packung des Tests.Meda­kit Ltd via Unsplash

Covid gibt es nicht – war­um alle immer nur erkäl­tet sind

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Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein…

Wohin mit den gan­zen Wörtern?

Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast? Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für…

Sozia­le Medi­en als Eindringling

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Vor etwas mehr als acht Mona­ten fand ich dank Twit­ter die tolls­te Frau der Welt. Alles begann mit zwei belang­lo­sen Tweets, auf die der jeweils ande­re reagier­te. Aus Rep­lys wur­den bald Direkt­nach­rich­ten und schließ­lich der Gedan­ke an ein Tref­fen.…

Die Maschi­ne­rie des Staates

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Die moder­ne Geschich­te hat, den­ke ich, hin­rei­chend bewie­sen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen das tut, was man ihm sagt; und, ver­zeiht mir, die Wahr­schein­lich­keit ist gering, dass ihr die Aus­nah­me seid – so…

Schu­le – eine kri­ti­sche Funktionsbetrachtung

Ange­sichts der ernüch­tern­den Ergeb­nis­se der unter den gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den durch­ge­führ­ten Bemü­hun­gen, die sozia­len Chan­cen­un­gleich­hei­ten im Bil­dungs­sys­tem abzu­bau­en, ist der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wel­che Funk­ti­on das Schul­sys­tem…

Bil­dungs­ent­schei­dun­gen als Habitus-Handlungen

„In der Regel feh­len denen, die über Bil­dungs­ka­pi­tal in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ver­fü­gen, die ›rich­ti­gen‹ Infor­ma­tio­nen für eine in die höchs­ten Posi­tio­nen füh­ren­de Bil­dungs­in­ves­ti­ti­on, es fehlt ihnen die Ver­traut­heit mit den Struk­tu­ren…

Bil­dung bekämpft Armut?

„Kin­der aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en gehö­ren zwar zu den größ­ten Bildungsverlierer(inne)n, ihre Armut basiert jedoch sel­ten auf fal­schen oder feh­len­den Schul­ab­schlüs­sen, denn die Letz­te­ren sind höchs­tens Aus­lö­ser und Ver­stär­ker,…
Das Bild besteht aus zwei Panels, die nebeneinander stehen. In beiden Szenen versuchen drei Personen unterschiedlicher Körpergröße, über einen Holzzaun ein Baseballspiel zu verfolgen. Linkes Panel "Equality" (Gleichheit): Die Situation: Jede der drei Personen steht auf genau einer Holzkiste. Die große Person steht weit über dem Zaun und hat eine perfekte Sicht. Die mittelgroße Person kann gerade so über den Zaun schauen. Die kleine Person starrt direkt gegen die Bretter des Zauns und kann nichts vom Spiel sehen. Rechtes Panel "Equity" (Gerechtigkeit ): Die Kisten wurden basierend auf dem individuellen Bedarf verteilt. Die große Person benötigt keine Hilfe und steht nun ohne Kiste auf dem Boden (sie kann immer noch alles sehen). Die mittelgroße Person steht weiterhin auf einer Kiste. Die kleine Person hat nun zwei Kisten übereinander gestapelt bekommen. Alle drei Personen befinden sich nun auf der gleichen Augenhöhe über der Oberkante des Zauns. Jeder kann das Spiel gleichermaßen genießen.Inter­ac­tion Insti­tu­te for Social Chan­ge | Artist: Angus Maguire

Das Mär­chen von der Leistungsgesellschaft

Leis­tungs­ge­sell­schaft oder Meri­to­kra­tie bedeu­tet sinn­ge­mäß eine „Herr­schafts­ord­nung nach Maß­ga­be von Bega­bung und Leis­tungs­fä­hig­keit des Ein­zel­nen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39), wonach sozia­le Unter­schie­de nicht per se als unge­recht…

Bil­dung – mehr als nur Schulbildung

Wäh­rend Bil­dung „im tra­di­tio­nel­len Sin­ne (…) als die erar­bei­ten­de und aneig­nen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt schlecht­hin und Inbe­griff der Selbst­ver­wirk­li­chung des Mensch­li­chen im Men­schen“ (Büch­ner, 2003, S. 7) ver­stan­den wird,…

Öko­no­mi­sches, kul­tu­rel­les und sozia­les Kapital

Im Kon­text des Habi­tus­kon­zepts und der Bour­dieu­schen Milieu­for­schung ist von öko­no­mi­schem, kul­tu­rel­lem sowie sozia­lem Kapi­tal die Rede. Um die­se ver­schie­de­nen For­men des Kapi­tals, die bei Bour­dieu zur Spra­che kom­men, zu betrach­ten, ist es zunächst…

Habi­tus, Her­kunft und Bildungserfolg

(Re-)Produktion und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­heit durch das Bil­dungs­sys­tem Obwohl es sich bei Bil­dungs­un­gleich­heit um eines der kon­ti­nu­ier­lich behan­del­ten The­men der sozio­lo­gi­schen For­schung han­delt, fris­te­te es im öffent­li­chen Bewusst­sein…

Die kom­men­den Tage (2)

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Vor etwas mehr als einem hal­ben Jahr habe ich im Bei­trag »Die kom­men­den Tage« die sozia­len Fol­gen der anhal­ten­den Kri­se sowie die auf­kei­men­den Pro­tes­te der Occu­py- als auch ande­rer Bewe­gun­gen skiz­ziert und ver­sucht, deren wei­te­re Ent­wick­lung…

Kri­tik macht einsam

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Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Sys­tem und sei­ner Pro­pa­gan­da macht ein­sam. Denn in aller Regel zieht ja das sozia­le Umfeld (Kol­le­gen, Fami­lie, Freun­de, Part­ner etc.) nicht mit, wenn einer anfängt, herr­schen­de Ideo­lo­gien in Fra­ge zu stel­len.…

Die kom­men­den Tage

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Wir leben in tur­bu­len­ten Zei­ten. Der Kapi­ta­lis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, fin­det sein Ende – auf die eine oder auf die ande­re Art. Anstatt die Kri­se aber als Bedro­hung und das Schei­tern des Kapi­ta­lis­mus als Unter­gang der Welt wahr­zu­neh­men,…

Was die Leh­rer für Leis­tung halten

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Die Zeit bis zum Schul­jah­res-Ende ver­geht. Ich bil­de mir ein, ich leis­te in die­ser Zeit etwas. Aber mit Leis­tung kann einer dies und der ande­re das mei­nen. Ich bin der Mei­nung, ich leis­te etwas, was die Leh­rer für Leis­tung hal­ten. Für mei­nen…

Sym­bo­li­sche Gewalt (2)

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Die [gesell­schaft­lich] glei­cher­ma­ßen erfahr­ba­ren For­men struk­tu­rel­ler und sym­bo­li­scher Gewalt wer­den für die Deklas­sier­ten und Dequa­li­fi­zier­ten umso leid­vol­ler und ent­waff­nen­der, als sie unter den Vor­zei­chen und Ver­hei­ßun­gen einer an indi­vi­du­el­ler…

Arbeit ver­höhnt Freiheit

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Arbeit ver­höhnt die Frei­heit. Offi­zi­ell kön­nen wir uns glück­lich schät­zen, von Rechts­staat und Demo­kra­tie umge­ben zu sein. Ande­re arme Unglück­li­che, die nicht so frei sind wie wir, müs­sen in Poli­zei­staa­ten leben. Die­se Opfer fol­gen Befeh­len,…

Mehr des­sel­ben

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Unter einer Stra­ßen­la­ter­ne steht ein Betrun­ke­ner und sucht und sucht. Ein Poli­zist kommt daher, fragt ihn, was er ver­lo­ren habe, und der Mann ant­wor­tet: »Mei­nen Schlüs­sel«. Nun suchen bei­de. Schließ­lich will der Poli­zist wis­sen, ob der…

Sozia­ler Raum und sozia­le Felder

Zen­tral für das Kon­zept des sozia­len Raums und der sozia­len Fel­der ist das Begrei­fen der sozia­len Wirk­lich­keit als einer rela­tio­na­len. Jeder Akteur inner­halb der sozia­len Wirk­lich­keit fin­det sich an einem Punkt die­ses sozia­len Rau­mes wie­der,…

Habi­tus – Ent­ste­hung und Abgren­zung zum Kon­zept der sozia­len Rolle

Der Begriff des Habi­tus selbst ist bereits weit­aus älter als Bour­dieus Aus­ar­bei­tung des hier im Fokus ste­hen­den Kon­zepts. Ein kon­kre­ter Zeit­punkt der Ent­ste­hung des Bour­dieu­schen Habi­tus-Kon­zepts ist aller­dings nicht benenn­bar, führt er den…

Habi­tus und Komplizenschaft

„Als Ver­mitt­lungs­glied zwi­schen der Posi­ti­on oder Stel­lung inner­halb des sozia­len Rau­mes und spe­zi­fi­schen Prak­ti­ken, Vor­lie­ben, usw. fun­giert das, was ich »Habi­tus« nen­ne, das ist eine all­ge­mei­ne Grund­hal­tung, eine Dis­po­si­ti­on gegen­über…

Legi­ti­mier­ter Schwindel

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Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in…

Nor­ma­li­tät

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Noch die inhu­mans­ten Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen kön­nen als sinn­haft und attrak­tiv erlebt wer­den durch das still­schwei­gen­de Ein­ver­ständ­nis von Men­schen, die durch inhu­ma­ne Exis­tenz­be­din­gun­gen dar­auf vor­be­rei­tet wor­den sind, sie zu akzep­tie­ren. (Mar­ga­re­te…

Schu­le als Ideologie

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Betrach­tet man die Ent­wick­lungs­dy­na­mik von Bil­dungs­sys­te­men, dann drängt sich die Ver­mu­tung auf, dass die Schu­le selbst sozi­al selek­tiv auf die Sozia­li­sa­ti­ons­prak­ti­ken ein­wirkt und sys­te­ma­tisch die Prak­ti­ken bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen…

Sym­bo­li­sche Gewalt

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Das sym­bo­li­sche Kapi­tal besteht aus einem belie­bi­gen Merk­mal, Kör­per­kraft, Reich­tum, Kampf­erprobt­heit, das wie eine ech­te magi­sche Kraft sym­bo­li­sche Wir­kung ent­fal­tet, sobald es von sozia­len Akteu­ren wahr­ge­nom­men wird, die über die zum Wahr­neh­men,…

Was ist Klassenkampf?

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Wenn vom Klas­sen­kampf die Rede ist, denkt man nie­mals an sei­ne ganz all­täg­li­chen For­men, an die rück­sichts­lo­se gegen­sei­ti­ge Ver­ächt­lich­ma­chung, an die Arro­ganz, an die erdrü­cken­den Prah­le­rei­en mit dem »Erfolg« der Kin­der, mit den Feri­en,…

Ent­hül­len und demaskieren

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Die Wahr­schein­lich­keit einer Hand­lung oder eines Phä­no­mens zu ken­nen, kann auch hei­ßen, die Chan­cen jener Aktio­nen zu ver­grö­ßern, die dar­auf abzie­len, die Rea­li­sie­rung eben die­ses Phä­no­mens zu ver­hin­dern. Aber das ist nicht alles. Vie­le…

Distink­ti­on

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Was »Distink­ti­on« ist, was »Unter­schied« ist, läßt sich, so mei­ne Ansicht, immer nur rela­tiv sagen, in Bezie­hung zu ande­rem. Im Grun­de heißt »distin­gu­iert« sein: »nicht popu­lär« sein – und sonst nichts. Per Defi­ni­ti­on sind die unte­ren…

Poli­ti­scher Aktivismus

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Der poli­ti­sche Akti­vist soll­te nicht jemand sein, der Pla­ka­te klebt oder vor­ge­form­te Paro­len ver­brei­tet. Es soll­te jemand sein, der sei­ne Spra­che spricht, um etwas zu sagen, und der dies dann auch sagt. Der sich aus­drückt und der sich dafür…

Pro­blem­be­wusst­sein

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Mit Mes­sern kann man sich ver­let­zen, daher soll man sie ver­mei­den; Tür­klin­ken sind tat­säch­lich mit Bak­te­ri­en bedeckt. Wer weiß, ob man mit­ten im Sym­pho­nie­kon­zert nicht doch plötz­lich auf die Toi­let­te muß, oder ob man das Schloß beim Nach­prü­fen…

Effi­zi­en­te Herrschaft

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In den Gesell­schaf­ten, die kei­nen »self-regu­la­ting mar­ket« (Karl Pol­anyi), kein Unter­richts­sys­tem und kei­nen juris­ti­schen oder staat­li­chen Appa­rat auf­wei­sen, kön­nen sich die Herr­schafts­be­zie­hun­gen, da sie nicht den objek­ti­ven Struk­tu­ren selbst…

War­um Frei­zeit nicht Frei­heit ist

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Das Gegen­teil von Arbeit ist nicht bloß Faul­heit. (…) So sehr ich das Ver­gnü­gen der Träg­heit schät­ze, ist sie doch wohl am loh­nends­ten, wenn sie ande­ren Genuß und Zeit­ver­treib unter­bricht. Genau­so­we­nig wer­be ich für das gelenk­te und…

Umfra­gen und Demokratie

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Vie­le Intel­lek­tu­el­le tun so, als wür­den sie glau­ben, oder glau­ben wirk­lich, daß ich gegen die Demo­kra­tie Posi­ti­on bezie­he, wenn ich sage, die öffent­li­che Mei­nung exis­tiert nicht, die Umfra­gen sind gefähr­lich. Weil, sagen sie, die Umfra­gen…

An die Lieblosen

Ihr seid die lieb­lo­ses­ten Men­schen, die ich ken­ne. Ihr schaut euch Sen­dun­gen an, in denen Ande­re, die in ihrem Leben noch nie eine ernst­haf­te Part­ner­schaft erlebt haben, ein­mal von der Lie­be spre­chen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr,…

Den Tisch umwerfen

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Der [sozia­le] Raum, das sind hier die Spiel­re­geln, denen sich jeder Spie­ler beu­gen muß. Vor sich haben die Spie­ler ver­schie­den­far­bi­ge Chips auf­ge­sta­pelt, Aus­beu­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Run­den. Die unter­schied­lich gefärb­ten Chips stel­len unter­schied­li­che…

Eth­no­zen­tris­mus

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Den Kar­ren von mei­ner Hand in die sei­ne wech­selnd, erzähl­te er mir eine lus­ti­ge Geschich­te über den ers­ten Schub­kar­ren, den er je gese­hen. Das war in Sag Har­bor. Die Eig­ner des Schif­fes, so scheint es, hat­ten ihm einen gelie­hen, um sei­ne schwe­re…

Weni­ger ist mehr

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr…

Beschleu­nig­tes Leben

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Im Bewusst­sein der Zeit­lich­keit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht iden­ti­fi­ziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwi­der­lau­fen­den Kräf­ten, etwa im Ver­such, sei­ner Arbeit mit einer Beschleu­ni­gung des Lebens­ge­fühls zu begeg­nen. Mach…

In der Wahr­heit leben

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Was heißt das, »in der Wahr­heit leben«? Eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on ist ein­fach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu ver­ste­cken, nichts zu ver­heim­li­chen. Seit Franz Sabi­na kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt sei­ner Frau von einem…

Wenn jeder täte, was er für wich­tig hielte

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Wo immer näm­lich die­se Gesell­schaft nicht funk­tio­niert, wo immer sie ver­sagt, wird ihr Ver­sa­gen an den Ärms­ten offen­bar. Jede Ver­än­de­rung im sozia­len Raum, jede Ver­schär­fung des Wett­be­werbs, jede Zunah­me an Gewalt im öffent­li­chen Leben,…

Wenn die Din­ge ihre Besit­zer besitzen

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Die ursprüng­li­che Bezie­hung zu der sozia­len Welt, durch die und für die man geschaf­fen ist, ist ein Besitz­ver­hält­nis, das den Besitz des Besit­zers durch sei­ne Besitz­tü­mer impli­ziert. Wenn das Erbe sich den Erben ange­eig­net hat, wie Marx…

Kampf der Kultur

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In jeder Hin­sicht ist Kul­tur Ergeb­nis eines Kamp­fes. Das ver­steht sich von selbst, weil mit der Idee der Kul­tur auch immer die mensch­li­che Wür­de auf dem Spiel steht. Das bedeu­tet, daß in einer Klas­sen­ge­sell­schaft die­je­ni­gen, die von der Kul­tur…

Deu­tungs­ho­heit

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Der ande­re Trick besteht dar­in, dem Part­ner eben­so hef­ti­ge wie nebel­haf­te Vor­wür­fe zu machen. Wenn er dann wis­sen will, was Sie eigent­lich mei­nen, kön­nen Sie die Fal­le mit dem zusätz­li­chen Hin­weis her­me­tisch schlie­ßen: »Wenn du nicht der…

Poli­tik und Medienmacht

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Der Jour­na­lis­mus ist tat­säch­lich einer der Orte, an dem die poli­ti­sche Magie ent­steht und bestä­tigt wird. Damit Magie ent­steht (…), braucht es eine Men­ge sozia­ler Vor­aus­set­zun­gen: Zau­be­rer, Assis­ten­ten, Publi­kum usf. Und auch die Welt der…

Dunk­le Empathie

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»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche…

Zwi­schen­mensch­li­che Effizienz

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In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effi­zi­enz. Ver­steht…

Regiert sein heißt…

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Regiert sein, das heißt unter poli­zei­li­cher Über­wa­chung ste­hen, inspi­ziert, spio­niert, diri­giert, mit Geset­zen über­schüt­tet, regle­men­tiert, ein­ge­pfercht, belehrt, bepre­digt, kon­trol­liert, ein­ge­schätzt, abge­schätzt, zen­siert, kom­man­diert…

Indi­vi­dua­li­sier­te Schuld

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nahm­eli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt.…

Die Abschaf­fung der Arbeit

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Nie­mand soll­te jemals arbei­ten. Arbeit ist die Ursa­che nahe­zu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenk­li­che Übel geht aufs Arbei­ten oder auf eine fürs Arbei­ten ein­ge­rich­te­te Welt zurück. Um das Lei­den zu been­den, müs­sen wir auf­hö­ren…

Da kann man nichts tun

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In einem sei­ner Fil­me, The Fatal Glass of Beer, zeigt ein Alt­meis­ter der ame­ri­ka­ni­schen Film­ko­mik, W. C. Fields, den erschröck­li­chen, unauf­halt­sa­men Nie­der­gang eines jun­gen Man­nes, der der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen kann, sein ers­tes Glas…

Die Ideo­lo­gie natür­li­cher Begabung

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Zu mei­nen, wenn man allen glei­che wirt­schaft­li­che Mit­tel bereit­stel­le, gäbe man auch allen, sofern sie die uner­läß­li­che „Bega­bung“ mit­bräch­ten, glei­che Chan­cen (…), hie­ße in der Ana­ly­se der Hin­der­nis­se auf hal­bem Wege ste­hen­blei­ben…

Wie das Bil­dungs­we­sen Macht verschleiert

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Will man sich davon über­zeu­gen, daß die ver­bor­gens­te und spe­zi­fischs­te Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems in der Tar­nung sei­ner objek­ti­ven Funk­ti­on, das heißt der objek­ti­ven Wahr­heit sei­ner Rela­ti­on zur Struk­tur der Klas­sen­be­zie­hun­gen steht, braucht…

Herr­schafts­ge­hil­fen

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Die erns­te Gefahr für unse­re Demo­kra­tie besteht nicht in der Exis­tenz tota­li­tä­rer frem­der Staa­ten. Sie besteht dar­in, daß in unse­ren eige­nen per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen und in unse­ren eige­nen Insti­tu­tio­nen Bedin­gun­gen herr­schen, die der Auto­ri­tät…

Was ist Soziologie?

Ein Mathe­ma­ti­ker, der eini­ge Sozio­lo­gie-Ver­an­stal­tun­gen besuch­te, resü­mier­te bei­des wie folgt: Wäh­rend ihm die Mathe­ma­tik mehr oder min­der ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten lie­fe­re, zumin­dest aber meist Ant­wor­ten, und ihm gleich­zei­tig als Bezugs­punkt…

Hedo­nis­mus der Not

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Gegen­über der ima­gi­nä­ren Anthro­po­lo­gie der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, die sich noch nie der For­mu­lie­rung uni­ver­sel­ler Geset­ze der »zeit­li­chen Prä­fe­renz« ent­schla­gen konn­te, ist dar­an zu erin­nern, daß die jewei­li­ge Geneigt­heit zur Unter­ord­nung…

Die Dop­­pel­stock­­wa­­gen-Gesel­l­­schaft

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In der Regio­nal­bahn, eine wah­re Bege­ben­heit. Zwei älte­re Her­ren betre­ten den Dop­pel­stock­wa­gen und suchen sich einen Sitz­platz im obe­ren Bereich: #1: Das sind doch schö­ne Plät­ze. Ich mag es hier oben. #2: Aber du weißt: Wenn man erst…

Refle­xi­on

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Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen,…

Men­schen ändern sich

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den. (Sokra­tes) In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit…

Die Welt so sehen, wie sie ist

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Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich…

For­ma­le Gleich­heit als Herrschaftsinstrument

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Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei…

Über­zeu­gungs­ar­beit

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Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesell­schafts-Talk­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on…

Arbeit­ge­ber­fil­ter

Viel liest man über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die es haben kann, füt­tert man sozia­le Netz­wer­ke, die eige­ne Home­page oder Blogs mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen. Wenn­gleich vie­les davon auch zutref­fend ist und die opti­mier­te Selbst­in­sze­nie­rung…

Stö­ren­des Hintergrundrauschen

Seit Jah­ren schon möch­te ich ein Buch über etwas schrei­ben, das mir sehr am Her­zen liegt. Oder wenigs­tens ein PDF mit vie­len Sei­ten. Der Ursprung die­ses Wun­sches liegt in mitt­ler­wei­le schon nicht mehr fass­ba­rer Ver­gan­gen­heit, doch einen ernst­haf­ten…

Spie­ßig­keit

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Man kann im Prenz­lau­er Berg ein­fach im lin­ken Habi­tus wei­ter­le­ben. Das ist ja das Schö­ne. Man kann sich tole­rant füh­len, weil Tole­ranz nicht auf die Pro­be gestellt wird. (…) Der Schrift­stel­ler Maxim Bil­ler nennt den Prenz­lau­er Berg mitt­ler­wei­le…

Selbst­ver­mark­tung mul­ti­pler Persönlichkeiten

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Sie haben sich immer über die bie­de­ren Schlips­trä­ger und Hosen­an­zug­trä­ge­rin­nen lus­tig gemacht, die bei Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen arbei­ten oder bei ande­ren, genau­so mie­fi­gen wie lang­wei­li­gen Fir­men unter­ge­kom­men sind…

Macht das glücklich?

Für einen Arbeits­platz, den sie has­sen, für eine Aus­bil­dung, die sie gar nicht wol­len, oder sogar nur für ein Prak­ti­kum, das wohl die nie­ders­te Form der Aus­beu­tung dar­stellt, tun sie alles. Sie leug­nen ihre eige­ne Mei­nung. Sie leug­nen…

Kei­ner trägt das Leben allein

Gut ist es, an andern sich zu hal­ten. Denn kei­ner trägt das Leben allein. (Fried­rich Höl­der­lin) Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­men­schen ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Das gilt vor allem, aber nicht exklu­siv, für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Freun­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on…

Irgend­ei­ne

Das Ende des Jah­res. Mit eini­gen Freun­den und Bekann­ten ging ich auf eine der vie­len Sil­ves­ter­par­tys in die­ser Nacht und die Stim­mung war super. Irgend­wann im Lau­fe des Abends saß ich mit eini­gen Leu­ten her­um und unter­hielt mich mit ihnen.…

Fach­spra­che als Abgrenzung

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Was ist die gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Fach­spra­che? Ich habe gesagt, ech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sei Gemein­sam­keit und Ver­än­de­rung. Die Fach­spra­che ist nicht unschul­dig. Der Mann, der sie spricht, der vor uns von Rol­len und auf der Basis von Wech­sel­be­zie­hun­gen…

Deschoo­ling

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Edu­ca­ti­on… now seems to me per­haps the most aut­ho­ri­ta­ri­an and dan­ge­rous of all the social inven­ti­ons of man­kind. It is the deepest foun­da­ti­on of the modern slave sta­te, in which most peo­p­le feel them­sel­ves to be not­hing but pro­du­cers, con­su­mers,…

Sei doch mal konstruktiv

Wenn man dir linier­tes Papier gibt, schrei­be quer über die Zei­len. (Juan Ramón Jimé­nez) Ich kann die­sen dum­men Spruch nicht mehr hören: Sei doch mal kon­struk­tiv! Wie­so näm­lich soll­te ich kon­struk­tiv sein, mich also irgend­wie an der…

Arbeit ist Scheiße!

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Arbeit ist Schei­ße! Bei die­ser Aus­sa­ge han­delt es sich um eine selbst­ver­ständ­li­che Tat­sa­che, und wäre spe­zi­ell die deut­sche Gesell­schaft nicht so ver­blö­det, müß­te man sich schä­men, eine sol­che Bana­li­tät zu Papier zu brin­gen. Wie fort­ge­schrit­ten…
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Was ist bloß mit mir los?

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»Mei­ne Wohl­tä­te­rin Rachel Soko­low«, begann Isma­el, »zähl­te im Col­lege einen jun­gen Mann namens Jef­frey zu ihren Freun­den, des­sen Vater ein rei­cher Chir­urg war. Jef­frey wur­de im Leben vie­ler Men­schen damals und auch spä­ter zu einer…
Eine Hand hält einen positiven Covid-Schnelltest. Im Hintergrund liegt die Packung des Tests.Meda­kit Ltd via Unsplash

Covid gibt es nicht – war­um alle immer nur erkäl­tet sind

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Mei­nen Eltern war es seit Pan­de­mie­be­ginn gelun­gen, sich von Coro­na fern­zu­hal­ten, denn sie waren sehr vor­sich­tig. Sie tru­gen Mas­ken, sie tes­te­ten sich regel­mä­ßig, sie mie­den grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen und schaff­ten es auf die­se Art, sich kein…

Wohin mit den gan­zen Wörtern?

Fragst Du Dich auch manch­mal, was mit den gan­zen Wör­tern pas­siert, die Du im Lau­fe des Tages nicht gespro­chen oder geschrie­ben hast? Ich stel­le mir ger­ne vor, dass ich für man­ches ein täg­li­ches oder wöchent­li­ches Kon­tin­gent habe, z.B. für…

Sozia­le Medi­en als Eindringling

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Vor etwas mehr als acht Mona­ten fand ich dank Twit­ter die tolls­te Frau der Welt. Alles begann mit zwei belang­lo­sen Tweets, auf die der jeweils ande­re reagier­te. Aus Rep­lys wur­den bald Direkt­nach­rich­ten und schließ­lich der Gedan­ke an ein Tref­fen.…

Die Maschi­ne­rie des Staates

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Die moder­ne Geschich­te hat, den­ke ich, hin­rei­chend bewie­sen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen das tut, was man ihm sagt; und, ver­zeiht mir, die Wahr­schein­lich­keit ist gering, dass ihr die Aus­nah­me seid – so…

Schu­le – eine kri­ti­sche Funktionsbetrachtung

Ange­sichts der ernüch­tern­den Ergeb­nis­se der unter den gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Umstän­den durch­ge­führ­ten Bemü­hun­gen, die sozia­len Chan­cen­un­gleich­hei­ten im Bil­dungs­sys­tem abzu­bau­en, ist der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wel­che Funk­ti­on das Schul­sys­tem…

Bil­dungs­ent­schei­dun­gen als Habitus-Handlungen

„In der Regel feh­len denen, die über Bil­dungs­ka­pi­tal in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ver­fü­gen, die ›rich­ti­gen‹ Infor­ma­tio­nen für eine in die höchs­ten Posi­tio­nen füh­ren­de Bil­dungs­in­ves­ti­ti­on, es fehlt ihnen die Ver­traut­heit mit den Struk­tu­ren…

Bil­dung bekämpft Armut?

„Kin­der aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en gehö­ren zwar zu den größ­ten Bildungsverlierer(inne)n, ihre Armut basiert jedoch sel­ten auf fal­schen oder feh­len­den Schul­ab­schlüs­sen, denn die Letz­te­ren sind höchs­tens Aus­lö­ser und Ver­stär­ker,…
Das Bild besteht aus zwei Panels, die nebeneinander stehen. In beiden Szenen versuchen drei Personen unterschiedlicher Körpergröße, über einen Holzzaun ein Baseballspiel zu verfolgen. Linkes Panel "Equality" (Gleichheit): Die Situation: Jede der drei Personen steht auf genau einer Holzkiste. Die große Person steht weit über dem Zaun und hat eine perfekte Sicht. Die mittelgroße Person kann gerade so über den Zaun schauen. Die kleine Person starrt direkt gegen die Bretter des Zauns und kann nichts vom Spiel sehen. Rechtes Panel "Equity" (Gerechtigkeit ): Die Kisten wurden basierend auf dem individuellen Bedarf verteilt. Die große Person benötigt keine Hilfe und steht nun ohne Kiste auf dem Boden (sie kann immer noch alles sehen). Die mittelgroße Person steht weiterhin auf einer Kiste. Die kleine Person hat nun zwei Kisten übereinander gestapelt bekommen. Alle drei Personen befinden sich nun auf der gleichen Augenhöhe über der Oberkante des Zauns. Jeder kann das Spiel gleichermaßen genießen.Inter­ac­tion Insti­tu­te for Social Chan­ge | Artist: Angus Maguire

Das Mär­chen von der Leistungsgesellschaft

Leis­tungs­ge­sell­schaft oder Meri­to­kra­tie bedeu­tet sinn­ge­mäß eine „Herr­schafts­ord­nung nach Maß­ga­be von Bega­bung und Leis­tungs­fä­hig­keit des Ein­zel­nen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39), wonach sozia­le Unter­schie­de nicht per se als unge­recht…

Bil­dung – mehr als nur Schulbildung

Wäh­rend Bil­dung „im tra­di­tio­nel­len Sin­ne (…) als die erar­bei­ten­de und aneig­nen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt schlecht­hin und Inbe­griff der Selbst­ver­wirk­li­chung des Mensch­li­chen im Men­schen“ (Büch­ner, 2003, S. 7) ver­stan­den wird,…

Öko­no­mi­sches, kul­tu­rel­les und sozia­les Kapital

Im Kon­text des Habi­tus­kon­zepts und der Bour­dieu­schen Milieu­for­schung ist von öko­no­mi­schem, kul­tu­rel­lem sowie sozia­lem Kapi­tal die Rede. Um die­se ver­schie­de­nen For­men des Kapi­tals, die bei Bour­dieu zur Spra­che kom­men, zu betrach­ten, ist es zunächst…

Habi­tus, Her­kunft und Bildungserfolg

(Re-)Produktion und Legi­ti­ma­ti­on sozia­ler Ungleich­heit durch das Bil­dungs­sys­tem Obwohl es sich bei Bil­dungs­un­gleich­heit um eines der kon­ti­nu­ier­lich behan­del­ten The­men der sozio­lo­gi­schen For­schung han­delt, fris­te­te es im öffent­li­chen Bewusst­sein…

Die kom­men­den Tage (2)

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Vor etwas mehr als einem hal­ben Jahr habe ich im Bei­trag »Die kom­men­den Tage« die sozia­len Fol­gen der anhal­ten­den Kri­se sowie die auf­kei­men­den Pro­tes­te der Occu­py- als auch ande­rer Bewe­gun­gen skiz­ziert und ver­sucht, deren wei­te­re Ent­wick­lung…

Kri­tik macht einsam

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Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Sys­tem und sei­ner Pro­pa­gan­da macht ein­sam. Denn in aller Regel zieht ja das sozia­le Umfeld (Kol­le­gen, Fami­lie, Freun­de, Part­ner etc.) nicht mit, wenn einer anfängt, herr­schen­de Ideo­lo­gien in Fra­ge zu stel­len.…

Die kom­men­den Tage

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Wir leben in tur­bu­len­ten Zei­ten. Der Kapi­ta­lis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, fin­det sein Ende – auf die eine oder auf die ande­re Art. Anstatt die Kri­se aber als Bedro­hung und das Schei­tern des Kapi­ta­lis­mus als Unter­gang der Welt wahr­zu­neh­men,…

Was die Leh­rer für Leis­tung halten

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Die Zeit bis zum Schul­jah­res-Ende ver­geht. Ich bil­de mir ein, ich leis­te in die­ser Zeit etwas. Aber mit Leis­tung kann einer dies und der ande­re das mei­nen. Ich bin der Mei­nung, ich leis­te etwas, was die Leh­rer für Leis­tung hal­ten. Für mei­nen…

Sym­bo­li­sche Gewalt (2)

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Die [gesell­schaft­lich] glei­cher­ma­ßen erfahr­ba­ren For­men struk­tu­rel­ler und sym­bo­li­scher Gewalt wer­den für die Deklas­sier­ten und Dequa­li­fi­zier­ten umso leid­vol­ler und ent­waff­nen­der, als sie unter den Vor­zei­chen und Ver­hei­ßun­gen einer an indi­vi­du­el­ler…

Arbeit ver­höhnt Freiheit

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Arbeit ver­höhnt die Frei­heit. Offi­zi­ell kön­nen wir uns glück­lich schät­zen, von Rechts­staat und Demo­kra­tie umge­ben zu sein. Ande­re arme Unglück­li­che, die nicht so frei sind wie wir, müs­sen in Poli­zei­staa­ten leben. Die­se Opfer fol­gen Befeh­len,…

Mehr des­sel­ben

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Unter einer Stra­ßen­la­ter­ne steht ein Betrun­ke­ner und sucht und sucht. Ein Poli­zist kommt daher, fragt ihn, was er ver­lo­ren habe, und der Mann ant­wor­tet: »Mei­nen Schlüs­sel«. Nun suchen bei­de. Schließ­lich will der Poli­zist wis­sen, ob der…

Sozia­ler Raum und sozia­le Felder

Zen­tral für das Kon­zept des sozia­len Raums und der sozia­len Fel­der ist das Begrei­fen der sozia­len Wirk­lich­keit als einer rela­tio­na­len. Jeder Akteur inner­halb der sozia­len Wirk­lich­keit fin­det sich an einem Punkt die­ses sozia­len Rau­mes wie­der,…

Habi­tus – Ent­ste­hung und Abgren­zung zum Kon­zept der sozia­len Rolle

Der Begriff des Habi­tus selbst ist bereits weit­aus älter als Bour­dieus Aus­ar­bei­tung des hier im Fokus ste­hen­den Kon­zepts. Ein kon­kre­ter Zeit­punkt der Ent­ste­hung des Bour­dieu­schen Habi­tus-Kon­zepts ist aller­dings nicht benenn­bar, führt er den…

Habi­tus und Komplizenschaft

„Als Ver­mitt­lungs­glied zwi­schen der Posi­ti­on oder Stel­lung inner­halb des sozia­len Rau­mes und spe­zi­fi­schen Prak­ti­ken, Vor­lie­ben, usw. fun­giert das, was ich »Habi­tus« nen­ne, das ist eine all­ge­mei­ne Grund­hal­tung, eine Dis­po­si­ti­on gegen­über…

Legi­ti­mier­ter Schwindel

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Die sym­bo­li­sche Macht ist eine Macht, die in dem Maße exis­tiert, wie es ihr gelingt, sich aner­ken­nen zu las­sen, sich Aner­ken­nung zu ver­schaf­fen; d.h. eine (öko­no­mi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le oder ande­re) Macht, die die Macht hat, sich in…

Nor­ma­li­tät

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Noch die inhu­mans­ten Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen kön­nen als sinn­haft und attrak­tiv erlebt wer­den durch das still­schwei­gen­de Ein­ver­ständ­nis von Men­schen, die durch inhu­ma­ne Exis­tenz­be­din­gun­gen dar­auf vor­be­rei­tet wor­den sind, sie zu akzep­tie­ren. (Mar­ga­re­te…

Schu­le als Ideologie

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Betrach­tet man die Ent­wick­lungs­dy­na­mik von Bil­dungs­sys­te­men, dann drängt sich die Ver­mu­tung auf, dass die Schu­le selbst sozi­al selek­tiv auf die Sozia­li­sa­ti­ons­prak­ti­ken ein­wirkt und sys­te­ma­tisch die Prak­ti­ken bestimm­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen…

Sym­bo­li­sche Gewalt

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Das sym­bo­li­sche Kapi­tal besteht aus einem belie­bi­gen Merk­mal, Kör­per­kraft, Reich­tum, Kampf­erprobt­heit, das wie eine ech­te magi­sche Kraft sym­bo­li­sche Wir­kung ent­fal­tet, sobald es von sozia­len Akteu­ren wahr­ge­nom­men wird, die über die zum Wahr­neh­men,…

Was ist Klassenkampf?

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Wenn vom Klas­sen­kampf die Rede ist, denkt man nie­mals an sei­ne ganz all­täg­li­chen For­men, an die rück­sichts­lo­se gegen­sei­ti­ge Ver­ächt­lich­ma­chung, an die Arro­ganz, an die erdrü­cken­den Prah­le­rei­en mit dem »Erfolg« der Kin­der, mit den Feri­en,…

Ent­hül­len und demaskieren

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Die Wahr­schein­lich­keit einer Hand­lung oder eines Phä­no­mens zu ken­nen, kann auch hei­ßen, die Chan­cen jener Aktio­nen zu ver­grö­ßern, die dar­auf abzie­len, die Rea­li­sie­rung eben die­ses Phä­no­mens zu ver­hin­dern. Aber das ist nicht alles. Vie­le…

Distink­ti­on

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Was »Distink­ti­on« ist, was »Unter­schied« ist, läßt sich, so mei­ne Ansicht, immer nur rela­tiv sagen, in Bezie­hung zu ande­rem. Im Grun­de heißt »distin­gu­iert« sein: »nicht popu­lär« sein – und sonst nichts. Per Defi­ni­ti­on sind die unte­ren…

Poli­ti­scher Aktivismus

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Der poli­ti­sche Akti­vist soll­te nicht jemand sein, der Pla­ka­te klebt oder vor­ge­form­te Paro­len ver­brei­tet. Es soll­te jemand sein, der sei­ne Spra­che spricht, um etwas zu sagen, und der dies dann auch sagt. Der sich aus­drückt und der sich dafür…

Pro­blem­be­wusst­sein

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Mit Mes­sern kann man sich ver­let­zen, daher soll man sie ver­mei­den; Tür­klin­ken sind tat­säch­lich mit Bak­te­ri­en bedeckt. Wer weiß, ob man mit­ten im Sym­pho­nie­kon­zert nicht doch plötz­lich auf die Toi­let­te muß, oder ob man das Schloß beim Nach­prü­fen…

Effi­zi­en­te Herrschaft

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In den Gesell­schaf­ten, die kei­nen »self-regu­la­ting mar­ket« (Karl Pol­anyi), kein Unter­richts­sys­tem und kei­nen juris­ti­schen oder staat­li­chen Appa­rat auf­wei­sen, kön­nen sich die Herr­schafts­be­zie­hun­gen, da sie nicht den objek­ti­ven Struk­tu­ren selbst…

War­um Frei­zeit nicht Frei­heit ist

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Das Gegen­teil von Arbeit ist nicht bloß Faul­heit. (…) So sehr ich das Ver­gnü­gen der Träg­heit schät­ze, ist sie doch wohl am loh­nends­ten, wenn sie ande­ren Genuß und Zeit­ver­treib unter­bricht. Genau­so­we­nig wer­be ich für das gelenk­te und…

Umfra­gen und Demokratie

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Vie­le Intel­lek­tu­el­le tun so, als wür­den sie glau­ben, oder glau­ben wirk­lich, daß ich gegen die Demo­kra­tie Posi­ti­on bezie­he, wenn ich sage, die öffent­li­che Mei­nung exis­tiert nicht, die Umfra­gen sind gefähr­lich. Weil, sagen sie, die Umfra­gen…

An die Lieblosen

Ihr seid die lieb­lo­ses­ten Men­schen, die ich ken­ne. Ihr schaut euch Sen­dun­gen an, in denen Ande­re, die in ihrem Leben noch nie eine ernst­haf­te Part­ner­schaft erlebt haben, ein­mal von der Lie­be spre­chen, von dem, was das nun für sie ist, und ihr,…

Den Tisch umwerfen

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Der [sozia­le] Raum, das sind hier die Spiel­re­geln, denen sich jeder Spie­ler beu­gen muß. Vor sich haben die Spie­ler ver­schie­den­far­bi­ge Chips auf­ge­sta­pelt, Aus­beu­te der vor­an­ge­gan­ge­nen Run­den. Die unter­schied­lich gefärb­ten Chips stel­len unter­schied­li­che…

Eth­no­zen­tris­mus

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Den Kar­ren von mei­ner Hand in die sei­ne wech­selnd, erzähl­te er mir eine lus­ti­ge Geschich­te über den ers­ten Schub­kar­ren, den er je gese­hen. Das war in Sag Har­bor. Die Eig­ner des Schif­fes, so scheint es, hat­ten ihm einen gelie­hen, um sei­ne schwe­re…

Weni­ger ist mehr

Sel­ten unter­neh­me ich etwas mit mehr als drei Men­schen auf ein­mal. Viel­leicht mag das unso­zi­al erschei­nen, doch für mich ist es genau das Gegen­teil. Ich mei­de Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen und blei­be Tref­fen fern, wenn abseh­bar ist, dass am Ende mehr…

Beschleu­nig­tes Leben

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Im Bewusst­sein der Zeit­lich­keit setzt sich der Knacks durch. Auch wo er nicht iden­ti­fi­ziert wird, bricht er sich Bahn in den zuwi­der­lau­fen­den Kräf­ten, etwa im Ver­such, sei­ner Arbeit mit einer Beschleu­ni­gung des Lebens­ge­fühls zu begeg­nen. Mach…

In der Wahr­heit leben

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Was heißt das, »in der Wahr­heit leben«? Eine nega­ti­ve Defi­ni­ti­on ist ein­fach: es heißt, nicht zu lügen, sich nicht zu ver­ste­cken, nichts zu ver­heim­li­chen. Seit Franz Sabi­na kennt, lebt er in der Lüge. Er erzählt sei­ner Frau von einem…

Wenn jeder täte, was er für wich­tig hielte

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Wo immer näm­lich die­se Gesell­schaft nicht funk­tio­niert, wo immer sie ver­sagt, wird ihr Ver­sa­gen an den Ärms­ten offen­bar. Jede Ver­än­de­rung im sozia­len Raum, jede Ver­schär­fung des Wett­be­werbs, jede Zunah­me an Gewalt im öffent­li­chen Leben,…

Wenn die Din­ge ihre Besit­zer besitzen

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Die ursprüng­li­che Bezie­hung zu der sozia­len Welt, durch die und für die man geschaf­fen ist, ist ein Besitz­ver­hält­nis, das den Besitz des Besit­zers durch sei­ne Besitz­tü­mer impli­ziert. Wenn das Erbe sich den Erben ange­eig­net hat, wie Marx…

Kampf der Kultur

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In jeder Hin­sicht ist Kul­tur Ergeb­nis eines Kamp­fes. Das ver­steht sich von selbst, weil mit der Idee der Kul­tur auch immer die mensch­li­che Wür­de auf dem Spiel steht. Das bedeu­tet, daß in einer Klas­sen­ge­sell­schaft die­je­ni­gen, die von der Kul­tur…

Deu­tungs­ho­heit

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Der ande­re Trick besteht dar­in, dem Part­ner eben­so hef­ti­ge wie nebel­haf­te Vor­wür­fe zu machen. Wenn er dann wis­sen will, was Sie eigent­lich mei­nen, kön­nen Sie die Fal­le mit dem zusätz­li­chen Hin­weis her­me­tisch schlie­ßen: »Wenn du nicht der…

Poli­tik und Medienmacht

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Der Jour­na­lis­mus ist tat­säch­lich einer der Orte, an dem die poli­ti­sche Magie ent­steht und bestä­tigt wird. Damit Magie ent­steht (…), braucht es eine Men­ge sozia­ler Vor­aus­set­zun­gen: Zau­be­rer, Assis­ten­ten, Publi­kum usf. Und auch die Welt der…

Dunk­le Empathie

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»Aoki war ein sehr guter Schü­ler, er hat­te fast immer die bes­te Note. Ich ging auf eine pri­va­te Jun­gen­schu­le, und Aoki war ziem­lich beliebt. Die Klas­se schätz­te ihn, und er war der Lieb­ling der Leh­rer. Aber ich konn­te sei­ne prag­ma­ti­sche…

Zwi­schen­mensch­li­che Effizienz

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In all den Dis­kus­sio­nen um die Vor- und Nach­tei­le sowie die rea­len oder nur pro­ji­zier­ten Gefah­ren sozia­ler Inter­net-Diens­te ver­mis­se ich bis­lang einen Aspekt, den ich für sehr zen­tral und für mit weit­rei­chen­den Fol­gen ver­bun­den hal­te: Effi­zi­enz. Ver­steht…

Regiert sein heißt…

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Regiert sein, das heißt unter poli­zei­li­cher Über­wa­chung ste­hen, inspi­ziert, spio­niert, diri­giert, mit Geset­zen über­schüt­tet, regle­men­tiert, ein­ge­pfercht, belehrt, bepre­digt, kon­trol­liert, ein­ge­schätzt, abge­schätzt, zen­siert, kom­man­diert…

Indi­vi­dua­li­sier­te Schuld

Ein Over­kill an Infor­ma­tio­nen, das Errei­chen des eige­nen Auf­nahm­eli­mits, Über­for­de­rung am Arbeits­platz, das Ver­zwei­feln an gesell­schaft­li­chen Zumu­tun­gen, phy­si­sche Beschwer­den – all das spielt kei­ne Rol­le, denn man hat sich an den Trott gewöhnt.…

Die Abschaf­fung der Arbeit

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Nie­mand soll­te jemals arbei­ten. Arbeit ist die Ursa­che nahe­zu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenk­li­che Übel geht aufs Arbei­ten oder auf eine fürs Arbei­ten ein­ge­rich­te­te Welt zurück. Um das Lei­den zu been­den, müs­sen wir auf­hö­ren…

Da kann man nichts tun

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In einem sei­ner Fil­me, The Fatal Glass of Beer, zeigt ein Alt­meis­ter der ame­ri­ka­ni­schen Film­ko­mik, W. C. Fields, den erschröck­li­chen, unauf­halt­sa­men Nie­der­gang eines jun­gen Man­nes, der der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen kann, sein ers­tes Glas…

Die Ideo­lo­gie natür­li­cher Begabung

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Zu mei­nen, wenn man allen glei­che wirt­schaft­li­che Mit­tel bereit­stel­le, gäbe man auch allen, sofern sie die uner­läß­li­che „Bega­bung“ mit­bräch­ten, glei­che Chan­cen (…), hie­ße in der Ana­ly­se der Hin­der­nis­se auf hal­bem Wege ste­hen­blei­ben…

Wie das Bil­dungs­we­sen Macht verschleiert

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Will man sich davon über­zeu­gen, daß die ver­bor­gens­te und spe­zi­fischs­te Funk­ti­on des Bil­dungs­sys­tems in der Tar­nung sei­ner objek­ti­ven Funk­ti­on, das heißt der objek­ti­ven Wahr­heit sei­ner Rela­ti­on zur Struk­tur der Klas­sen­be­zie­hun­gen steht, braucht…

Herr­schafts­ge­hil­fen

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Die erns­te Gefahr für unse­re Demo­kra­tie besteht nicht in der Exis­tenz tota­li­tä­rer frem­der Staa­ten. Sie besteht dar­in, daß in unse­ren eige­nen per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen und in unse­ren eige­nen Insti­tu­tio­nen Bedin­gun­gen herr­schen, die der Auto­ri­tät…

Was ist Soziologie?

Ein Mathe­ma­ti­ker, der eini­ge Sozio­lo­gie-Ver­an­stal­tun­gen besuch­te, resü­mier­te bei­des wie folgt: Wäh­rend ihm die Mathe­ma­tik mehr oder min­der ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten lie­fe­re, zumin­dest aber meist Ant­wor­ten, und ihm gleich­zei­tig als Bezugs­punkt…

Hedo­nis­mus der Not

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Gegen­über der ima­gi­nä­ren Anthro­po­lo­gie der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, die sich noch nie der For­mu­lie­rung uni­ver­sel­ler Geset­ze der »zeit­li­chen Prä­fe­renz« ent­schla­gen konn­te, ist dar­an zu erin­nern, daß die jewei­li­ge Geneigt­heit zur Unter­ord­nung…

Die Dop­­pel­stock­­wa­­gen-Gesel­l­­schaft

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In der Regio­nal­bahn, eine wah­re Bege­ben­heit. Zwei älte­re Her­ren betre­ten den Dop­pel­stock­wa­gen und suchen sich einen Sitz­platz im obe­ren Bereich: #1: Das sind doch schö­ne Plät­ze. Ich mag es hier oben. #2: Aber du weißt: Wenn man erst…

Refle­xi­on

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Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen,…

Men­schen ändern sich

Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den. (Sokra­tes) In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit…

Die Welt so sehen, wie sie ist

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Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich…

For­ma­le Gleich­heit als Herrschaftsinstrument

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Damit die am meis­ten Begüns­tig­ten begüns­tigt und die am meis­ten Benach­tei­lig­ten benach­tei­ligt wer­den, ist es not­wen­dig wie hin­rei­chend, dass die Schu­le beim ver­mit­tel­ten Unter­richts­stoff, bei den Ver­mitt­lungs­me­tho­den und ‑tech­ni­ken und bei…

Über­zeu­gungs­ar­beit

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Wenn ich eine der vie­len Polit- oder Gesell­schafts-Talk­shows sehe, womit nicht deren wenig ernst­zu­neh­men­de nach­mit­täg­li­che Deri­va­te auf den pri­va­ten Sen­dern gemeint sind, rege ich mich meist recht schnell auf. Es ist rela­tiv egal, ob die Dis­kus­si­on…

Arbeit­ge­ber­fil­ter

Viel liest man über die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, die es haben kann, füt­tert man sozia­le Netz­wer­ke, die eige­ne Home­page oder Blogs mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen. Wenn­gleich vie­les davon auch zutref­fend ist und die opti­mier­te Selbst­in­sze­nie­rung…

Stö­ren­des Hintergrundrauschen

Seit Jah­ren schon möch­te ich ein Buch über etwas schrei­ben, das mir sehr am Her­zen liegt. Oder wenigs­tens ein PDF mit vie­len Sei­ten. Der Ursprung die­ses Wun­sches liegt in mitt­ler­wei­le schon nicht mehr fass­ba­rer Ver­gan­gen­heit, doch einen ernst­haf­ten…

Spie­ßig­keit

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Man kann im Prenz­lau­er Berg ein­fach im lin­ken Habi­tus wei­ter­le­ben. Das ist ja das Schö­ne. Man kann sich tole­rant füh­len, weil Tole­ranz nicht auf die Pro­be gestellt wird. (…) Der Schrift­stel­ler Maxim Bil­ler nennt den Prenz­lau­er Berg mitt­ler­wei­le…

Selbst­ver­mark­tung mul­ti­pler Persönlichkeiten

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Sie haben sich immer über die bie­de­ren Schlips­trä­ger und Hosen­an­zug­trä­ge­rin­nen lus­tig gemacht, die bei Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen arbei­ten oder bei ande­ren, genau­so mie­fi­gen wie lang­wei­li­gen Fir­men unter­ge­kom­men sind…

Macht das glücklich?

Für einen Arbeits­platz, den sie has­sen, für eine Aus­bil­dung, die sie gar nicht wol­len, oder sogar nur für ein Prak­ti­kum, das wohl die nie­ders­te Form der Aus­beu­tung dar­stellt, tun sie alles. Sie leug­nen ihre eige­ne Mei­nung. Sie leug­nen…

Kei­ner trägt das Leben allein

Gut ist es, an andern sich zu hal­ten. Denn kei­ner trägt das Leben allein. (Fried­rich Höl­der­lin) Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­men­schen ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Das gilt vor allem, aber nicht exklu­siv, für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Freun­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on…

Irgend­ei­ne

Das Ende des Jah­res. Mit eini­gen Freun­den und Bekann­ten ging ich auf eine der vie­len Sil­ves­ter­par­tys in die­ser Nacht und die Stim­mung war super. Irgend­wann im Lau­fe des Abends saß ich mit eini­gen Leu­ten her­um und unter­hielt mich mit ihnen.…

Fach­spra­che als Abgrenzung

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Was ist die gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Fach­spra­che? Ich habe gesagt, ech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sei Gemein­sam­keit und Ver­än­de­rung. Die Fach­spra­che ist nicht unschul­dig. Der Mann, der sie spricht, der vor uns von Rol­len und auf der Basis von Wech­sel­be­zie­hun­gen…

Deschoo­ling

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Edu­ca­ti­on… now seems to me per­haps the most aut­ho­ri­ta­ri­an and dan­ge­rous of all the social inven­ti­ons of man­kind. It is the deepest foun­da­ti­on of the modern slave sta­te, in which most peo­p­le feel them­sel­ves to be not­hing but pro­du­cers, con­su­mers,…

Sei doch mal konstruktiv

Wenn man dir linier­tes Papier gibt, schrei­be quer über die Zei­len. (Juan Ramón Jimé­nez) Ich kann die­sen dum­men Spruch nicht mehr hören: Sei doch mal kon­struk­tiv! Wie­so näm­lich soll­te ich kon­struk­tiv sein, mich also irgend­wie an der…

Arbeit ist Scheiße!

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Arbeit ist Schei­ße! Bei die­ser Aus­sa­ge han­delt es sich um eine selbst­ver­ständ­li­che Tat­sa­che, und wäre spe­zi­ell die deut­sche Gesell­schaft nicht so ver­blö­det, müß­te man sich schä­men, eine sol­che Bana­li­tät zu Papier zu brin­gen. Wie fort­ge­schrit­ten…
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Alle Ein­trä­ge

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Eines der wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en, das man erler­nen soll­te, wenn man sich – ob als Sozio­lo­ge oder ganz all­ge­mein – mit gesell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen aus­ein­an­der­setzt und dabei Argu­men­ten, Sta­tis­ti­ken, Erklä­run­gen, Beschrei­bun­gen, Insti­tu­tio­nen, Tra­di­tio­nen oder Hand­lungs­wei­sen begeg­net, die auf den ers­ten Blick plau­si­bel und ein­leuch­tend erschei­nen, fasst fol­gen­de Aus­sa­ge recht prä­gnant zusammen:

I’m try­ing to break you of the habit of auto­ma­ti­cal­ly say­ing, „Yes, this makes sen­se. I’ll accept it.“ I’m try­ing to train you to pau­se and say, „Yes, this seems to make sen­se. But does it?“
(Dani­el Quinn – If They Give You Lined Paper, Wri­te Sideways)

Wir sind es gewohnt, ein der­art skep­ti­sches Ver­hal­ten an den Tag zu legen, wenn uns etwas ein wenig merk­wür­dig, zwei­fel­haft oder gar falsch vor­kommt. Weit­aus span­nen­der, weil grö­ße­ren Erkennt­nis­ge­winn ver­spre­chend, ist es aller­dings, die­ses Ver­hal­ten auch und gera­de bei den­je­ni­gen Phä­no­me­nen und Mecha­nis­men anzu­wen­den, die uns auf den ers­ten Blick, aus Gewohn­heit oder auf­grund des gesun­den Men­schen­ver­stands als durch­aus ver­nünf­tig erschei­nen – weil sie es näm­lich oft gar nicht sind, son­dern bloß so erschei­nen, da sie nie in Fra­ge gestellt werden.

Die ers­te Hand­lung des For­schers ist, die Fra­gen des gesun­den Men­schen­ver­stands (…) zu destru­ie­ren, sie völ­lig anders neu zu stellen.
(Pierre Bour­dieu – Was anfan­gen mit der Sozio­lo­gie?, in: Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht)

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Wer glaubt, etwas zu sein, hat auf­ge­hört, etwas zu wer­den.
(Sokra­tes)

In einem Pro­jekt, an dem ich bis vor cir­ca einem Jahr betei­ligt war, fiel einer der Mit­ar­bei­ter wie­der­holt durch Unpünkt­lich­keit, Unzu­ver­läs­sig­keit und man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit auf. Nen­nen wir die­se Per­son hier ein­fach ein­mal Peter. Peters Ver­hal­ten führ­te mit­un­ter so weit, dass es den gesam­ten Fort­schritt des Pro­jekts erheb­lich ver­zö­ger­te und zeit­wei­se sogar das Pro­jekt als Gan­zes gefährdete.

Wenn Peter vom Rest des Teams zur Rede gestellt wur­de, gelang es ihm meist, auf­grund sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Aus­strah­lung alle ande­ren Mit­glie­der mit­tels Aus­re­den zu besänf­ti­gen und auf die Zukunft zu vertrösten.

Ein­mal aller­dings, nach unzäh­li­gen sol­cher Ver­zö­ge­run­gen und Unzu­ver­läs­sig­kei­ten, kam es dann schließ­lich doch zu einer erns­ten Aus­spra­che, in der sich das Team recht ver­nünf­tig, wie mir schien, mit dem Pro­blem aus­ein­an­der­setz­te und Peter recht freund­lich, aber doch deut­lich klar mach­te, wes­halb ein sol­ches Ver­hal­ten nicht nur das Pro­jekt gefähr­de, son­dern auch zwi­schen­mensch­lich im all­ge­mei­nen recht ent­täu­schend sei. Danach bes­ser­te sich sein Ver­hal­ten vor­über­ge­hend ein wenig, doch gelöst wur­de das Pro­blem im End­ef­fekt nur, indem Peter schlicht weni­ger Auf­ga­ben zuge­teilt wur­den, die für das Pro­jekt wich­tig waren. Gelernt hat­te er aus dem Gespräch anschei­nend nichts.

Ein hal­bes Jahr spä­ter unge­fähr unter­hielt ich mich mit zwei ande­ren Team­mit­glie­dern noch ein­mal über das Pro­jekt im All­ge­mei­nen sowie über das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hal­ten Peters im Spe­zi­el­len. Einer der bei­den besuch­te auch in der Zeit nach Pro­jekt­ab­schluss noch diver­se Kur­se, an denen auch Peter teil­nahm, und konn­te uns somit von ein paar zusätz­li­chen Ein­drü­cken erzäh­len. Wir frag­ten uns, ob Peter lang­fris­tig aus sei­nen Feh­lern und unse­ren Dis­kus­sio­nen irgend­et­was gelernt hatte.

Die Ant­wort, die wir uns gaben, fiel recht ernüch­ternd aus und wur­de von einem der bei­den, mit denen ich mich unter­hielt, prä­gnant zusam­men­ge­fasst, indem er (nen­nen wir ihn Max) einen Satz zitier­te, den Peter in der dama­li­gen Dis­kus­si­on zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­ge­bracht hat­te: „Es ist bei mir halt so, dass ich den Kopf in den Sand ste­cke, wenn es Pro­ble­me gibt“.

Das Pro­ble­ma­ti­sche an die­sem einen Satz war nun nicht das Kopf-in-den-Sand-Ste­­cken, son­dern das unschein­ba­re „es ist bei mir halt so“. Max erklär­te, es gebe sei­nes Erach­tens zwei Typen von Men­schen, näm­lich zum einen die­je­ni­gen, die glau­ben, Men­schen könn­ten sich nicht ändern, und die ande­ren. Die­ser eine Satz drück­te laut Max in weni­gen Wor­ten alles über Peter aus, was hin­sicht­lich die­ser zwei Typen von Bedeu­tung war: Peter gehört(e) zu ersteren.

Peter wird, dar­in waren wir uns einig, die glei­chen Feh­ler wie­der und immer wie­der machen, denn er lernt nichts aus die­sen Feh­lern, will gar nichts dar­aus ler­nen, weil er näm­lich glaubt, er sei „halt so“ – und nicht anders. Er nahm die Kri­tik zwar auf, zog dar­aus aber kei­ne per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen, weil das bedeu­tet hät­te, sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, etwas falsch gemacht zu haben, und weil das zugleich bedeu­ten wür­de, Enga­ge­ment und Gedan­ken in die eige­ne Ver­än­de­rung oder Wei­ter­ent­wick­lung ste­cken zu müs­sen, wäh­rend die ande­re Lösung, die gewähl­te Lösung, doch so viel ein­fa­cher ist: Ich bin halt so – da kann man nichts machen.

Doch man kann, denn nie­mand ist „halt so“. „Ich bin halt so“ ist Schwach­sinn. Es gibt kein fer­ti­ges Sein, kei­ne abge­schlos­se­ne Per­sön­lich­keit. „Ich bin halt so“ ist eine Aus­re­de und gleich­zei­tig eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung. Nur die­je­ni­gen, die die­sen Glau­ben tei­len, wer­den genau so blei­ben. Wer sich selbst davon über­zeugt, er sei „halt so“, wird sich auch immer wie­der gleich ver­hal­ten, immer wie­der die glei­chen Feh­ler machen und die­se Feh­ler als Bestä­ti­gung sehen, „halt so“ zu sein, anstatt dar­aus für die Zukunft irgend­et­was zu lernen.

Eine ande­re Per­son ver­band die­se mit beharr­li­cher Kon­se­quenz ver­tre­te­ne Über­zeu­gung, „halt so“ zu sein, mit noch einem ande­ren Dog­ma. Als ich sie ein­mal frag­te, wel­che Ent­schei­dun­gen sie bereue oder in wel­chen Fäl­len sie sich, im Nach­hin­ein betrach­tet, ein­mal falsch ent­schie­den hät­te oder sich heu­te anders ent­schei­den wür­de, ant­wor­te­te sie mir, es gebe in ihrem Leben bis­her kei­ne sol­chen Ent­schei­dun­gen. Zunächst glaub­te ich noch, das sei nur ein Aus­wei­chen, um der Beant­wor­tung der Fra­ge zu ent­ge­hen, doch was sie sag­te, mein­te sie tat­säch­lich voll­kom­men ernst, wie sich in der fol­gen­den Zeit noch herausstellte.

Im End­ef­fekt bedeu­tet das, was sie damit aus­drück­te, dass sie von sich selbst und für sich selbst glaubt, noch nie wirk­lich einen Feh­ler gemacht zu haben – nichts ande­res sind Ent­schei­dun­gen, die man bereut. Kann es einen sol­chen Men­schen über­haupt geben? Ist das schlicht posi­ti­ves Den­ken in einer absur­den, sei­ner auf die Spit­ze getrie­be­nen Form? Oder Arro­ganz? Kei­ne Ent­schei­dun­gen zu bereu­en heißt eben auch: Nie­mals um Ver­zei­hung zu bit­ten, wenn man ande­ren auf die Füße tritt.

Um ihre Ant­wort zu erklä­ren, argu­men­tier­te sie, dass sie nur dann wie­der genau der sel­be Mensch wer­den wür­de, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen, also auch Feh­ler, die uns präg­ten, erneut genau­so tref­fen wür­de, wie sie sie tat­säch­lich getrof­fen hat. Wür­de sie sich an irgend­ei­ner Stel­le anders ent­schei­den, wür­de sie damit zugleich eine ande­re Per­sön­lich­keit wer­den – dies wür­de sie ger­ne ver­mei­den, weil es das Schick­sal eben so gewollt hät­te und sie damit recht zufrie­den sei.

Die­se Argu­men­ta­ti­on ist so rich­tig wie tri­vi­al. Natür­lich hat­te sie Recht: Sie ist heu­te, wer sie ist, eben weil sie sich so ent­schie­den hat, wie sie sich ent­schie­den hat, und sie wür­de nur wie­der genau der sel­be Mensch wer­den, der sie jetzt ist, wenn sie alle Ent­schei­dun­gen erneut genau­so trä­fe. Bloß: Was sagt einem das? Alles und nichts.

Wenn sich ein Mensch tat­säch­lich die Fra­ge stel­len kann: „Wür­de ich alles, was ich in mei­nem Leben je getan habe, in der glei­chen Situa­ti­on wie­der genau­so machen?“, um dies dann mit Ja zu beant­wor­ten, hal­te ich das, egal bei wem, für Selbst­be­trug. Etwas beim zwei­ten Mal anders zu machen, eine Ent­schei­dung im Nach­hin­ein zu revi­die­ren, zeugt mei­nes Erach­tens kei­nes­wegs davon, eine ande­re Per­son sein zu wol­len oder mit der eige­nen Per­sön­lich­keit unzu­frie­den zu sein. Es heißt nur, dass man aus Feh­lern ler­nen kann, dass man nicht per­fekt ist und sich auch nicht dafür hält. Völ­lig zu Recht sag­te sie: Feh­ler prä­gen uns. Doch gera­de aus die­sem Grund hal­te ich es für ver­mes­sen, im Nach­hin­ein – die­ser rück­bli­cken­den Argu­men­ta­ti­on fol­gend – mit Kennt­nis des Feh­lers den­sel­ben noch ein­mal bege­hen zu wollen.

Zufrie­den­s­ein und Ent­schei­dun­gen zu bereu­en schließt sich nicht aus. Im Gegen­teil: Man kann mit sich selbst zufrie­den sein und trotz­dem Ent­schei­dun­gen bereu­en; man kann sogar mit sich selbst zufrie­den sein, gera­de weil man Ent­schei­dun­gen bereut.

Ein zuge­spitz­tes Bei­spiel soll das Gan­ze ver­deut­li­chen: Wenn ich weiß, dass eine mei­ner Ent­schei­dun­gen einen Men­schen das Leben kos­te­te, wel­chen Grund soll­te ich haben, die­se Ent­schei­dung noch ein­mal genau­so zu tref­fen? Viel­leicht hat sie für mich per­sön­lich im End­ef­fekt dazu geführt, dass ich in Zukunft vor­sich­ti­ger bin, war für mich also alles in allem posi­tiv, aber ermu­tigt oder ent­schul­digt das, sie noch ein­mal genau so zu tref­fen, um wie­der genau der zu wer­den, der ich jetzt bin? Über meta­pho­ri­sche Lei­chen zu gehen und Feh­ler zu wie­der­ho­len, bloß um erneut der­je­ni­ge zu wer­den, der man jetzt ist, zeugt viel­leicht weni­ger von Selbst­zu­frie­den­heit als von Selbst­ge­fäl­lig­keit und einem ego­zen­tri­schen Welt­bild. Da scheint es wie­der durch: Ich bin halt so – und nicht anders.

Ein wenig ähnelt die­se Argu­men­ta­ti­on im Grun­de Vol­taires naiv-opti­­mis­­ti­­schem Can­di­de, der glaubt, alles sei gut und gesche­he zu Recht, auch Krieg, Leid und Armut, da er sich in der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten wähnt und folg­lich den jet­zi­gen Zustand als den bes­ten aller mög­li­chen begreift. Somit ist alles gut, was geschieht und bis hier­hin geschah. Pang­loss, der Leh­rer Can­di­des, der ihm die Leh­re der bes­ten aller mög­li­chen Wel­ten ursprüng­lich nahe­ge­bracht hat­te, sieht in allem Schlech­ten, das geschieht, etwas Gutes und recht­fer­tigt des­sen Exis­tenz, sei es Syphi­lis oder Krieg, aus einem rela­ti­vie­ren­den, aner­ken­nen­den Blick­win­kel, anstatt es als Schlech­tes wahr­zu­neh­men und dar­an zu arbei­ten, es zu ändern. Selbst als Can­di­de am Ende, lan­ge aus sei­nem Para­dies ver­trie­ben, soviel Leid erfah­ren und durch­lebt hat, ver­sucht Pang­loss noch immer, alles Schlech­te schön­zu­re­den, was selbst Can­di­de mitt­ler­wei­le nicht mehr ernst neh­men kann:

„Jeg­li­che Bege­ben­heit im mensch­li­chen Leben gehört in die Ket­te der Din­ge. Denn wären Sie nicht Baro­neß Kune­gun­dens hal­ber mit der­ben Fuß­trit­ten aus dem schöns­ten aller Schlös­ser gejagt, von der Inqui­si­ti­on nicht ein­ge­zo­gen wor­den, hät­ten Sie nicht Ame­ri­ka zu Fuße durch­wan­dert, dem Herrn Baron nicht einen tüch­ti­gen Stoß mit dem Degen ver­setzt, nicht all’ ihre Ham­mel aus dem guten Lan­de Eldo­ra­do ein­ge­büßt, so wür­den Sie jetzt nicht hier ein­ge­mach­ten Zedrat und Pis­ta­zi­en essen.“

Wird die­se Argu­men­ta­ti­on kon­se­quent wei­ter­ge­führt und dra­ma­ti­siert, lässt sich damit von der Ent­schei­dung zwi­schen Döner oder Piz­za über Mob­bing bis hin zu Mord alles schön­re­den, was zum heu­ti­gen Zustand führ­te. Ihr liegt der Glau­be zugrun­de, der Zustand, wie er ist, recht­fer­ti­ge alles, was zu ihm führ­te, adle jedes Gesche­hen, gebe allem einen posi­ti­ven Sinn, mache alles Schlech­te gut. Nicht bloß ist das naiv und ego­zen­trisch, son­dern auch gefähr­lich, ob hin­sicht­lich des Zustands der Welt oder dem der eige­nen Person.

Rück­bli­ckend betrach­tet glau­be ich, dass dies ledig­lich eine Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie ist, sich die lang­jäh­rig kul­ti­vier­te „ich bin halt so“-Überzeugung mit einem Zir­kel­schluss makel­los schön­zu­re­den: Wenn ich „halt so bin“, wie ich bin, und alles, was hier­hin führ­te, gut ist, dann bin ich so, wie ich „halt bin“, per­fekt. Kein Grund, das eige­ne Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, in Fra­ge zu stel­len oder gar zu ändern. Wenn ich durch mei­ne Unzu­ver­läs­sig­keit bei­spiels­wei­se ver­ges­se, ande­ren Leu­ten einen Ter­min abzu­sa­gen, für den sie extra 500km fah­ren müs­sen, dann ist das gar kein Feh­ler, denn so kom­men die ande­ren wenigs­tens mal raus. So ein­fach kann das Leben sein. Was als flap­si­ger Spruch noch lus­tig ist, ver­kommt zu Selbst­be­trug und Respekt­lo­sig­keit ande­ren gegen­über, sobald es jemand wirk­lich ernst meint.

In Wahr­heit aller­dings ist nie­mand von uns per­fekt. Feh­ler, die ein Mensch macht und sich selbst ein­ge­steht, sind nor­mal und ver­zeih­bar. Doch wenn ein Mensch, wie die­se Bei­spie­len zei­gen, nicht bloß Feh­ler macht, son­dern noch dazu sei­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die zu gera­de die­sen Feh­lern führ­ten, als „halt so“ und damit als unver­än­der­lich begreift oder die Feh­ler als sol­che nicht ein­mal in Erwä­gung zieht, son­dern statt­des­sen sich selbst und sei­ner Umwelt ein­re­det, kei­ne feh­ler­haf­ten Ent­schei­dun­gen getrof­fen zu haben, wird solch ein Mensch auf lan­ge Zeit unaus­steh­lich und sei­ne Feh­ler unver­zeih­lich. Sie gesche­hen dann auch tat­säch­lich immer wieder. 

Men­schen ändern sich – wenn sie es wollen.

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Ich glau­be, nie­mand möch­te die sozia­le Welt so sehen, wie sie ist; es gibt vie­le Arten, sie zu ver­leug­nen; es gibt die Kunst, natür­lich. Aber es gibt auch eine Form von Sozio­lo­gie, die die­ses bemer­kens­wer­te Ergeb­nis zustan­de­bringt, näm­lich von der sozia­len Welt zu reden, als rede­te sie nicht von ihr (…). Die Ver­nei­nung im Freud­schen Sin­ne ist eine Form von Eska­pis­mus. Wenn man vor der Welt, wie sie ist, flie­hen will, kann man Musi­ker wer­den, Phi­lo­soph, Mathe­ma­ti­ker. Aber wie flieht man vor ihr, wenn man Sozio­lo­ge ist? Es gibt Leu­te, die das schaf­fen. Man braucht nur mathe­ma­ti­sche For­meln zu schrei­ben, Spiel­theo­rie­übun­gen oder Com­pu­ter­si­mu­la­tio­nen durch­zu­ex­er­zie­ren. Wenn man wirk­lich die Welt wenigs­tens ein biß­chen so sehen und so über sie reden will, wie sie ist, dann muß man akzep­tie­ren, daß man sich immer im Kom­pli­zier­ten, Unkla­ren, Unrei­nen, Unschar­fen usw. und also im Wider­spruch zu den gewöhn­li­chen Vor­stel­lun­gen von Wis­sen­schaft­lich­keit befindet.
(Pierre Bour­dieu – „Inzwi­schen ken­ne ich alle Krank­hei­ten der sozio­lo­gi­schen Ver­nunft“, in: Pierre Bour­dieu, Jean-Clau­­de Cham­bo­re­don und Jean-Clau­­de Pas­se­ron – Sozio­lo­gie als Beruf)